Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wähler bevorzugen erpresserische Egoisten"

Zwei Politiker schütteln sich die Hände

Wähler bevorzugen erpresserische Egoisten

Ziehen Politikerinnen und Politiker ihre Verhandlungsgegner über den Tisch und vermeiden faire Zugeständnisse, haben sie gute Chancen, wiedergewählt zu werden. Ein Experiment belegt damit spieltheoretisch, was in der Politikwissenschaft schon länger bekannt ist.

Experiment 08.03.2016

Im Experiment teilten die Forscherinnen und Forscher Versuchspersonen in "Ländergruppen" auf, die Repräsentanten für fiktive "Klimaverhandlungen" wählten. Sie sollten nach zehn Verhandlungsrunden gemeinsam eine Geldsumme bereitstellen, um ein "Klimaziel" zu erreichen.

Nachgeben und einfordern

Jedes "Land" hatte dazu einen Geldtopf. Für die einzelnen Verhandlerinnen und Verhandler war es gut, wenn sie wenig beitrugen: "Wenn sie nämlich genug Geld auftreiben konnten, um das Klimaziel zu erreichen, durften sie und ihre 'Wähler' den Rest behalten", erklärte Christian Hilbe vom Institute of Science and Technology Austria (IST) in Klosterneuburg der APA. Allerdings nur, wenn das Ziel erreicht wurde, sonst war alles Geld verloren.

Die Verhandlungen spiegelten diese Vorgabe: Die "egoistischen" Politikerinnen und Politiker haben von einem viel zu niedrigem Angebot ausgehend in den einzelnen Verhandlungsrunden immer wieder unbedeutende Zugeständnisse gemacht. Gleichzeitig haben sich die kooperierenden Versuchspersonen über den Tisch ziehen lassen und aus ihrem Budget kräftig nachgelegt.

Am Schluss wurde das "Klimaziel" trotz unfairer Beiträge in der Mehrheit der Fälle erreicht. Die egoistischen Erpresser hatten die Profite für sich und ihre Wähler auf Kosten der Kooperatoren maximiert.

Belohnung bei Wahlen

Dementsprechend fielen auch die nächsten "Wahlen" aus: Egoistische Repräsentanten, die weniger als den fairen Beitrag aus ihrem Ländertopf leisteten, wurden bei "Neuwahlen" bevorzugt wiedergewählt, berichten die Forscher. Die "Staatsbürger" schickten sie wieder zu Verhandlungen, obwohl sie hauptsächlich die eigenen Interessen verfolgt hatten und einen kollektiven Verlust riskierten.

"Für mich war es spannend zu sehen, dass die Leute wollen, dass ihre Vertreter egoistischer vorgehen, als sie es selber tun würden", sagte Hilbe. Auch Personen, die in - im Experiment geforderten - "nicht bindenden Wahlversprechungen" ankündigten, egoistisch verhandeln zu wollen, kamen öfter zum Zug. "Da Vertreter bevorzugt wiedergewählt werden, wenn sie egoistisch handeln, handeln sie eben egoistisch", erklärten die Forscher - womit ein Grundprinzip der Machtpolitik nun auch spieltheoretisch erklärt wäre.

science.ORF.at/APA

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