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Österreichs Flagge vor blauem Himmel

Neue Sicht auf Österreichs Geschichte

Nachdem er zwei Bücher zu Österreichs Geschichte kritisiert hatte, wurde der Historiker Thomas Winkelbauer vom Reclamverlag gefragt, ob er sich selbst an so ein Werk wagen wolle. Das Ergebnis ist eine "Geschichte Österreichs mit ihren Kontinuitäten und Brüchen" - so beschreiben Winkelbauer und seine Mitautoren ihre Darstellung.

Buchhinweis 09.03.2016

Ziel sei "eine neue Sicht" auf Österreichs Geschichte von der Römerzeit bis ins Heute gewesen, die ursprünglich im Format der kleinen gelben Bände der Reclam-Universalbibliothek daherkommen sollte, schilderte Winkelbauer. Geworden ist es stattdessen ein 647 Seiten dickes, "eher trockenes Buch", das abseits der Herrschafts-und Staatenbildung auch etwa die demografische Geschichte, Kultur-, Sozial-, Religions- und Bildungsgeschichte beleuchtet.

Buch:

"Geschichte Österreichs", herausgegeben von Thomas Winkelbauer, Reclam Verlag, 647 S.

Winkelbauer beschreibt darin aus einer "Vogelperspektive" ohne national wertende Gesichtspunkte die sieben Herrschergenerationen der Habsburgermonarchie zwischen 1519 und 1740. Mit Walter Pohl, Christian Lackner, Brigitte Mazohl und Oliver Rathkolb hat er sich Experten für die jeweiligen Zeitabschnitte an seine Seite geholt.

Gegen Anachronismen schreiben

Zur modernen Identitätsstiftung seien die von ihm beschriebenen Jahrhunderte (Römer- bis Karolingerzeit) "nur schwer zu gebrauchen", wehrte sich etwa Pohl gegen Versuche, über genetische Funde konkrete Wurzeln der heutigen Bevölkerung festzulegen.

Eine "möglichst offene Geschichtsschreibung" wollte auch Christian Lackner über das Hoch-und Spätmittelalter vorlegen und sich nicht "Meistererzählungen" beugen, wonach das Österreich des Spätmittelalters jenem von 1918 entspräche. "Gegen solche Anachronismen habe ich versucht anzuschreiben."

Andere Kontinuitäten gebe es allerdings sehr wohl, so Winkelbauer: So seien damals Strukturen und Figurationen wie die Landesfürsten und die sozialen Gruppen entstanden, die bis ins späte 18. Jahrhundert erhalten geblieben seien.

"Tradition der Ungleichheit"

Viel Bleibendes erwähnte Brigitte Mazohl, die in der "Geschichte Österreichs" die Zeit Maria Theresias bis zum Ende der Monarchie beschreibt: Vor allem die ständischen Strukturen seien, auch über den Vormärz hinaus, erhalten und selbst nach ihrer Abschaffung als "Tradition der Ungleichheit" in der Bevölkerung stark verankert geblieben.

Auch die große Bedeutung der Länder in Österreich habe in der damaligen Zeit ihre Wurzeln, ebenso die Verpflichtung der Verwaltung und Bürokratie zur Neutralität und die Schaffung des bürgerlichen Rechts. Die Revolution von 1848 hätten die Zeitgenossen damals wahrscheinlich nicht so sehr als Bruch erlebt, blieben doch etwa mehr als 90 Prozent der Beamten trotz Kompromittierung erhalten. "Aber es war sicher ein massiver Einbruch in das beschauliche Leben von zuvor."

Vorarbeit für "Haus der Geschichte"

Für Oliver Rathkolb, der in dem Band die Zeit der Ersten Republik bis heute untersucht, ist die "Geschichte Österreichs" eine "wichtige Vorarbeit" für das Haus der Geschichte, das Ende 2018 in der Hofburg eröffnet werden soll.

Dort soll die Entwicklung Österreichs ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nachgezeichnet werden. Schwerpunkt werde die Zeit ab dem Zerfall Österreich-Ungarns sein, "einem Zeitpunkt, wo kein Stein auf dem anderen geblieben ist", so Rathkolb, der den wissenschaftlichen Beirat zur Errichtung des Hauses der Geschichte leitet. Für Fragen der österreichischen Identität werde man allerdings "weit nach hinten gehen". Hier könne man die Erkenntnisse aus dem Buch "punktuell aufnehmen und vertiefen".

science.ORF.at/APA

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