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Porträtfoto von Hamdi Alsaffouri

"I find my way by learning Deutsch"

Knapp 35.000 Menschen aus Syrien haben seit 2014 in Österreich um Asyl angesucht. Einer davon ist Hamdi al-Saffouri. In seiner Heimat hat er als Pflanzengenetiker und Agrarwissenschaftler gearbeitet. In Österreich sucht er nun Anschluss an das heimische Forschungssystem.

Geflüchteter Forscher 23.03.2016

In der Serie "Scientists Welcome?" stellt science.ORF.at hochqualifizierte Menschen vor, die im Rahmen der aktuellen Fluchtbewegungen ihre Heimat verlassen haben und nun in Österreich - auch wissenschaftlich - Fuß fassen wollen.

Trockenheit und Versalzung

Landwirtschaft spielte in Syrien vor dem Krieg eine große Rolle. 30 Prozent der Gesamtfläche wurden vor allem zum Anbau von Weizen, Gerste und Oliven genutzt, aber auch Linsen, Mandeln, Pistazien und Zitrusfrüchte wurden in großem Stil angebaut. Zum Vergleich: In Österreich werden 16 Prozent der Fläche als Ackerland genutzt.

Zwei Herausforderungen machten den syrischen Bäuerinnen und Bauern vor dem Krieg zu schaffen: die Trockenheit und die Versalzung, durch die in den letzten Jahrzehnten rund ein Drittel des Bodens als Anbaufläche verloren gegangen ist.

"Deshalb waren Trockenheit und Versalzung die Hauptthemen meiner Forschungsarbeit", sagt Hamdi al-Saffouri im Gespräch mit science.ORF.at. Der heute 41-Jährige war vor seiner Flucht im Jahr 2014 Leiter der Abteilung für Pflanzenbiotechnologie in der Generalkommission für agrarwissenschaftliche Forschung, einer dem Landwirtschaftsministerium zugeordneten Behörde in Damaskus.

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Ö1 Sendungshinweis

Über Hamdi al-Saffouri berichtet auch "Wissen Aktuell" am 23.3.2016 um 13.55 Uhr.

Natürliche Züchtung

In erster Linie ging es in seiner Forschungsarbeit darum, das Erbgut von Pflanzen auf Besonderheiten zu analysieren, die sie widerstandsfähiger gegen Trockenheit und Versalzung zu machen. Und auch wenn Hamdi al-Saffouri seinen Doktortitel in Genetik und Biotechnologie gemacht hat, bedeutet das nicht, dass er an genetisch verändertem Saatgut gearbeitet hätte: "Es ging um natürliche Züchtung und 'Marker Assisted Selection' - also die Auswahl von passenden 'Elternpflanzen' aufgrund genetischer Merkmale."

Hamdi al-Saffouris Schwerpunkt war die Baumwolle, von der vor dem Krieg in Syrien jedes Jahr knapp 170.000 Tonnen produziert wurden - darunter auch Bio-Baumwolle, wie er nicht ohne Stolz betont. Mit neuen Sorten wurde unter anderem in einem Labor mit großen Grünflächen in Duma, einer Stadt nur zehn Kilometer von Damaskus entfernt, experimentiert. Mit dem Ausbruch des Kriegs hat sich aber alles geändert.

"Wissenschaftler, kein Polizist"

Der Krieg habe das Leben seiner Familie in Syrien zunehmend unerträglich gemacht, schildert Hamdi al-Saffouri. An seinem Arbeitsplatz wurde er immer mehr unter Druck gesetzt, über die politische Haltung seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu berichten. "Ich bin Wissenschaftler, nicht Polizist", sagt der Genetiker heute noch hörbar empört. Sein Bruder ist vor vier Jahren verschwunden. "Wir wissen bis heute nichts von seinem Schicksal."

Und auch die Bedrohung durch Bomben wurde immer größer: "Ich weiß nicht, ob es das Labor in Duma noch gibt. Das letzte Mal, als ich dort war, sind ganz in der Nähe Bomben explodiert", so Hamdi al-Saffouri. Sein Neffe wurde bei einem Bombeneinschlag getötet. Deshalb habe er seine Frau und seine fünf Kinder - darunter Drillinge, seine ganz persönliche Herausforderung durch Genetik, wie er schmunzelnd erzählt - schon vor 2014 in Ägypten in Sicherheit gebracht. Er selbst nutzte dann im Juli 2014 eine Schulung bei der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien, um hier zu bleiben.

Deutsch als Basis

Die erste Zeit in Österreich verging mit Behördenwegen und Organisationsarbeit: "Bis meine Familie hierher kommen konnte, wir einen Kindergarten und eine Schule für die Kinder gefunden hatten, für alle Asyl beantragt war - all das brauchte viel Zeit." Jetzt lernt er Deutsch, denn das sei die Basis, um Anschluss an die Wissenschaft in Österreich zu finden, habe man ihm an der Universität Wien gesagt, erzählt Hamdi al-Saffouri.

Er nimmt auch am Programm "Science in Asylum" des Zentrum für Soziale Innovation (ZSI) teil, das Flüchtlingen mit akademischem Hintergrund helfen möchte, Kontakte zu Forschungseinrichtungen in Österreich zu knüpfen.

"Thank you" with science

Zur Zukunft seines Heimatlandes Syrien befragt, runzelt Hamdi al-Saffouri die Stirn: "In Syrien hat es viele gut ausgebildete Menschen gegeben, vor dem Krieg hat so gut wie niemand Syrien verlassen, auch wenn es dort und da Probleme gab. Jetzt gehen alle weg. Mein Vorgänger in der Abteilung für Biotechnologie lebt heute in Ungarn, mein Nachfolger in Deutschland."

Auch wenn er in Österreich jetzt schon Asyl zugesprochen bekommen hat, würde er zurückkehren, wenn es in Syrien Perspektiven für eine friedliche Zukunft gäbe. Derzeit ist das aber nicht absehbar, sagt der Genetiker. "I started a new life here in Austria. I would like to say 'Thank you' with science. I hope I find my way by learning Deutsch."

Elke Ziegler, science.ORF.at

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