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Ein Mann hält sich den Kopf, hinten geht die Sonne unter, man sieht nur seinen Schatten

Psychotherapie: Wer kann sich das leisten?

Viele Menschen mit seelischen Problemen können sich in Österreich eine Psychotherapie nicht leisten, eine Stunde kostet im Schnitt 80 Euro. Angehende Therapeuten wiederum müssen sich die teure jahrelange Ausbildung finanzieren. Geld fehlt also an allen Ecken und Enden. Experten fordern eine Gesetzesreform - die ist aber nicht in Sicht.

Gesundheit 09.03.2016

Immer mehr seelisch Kranke

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Die Krankenstände wegen psychischer Leiden haben sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Die Ursachen dafür sind vielfältig, als Hauptgrund gilt der steigende Druck am Arbeitsplatz. Hilfe tut also Not - Psychotherapie könnte Betroffenen helfen, Burn-Out, Depressionen und Angstzustände zu überwinden.

Ein Beispiel für den Anstieg der Erkrankungen: Im Jahr 1995 erfolgten lediglich elf Prozent der Frühpensionierung aufgrund von psychischen Beeinträchtigungen. 2013 waren es bereits 35 Prozent.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag im Mittagsjournal am 9.3. um 12:00.

"Psychotherapie gehört aufgewertet"

Seit 25 Jahren gibt es in Österreich das Psychotherapie-Gesetz. Es regelt im Detail, wer Therapeut bzw. Therapeutin mit welcher Ausbildung werden darf. Die Ausbildung dauert fünf bis sieben Jahre, sagt Anna Kalbeck. Die Juristin absolviert gerade ihre letzten Kurse, bevor sie sich Psychotherapeutin nennen darf.

Im Schnitt kostet eine solche Ausbildung 35.000 Euro. Diese Tatsache findet sie schlimm, sie habe sich die Ausbildung nur durch familiäre Unterstützung leisten können, "Medizin und Psychologie werden hingegen an der Universität angeboten, wo lediglich Studiengebühren zu zahlen sind“.

Das Lehrangebot in der Psychotherapie-Ausbildung sei einem Studium aber ebenbürtig, sagt Maria-Anna Pleischl vom Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik, ÖAGG. Die Ausbildung sei gut. "Jetzt bräuchte sie noch einen Schritt hin zur universitären Ausbildung, um auf Augenhöhe mit Medizin und Psychologie zu kommen“, so Pleischl.

Politik zurückhaltend

Doch von der Idee die Psychotherapie-Ausbildung generell zu akademisieren, wolle die Politik seit Jahren nichts wissen, sagt Standesvertreterin Maria-Anna Pleischl – auch wenn man schon jetzt z.B. in St. Pölten auf einer Privatuniversität Psychotherapie erlernen kann. Eine wirkliche Reform sei nicht in Sicht. So sollte der Staat einerseits die Kosten für die Psychotherapieausbildung tragen und andererseits eine Therapie auf Krankenschein allen ermöglichen, die sie brauchen, so Pleischl.

Aus dem Gesundheitsministerium heißt es dazu wörtlich: "Die Neuregelung der Psychotherapieausbildung ist Teil des Regierungsübereinkommens. Die Ausbildung wird also noch in dieser Gesetzgebungsperiode überarbeitet." und weiter "Es ist aber leider noch zu früh für konkretere Angaben. Es wird 2017 so weit sein, dass ein Entwurf diskutiert werden kann. Angedacht ist aber schon, dass universitäre Zugänge ebenso wie die bisher bewährten Ausbildungsmöglichkeiten Berücksichtigung finden sollen.“

Fast eine Million mit seelischen Problemen

Einer Studie des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger zufolge haben rund 900.000 Menschen in Österreich psychische Probleme. Etwa zehn Prozent davon erhalten Psychotherapie auf Krankenschein, weitere zehn Prozent erhalten einen Zuschuss. Die Gebietskrankenkassen steuern seit 1992 gleichbleibend 21 Euro 80 bei. Bleiben dem Patienten, der Patientin meist Kosten von 50 Euro.

Die Folge, so Peter Stippl vom Bundesverband für Psychotherapie, ÖBVP: Betroffene gehen nicht oder oft erst sehr spät in Therapie gehen. "Die Leute warten viel zu lange unter starkem Leidensdruck, bevor sie sich psychotherapeutisch helfen lassen, weil die Finanzierung eine große Hürde darstellt," erklärt Stippl.

These: Psychotherapie rechnet sich

Fazit: in der Psychotherapie fehlt es - salopp ausgedrückt - vorne und hinten - an Geld. Therapeuten können sich die Ausbildung kaum leisten, müssen dafür oft einen Kredit aufnehmen, der sie über viele Jahre begleitet. Patienten wiederum gehen nicht in Therapie, weil sie sich die Stundensätze der Therapeuten von 70 bis 90 Euro nicht leisten können.

Diesen Teufelskreis sollte man durchbrechen, sagt Stippl und zwar durch eine Systemänderung. Im Regierungsprogramm von SPÖ und ÖVP findet sich übrigens bereits das Vorhaben, die Ausbildung neu zu regeln. Bisher liegt allerdings kein Gesetzesentwurf vor.

Studien würden belegen, dass - wenn der Staat Geld in Ausbildung und Therapie investieren würde - er sich auf lange Sicht viel sparen würde. "Es rechnet sich!" sagt Peter Stippl. Denn psychische Erkrankungen bewirken hohe Kosten: etwa 189 Millionen Euro Rehabilitationsgeld oder 280 Millionen Euro Spitalskosten.

In Summe belaufen sich die gesamtwirtschaftlichen Kosten auf rund vier Milliarden Euro. Demgegenüber werden jährlich 21 Millionen Euro für den Zuschuss für Psychotherapie aufgewandt. In einer Szenario-Rechnung des Bundesverbandes für Psychotherapie wurden drei Varianten kalkuliert, mit Einsparungen von 25, 15 und von 7,5 Prozent. Im schlechtesten Fall würde sich der Staat rund 300 Millionen Euro ersparen, im besten an die 990 Millionen Euro.

Gudrun Stindl, Ö1 Wissenschaft

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