Standort: science.ORF.at / Meldung: "Kinder erkennen echte Kunst"

Ausschnitt aus einem Werk von Jackson Pollock

Kinder erkennen echte Kunst

"Das kann ja jedes Kind", heißt es mitunter, wenn es um abstrakte Kunst geht. Aber offenbar gibt es doch etwas, das die Werke bekannter Künstler von jenen kleiner Kinder unterscheidet. Und - wie eine Studie zeigt - schon Kinder im Vorschulalter können den Unterschied erkennen.

Qualität 14.03.2016

Betrachtet man beispielsweise ein Werk des bekannten abstrakten Expressionisten Jackson Pollock, sieht es für Laien so aus, als hätte der Maler die Farbe mehr oder wenig planlos auf die Leinwand gekippt. Spötter behaupten daher gerne, das Gewirr aus Farbklecksen könnte genauso gut von kleinen Kindern oder gar von Affen stammen.

Aber offensichtlich gibt es doch einen Unterschied zu den kindlichen Kritzeleien, wie auch nicht geschulte Betrachter erkennen. Das zeigte eine Studie der Forscher um Angelica Hawley-Dolan und Ellen Winner vom Boston College bereits im Jahr 2011.

Paarweise Vergleiche

Das Team hat nun eine ähnliche Untersuchung mit Kindern durchgeführt. Dabei mussten Vier- bis Siebenjährige und Acht- bis Zehnjährige paarweise angeordnete Bilder betrachten, eins davon war immer ein echtes abstraktes Kunstwerk, das andere eine äußerlich ähnliches Gemälde, aber angefertigt von Kindern, Elefanten oder Affen.

Die Studie im "Journal of Cognition and Development":

"Can Young Children Distinguish Abstract Expressionist Art From Superficially Similar Works by Preschoolers and Animals?" von Jenny Nissel et al., erschienen 2016.

Ein Betrachter vor einem Werk von Jackson Pollock

AFP, ATTA KENARE

Ein Betrachter vor einem Werk von Jackson Pollock

Die jungen Probanden mussten angeben, welches ihnen besser gefällt und welches generell besser ist. Zuerst wussten sie dabei nicht, wer das Werk produziert hatte, in der nächsten Anordnung war die Urheberschaft transparent und zuletzt vertauscht.

Qualität vs. Vorliebe

Die drei zentralen Resultate: Schon die jüngsten Teilnehmer konnten die echten Kunstwerke von den kindlichen bzw. tierischen Produktionen unterscheiden, wenn die Urheber verdeckt waren.

Anders als die Erwachsenen bevorzugten die Kinder oft die Laienbilder, wenn es um den persönlichen Geschmack ging. Ihre Wahl rechtfertigten sie dabei mitunter mit den Anstrengungen der Nichtprofis, wie z.B. "Für einen Elefanten ist das wirklich gut."

Und - so das dritte und zentrale Ergebnis - wie Erwachsene präferierten die Kinder die echten Kunstwerke, wenn es um objektive Qualität und nicht um Vorlieben ging. Das zeige, dass schon die jungen Betrachter zwischen rationaler Beurteilung und persönlichen Neigungen unterscheiden.

Für Künstler und ihre Fans sei das eine positive Nachricht, schreiben die Forscher: "Die Tatsache, dass sogar Vorschulkinder die echte Kunst erkennen können, liefert ein gutes Gegenargument an all jene Museumsbesucher, die behaupten, Jackson Pollocks Bilder unterscheiden sich nicht von den Farbklecksen an Kindergartenwänden."

Eva Obermüller, science.ORF.at

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