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Rohes Fleisch

Experiment: So schmeckt rohes Ziegenfleisch

Welche Rolle spielte der Fleischkonsum für die Evolution des Menschen? Um das herauszufinden, hat ein amerikanischer Anthropologe ein ungewöhnliches Experiment durchgeführt: Er ließ seine Probanden rohes und zähes Ziegenfleisch essen.

Evolution 11.03.2016

Du bist, was du isst, heißt es im Volksmund. Der Satz ließe sich auch historisch erweitern: Wir sind, was unsere Vorfahren einst gegessen haben. Unter Anthropologen herrscht nämlich mittlerweile Übereinkunft, dass der Ernährung in der Entwicklung zum modernen Menschen ein wichtiger, wenn nicht sogar entscheidender Faktor zukommt. Energiereiche Nahrung, vor allem Fleisch, war dafür verantwortlich, dass wir uns ein so großes und energiezehrendes Gehirn "leisten" konnten.

Soweit das große Bild. Ein paar Details gibt es freilich noch nachzuliefern. Denn um Fleisch essen zu können, müssen wir es zunächst kochen oder braten. Archäologischen Befunden zufolge wussten die Vormenschen vor etwa 500.000 Jahren mit Feuer umzugehen.

Das Problem ist nur: Die Geschichte beginnt viel früher. Die Verkleinerung der Kiefer und das Wachstum des Gehirns setzten bereits vor zwei Millionen Jahren ein. Schon Homo erectus aß regelmäßig Fleisch - wie konnte er das ohne Hilfe des Feuers?

"Man kaut und kaut und kaut ..."

Diese Frage hat nun der amerikanische Forscher Daniel Lieberman im Experiment untersucht. Der Anthropologe von der Harvard University bat Probanden ins Labor, verteilte auf deren Gesicht Elektroden und bestimmte die Kräfte ihrer Kaubewegungen. Zu essen bekamen die offenbar geduldigen Testpersonen eine möglichst authentisches pleistozänes Menü - das, was vermutlich auch den frühen Hominiden zur Verfügung stand: rohe Fleischbrocken von der Ziege (Ziege deshalb, weil Rind und Schwein heutzutage für zartes Fleisch gezüchtet wurden) sowie unbehandelte Wurzeln und Knollen.

Lieberman nahm an dem Versuch auch selbst teil - und war davon nicht sonderlich angetan: "Rohes Ziegenfleisch zu essen ist nicht angenehm. Man kaut und kaut und kaut und es passiert … nichts."

Wie Lieberman im Fachblatt "Nature" vorrechnet, wären bei dieser Diät 40.000 Kaubewegungen pro Tag notwendig, um auf 2.000 Kilokalorien zu kommen. Rechnet man pro Kaubewegung eine Sekunde, wäre Homo erectus täglich elf Stunden mit Kauen beschäftigt gewesen. "Das mag zwar für manche Baseballspieler und Fußballtrainer kein Problem sein", heißt es im Editorial zur vorliegenden Studie. "Aber vielleicht hatte Homo erectus besseres tu tun?"

Kleine Kiefer gut für Sprechvermögen

Dieser Meinung ist auch Lieberman. Seine Versuche zeigen, wie sich das Dilemma schrittweise lösen lässt. Schneidet man Fleisch und zerstampft man Knollen, verbessert sich die Lage deutlich. Laut Studie bringt bereits der Einsatz einfachster Steinwerkzeuge eine Ersparnis von 2,5 Millionen Kaubewegungen pro Jahr. Zeit, die für anderes genutzt werden konnte - zum Beispiel, um mit Artgenossen zu kommunizieren.

Die Puzzlesteine passen recht gut zueinander. Denn wenn der Kauapparat weniger gefordert war, gab es keinen Grund, weiterhin in eine besonders robuste Anatomie zu investieren. Wodurch sich der Weg zu einer Umwidmung öffnete. Präzise Mundbewegungen, wie sie beim Sprechen notwendig sind, waren nach Ansicht von Anthropologen nämlich erst mit einem fragilen Kiefer möglich.

Das Kochen von Nahrung, betont Lieberman, gab dieser Entwicklung zweifelsohne einen entscheidenden Schub. Aber es war nicht der Auslöser. Die historische Reihenfolge der Innovationen war ihm zufolge diese: Zuerst kamen die Küchenwerkzeuge, dann das Kochen.

Robert Czepel, science.ORF.at

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