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Autos im Stau von hinten

Wann ist Fortschritt ein Fortschritt?

Atomkraft, Gentechnik, Digitalisierung: Viele technische Fortschritte sind zwiespältig, haben Vor- und Nachteile. Alleine mit ihrer Hilfe wird man die Probleme der Gegenwart nicht lösen können, meint der Historiker und Journalist Marcel Hänggi. Im Interview verrät er auch den "rückschrittlichsten Fortschritt": das Auto.

Mut zur Nachhaltigkeit 16.03.2016

science.ORF.at: Was definieren Sie als Fortschritt?

Marcel Hänggi: Der Begriff hat seit der Aufklärung Anfang des 18. Jahrhunderts Bedeutung und umschreibt technische wie andere Errungenschaften. Er ist aber auch diskreditiert, denn im Namen des Fortschritts sind viele Verbrechen begangen worden – Dinge, die im Nachhinein vielleicht sogar ein Rückschritt waren.

Ich versuche, deshalb den Begriff nicht zu verwenden, sondern spreche eher von "technischem Wandel". Dennoch kommen wir an der Fortschrittsidee nicht vorbei, und da sehe ich es so: Fortschritt muss den schlimmstmöglichen Rückschritt vermeiden.

Was wäre das?

Das wäre – was durchaus denkbar ist – die Selbstzerstörung der menschlichen Zivilisation, sei es durch Umweltverschmutzung, Massenvernichtungswaffen oder wodurch auch immer.

Zur Person

Marcel Hänggi studierte Geschichte an der Universität Zürich und ist freischaffender Wissenschaftsjournalist und Buchautor in Zürich. Sein Buch "Fortschrittsgeschichten – Für einen guten Umgang mit Technik" ist 2015 erschienen.

Veranstaltungshinweis

Marcel Hänggi hält am Donnerstag, den 17.3.2016 um 18:30 Uhr im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Mut zur Nachhaltigkeit" in Wien einen Vortrag zum Thema "Fortschritt! Fortschritt? Für einen zukunftsfähigen Umgang mit Technik". Veranstalter der Vortragsreihe ist das Umweltbundesamt.

Bei manchen Techniken ist nicht immer gleich absehbar, wie negativ oder positiv sie sich langfristig auswirken, etwa bei der Atomkraft ...

Das stimmt, grundsätzlich kann man Techniken nur im Laufe der Zeit bewerten, in dem man sie nutzt bzw. beobachtet, wie sie genutzt werden. Es gibt aber Fälle, in denen das nicht geht, weil die möglichen Folgen zu gravierend wären.

Hier spielt die Technikfolgenabschätzung eine wichtige Rolle – auch wenn es natürlich sein kann, dass man ein Risiko fälschlicherweise zu hoch einschätzt. Ich denke aber, das muss man im Sinne einer sinnvollen Vorsorgestrategie in Kauf nehmen.

Bei der Atomkraft haben wir das verschlafen. Nun haben wir den Schlamassel, dass wir nicht wissen, was wir mit den radioaktiven Abfällen tun sollen. Das ist ein klassisches Beispiel, wo man im Nachhinein sagen muss, man hätte damit gar nicht beginnen sollen.

Allerdings war man sich dessen damals nicht bewusst, welche Verstrahlungen, Unfallrisiken, Abfall etc. damit einhergehen. Ein anderes Beispiel ist die Gentechnik in der Landwirtschaft. Hier werden Organismen in die Umwelt frei gesetzt, ohne dass man genau weiß, wie sich diese langfristig auswirken. Sollte es wirklich zu Schäden kommen, wird man sie nur schwer wieder reparieren können.

Im Laufe der Geschichte: Was war ihres Erachtens der rückschrittlichste Fortschritt?

Ganz klar – soweit es zivile Techniken angeht: das Auto.

Warum?

Erstens tötet das Auto heute geschätzte drei bis vier Millionen Menschen jährlich – 1,3 Millionen durch Unfälle, der Rest durch Umweltwirkungen. Hätte man das im späten 19. Jahrhundert vorausgesehen, niemand hätte ein solches Gerät zugelassen. Dazu kommen all die anderen negativen Folgen, von der Besetzung des öffentlichen Raums und der Verschandelung von Landschaften und Städten bis zu den CO2-Emissionen.

Darüber hinaus ist das Auto das Paradebeispiel einer dysfunktionalen Technik: Es verspricht Freiheit, dabei gibt es keinen anderen Bereich des Lebens, der so sehr reguliert ist wie der Straßenverkehr - wäre er das nicht, gäbe es noch mehr Tote. Es verspricht Mobilität, aber noch nie litten so viele Menschen an Krankheiten, die auf Bewegungsmangel zurückzuführen sind wie im automobilen Zeitalter.

Auf der anderen Seite kommt man mit dem Auto schnell von A nach B, von der Stadt aufs Land …

Das Auto – das gilt zu einem gewissen Grad auch für andere Verkehrsmittel wie die Bahn – hat die Bedürfnisse der Mobilität selber erst hervorgebracht. Empirische Studien belegen immer wieder, dass jede Beschleunigung des Verkehrs um den Faktor X zu einer Verlängerung der Wege um denselben Faktor X führt.

Viele sind heute auf das Auto angewiesen, um ihre Alltagsmobilität zu bewältigen – aber gäbe es das Auto nicht, hätten sich die Raumstrukturen so entwickelt, dass niemand ein Auto brauchen würde. Das Auto hat uns mithin nicht mobiler gemacht, es ist bestenfalls ein Mobilitäts-Nullsummenspiel zu exorbitanten Kosten. Und berücksichtigt man die Mobilität von Kindern, Betagten, Blinden usw., so hat das Auto viel Mobilität vernichtet.

Zurück zum technischen Fortschritt: Manche gehen davon aus, Herausforderungen wie der Klimawandel seien ausschließlich durch neue Technologien zu meistern. Sehen Sie das auch so?

Evgeny Morozov nennt das "Solutionismus" – sprich der Glaube, dass man alles technisch lösen kann. Es gibt Extremisten wie Google Chef Eric Schmidt, der sagt, Google wird Lösungen für sämtliche Probleme bereit stellen – das ist für mich absoluter Blödsinn.

Es entpolitisiert das Problem, wenn man meint, man muss nur warten, bis jemand die richtige Technik bereitstellt. Wir müssen uns selber fragen, was wir wollen und entscheiden – das macht keine Technik für uns.

Selbst wenn man heute theoretisch so weit wäre, den gesamten Energieverbrauch – zu vertretbaren Kosten – komplett durch erneuerbare Energien zu decken, müsste man sich trotzdem die Frage stellen, wie man verhindert, dass die Energie nicht einfach zusätzlich gebraucht wird und wir nicht einfach weiterhin Erdöl, Erdgas und Kohle verbrennen. Hier gibt es nur eine politische Lösung, nämlich man muss das Zeug verbieten. Das kann Technik nicht.

Aber wenn die Alternative noch nicht realisierbar ist?

Dann wird man teilweise ersetzen und teilweise verzichten. Wobei ich Verzicht nicht negativ im Sinne einer Askese verstanden haben will. Es könnte vielmehr Verzicht auf Hektik, Verkehr etc. sein. Das wäre für viele positiv.

Kann Fortschritt also auch ein Schritt zurück sein?

Es wäre insofern zurück, als wir dadurch den Energieverbrauch erreichen würden, der früher schon einmal bestanden hat. Gesamtgesellschaftlich wird das nie ein Zurück sein, sondern eine Vorwärtsbewegung hin zu einer neuen Struktur. Im Idealfall zu einer besseren, im negativen Fall zu einer schlechteren.

Aber ja, abgesehen davon lässt es Fortschritt auch zu, auf alte, fast vergessene Techniken zurückzugreifen. In der Landwirtschaft kann man das hie und da beobachten, dass altes, indigenes Wissen reaktiviert wird, weil man erkannt hat, dass moderne Landwirtschaft nicht immer besser ist.

In Afrika werden zum Beispiel Mischkulturen mit stickstoffbindenden Akazienbäumen bepflanzt. Das verstärkt die Fruchtbarkeit des Bodens. Auf dieses Wissen greift man nun wieder zurück und geht teilweise von modernen Monokulturen weg.

Das mag ich wiederum am Begriff "Fortschritt", denn er lässt im Vergleich zu "Innovation" viel mehr Blickrichtungen zu. Innovation bedeutet immer "neu", ein Fetisch der heutigen Politik.

Interview: Ruth Hutsteiner, science.ORF.at

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