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Wahlplakat der Tiroler FPÖ auf dem steht "Aus dem Volk - Für das Volk!"

Wir für euch: Das Argumentum ad populum

"Wir" sind für "euch" da und beschützen euch vor "denen": Sprachfiguren wie diese haben in Zeiten der Flüchtlingskrise Hochkonjunktur. Sie haben eine lange, in die Antike zurückgehende Tradition, sagt der Sprachwissenschaftler Manfred Kienpointner. Der Fachbegriff dafür lautet "Argumentum ad populum".

Rechte Rhetorik 18.03.2016

Man spreche die Meinung des Volkes aus, daher vertrete man die richtigen Anliegen, so die für populistische Rhetorik typische Argumentation.

science.ORF.at: Was kennzeichnet populistische Rhetorik?

Manfred Kienpointner: Erstens: Ein gewisser Anti-Intellektualismus. Das steckt ja schon im Wort "populistisch" drinnen. Und dann gibt es in der Argumentationsforschung das Argumentum ad populum, das populistische Argument, das sich primär an die Emotionen und vereinfachten Stereotypen und Vorstellungen der Masse wendet, anstatt eine differenzierte Sachargumentation zu versuchen.

Das heißt allerdings nicht, dass populistisches Argumentieren in der Politik defizitär ist. Der kanadische Philosoph und Argumentationstheoretiker Douglas Walton sagt zurecht, dass man das Argumentum ad populum insgesamt zu negativ gesehen oder zu vorschnell als Trugschluss eingestuft hat. Weil es in einer Demokratie geradezu legitim ist, auf die Bedürfnisse und Emotionen der eigenen Wählergruppe Bezug zu nehmen. Man kann allerdings beobachten, dass Parteien in den letzten Jahrzehnten ihre ideologischen Positionen aufgeweicht haben, um das mögliche Wählersegment zu vergrößern.

Und so unterscheidet sich der Linkspopulismus in manchen Punkten eben nicht vom Rechtspopulismus. Aber in anderen Punkten dafür sehr deutlich. Beispielsweise was die Abgrenzung zum ganz rechten Rand betrifft, also Richtung NS-Positionen. Die war immer unscharf, und hier wurden auch bewusst rhetorische Strategien angewandt und ambivalente Äußerungen getätigt, von denen man sich dann wieder zurückziehen und sagen konnte: "So habe ich das ja nicht gemeint."

Manfred Kienpointner ist Professor für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte liegen vor allem auf dem Gebiet von Rhetorik und Argumentation.

Ö1 Sendungshinweis

Dem Thema widmeten sich auch die Ö1 Dimensionen: "WIR für EUCH". Die Sprache rechtspopulistischer Parteien, 17.3., 19:05 Uhr.

Wie definiert man dieses Argumentum ad populum?

Das Argumentum ad Populum ist sozusagen der Kristallisationspunkt populistischer Rhetorik. Wenn man es ausführlich rekonstruiert, dann muss man wie für jedes politische Argument eine Konstellation von Prämissen und Konklusion ermitteln. In diesem Fall wäre das: Was immer das Volk oder große Teile der Bevölkerung für wahr, für richtig oder für politisch zu vollziehen halten, das ist tatsächlich für wahr, richtig oder politisch zu vollziehen zu halten.

Die Definition von Populus kann dabei durchaus variieren und wird auch strategisch zurechtgebogen, damit man sich maßgeschneidert auf das Volk berufen kann. Man kann beobachten, dass rechtspopulistische Parteien dieses populistische Argument schärfer nach rechts abgrenzen, also noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Man verzichtet jetzt strategisch auf eine kleine Gruppe von Rechtsextremen, weil man die Stimmen der Mitte für sich gewinnen will. Deshalb hat Marine Le Pen ihren Vater entmachtet und deshalb sind dezidiert Rechtsextreme in der FPÖ aus der Partei ausgeschlossen worden.

Das heißt, die Argumentation lautet: Ich spreche für das Volk und daher vertrete ich die richtigen Anliegen?

Das hat zum Beispiel Jörg Haider ganz wörtlich so gesagt. Im Gegensatz zu unseren politischen Gegnern sprechen wir das aus, was sich das Volk denkt. Und aus solchen Festlegungen schöpft man dann die Legitimation für das eigene Handeln. Wobei aber, wie gesagt, der strategische Spielraum, wie man sich "das Volk" dann zurechtzimmert, sehr groß ist.

Man könnte jetzt ein bisschen sarkastisch werden angesichts dessen, was ich jetzt als Rechtsfeminismus bezeichnen würde. Wo die FPÖ in den letzten Jahren ihr Agitieren gegen islamische Gruppen damit legitimiert, dass sie die Gleichberechtigung der Frauen in Österreich in Gefahr brächten. Das ist natürlich absurd. Ich habe mir gerade die neuesten Zahlen angeschaut. Im Nationalrat in Österreich gibt es in der FPÖ-Fraktion derzeit einen Frauenanteil von 16 Prozent.

In Bezug auf rhetorische Argumentationsmuster stößt man immer wieder auf den Begriff der "Topoi". Was bezeichnet dieses Konzept des "Topos"?

Das Konzept der Topoi geht zurück auf Aristoteles. Den Begriff Topos hat es zwar schon vor ihm gegeben, aber er hat ihn für die gesamte europäische Geistesentwicklung prägend definiert. Die Topoi von Aristoteles kann man mit den Schlussregeln gleichsetzen.

Diese Schlussregeln sind einfach allgemeine inhaltliche Sätze, die auf dem Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung beruhen, zum Beispiel zwischen einer bestimmten politischen Handlung und deren positiven und negativen Folgen. Es gibt verschiedene Typen von Topoi. Beispielsweise den Topos aus der Autorität: Wenn Autorität X sagt, A ist richtig, dann ist A richtig. Die Summe all dieser Schlussregeln sind die Aristotelischen Topoi. Also ein zutiefst argumentationstheoretisches Konzept.

Gibt es spezifische Topoi, die verstärkt in rechtspopulistischer Argumentation vorkommen?

Ich habe in einem Aufsatz 2002 aristotelische Topoi herausgegriffen und geschaut, wie sie Jörg Haider eingesetzt hat. Da gibt es Parallelen zu anderen populistischen Strömungen, aber auch Besonderheiten. Schon Aristoteles, der als Philosoph des "Common Sense" bezeichnet wird, hat festgestellt, dass man politisch oft damit argumentiert, was alle glauben oder was alle Experten sagen, um daraus eine gewisse Legitimation für einen bestimmten Standpunkt abzuleiten.

Genau dieser aristotelische Topos wird in der in der rechtspopulistischen Argumentation häufig verwendet. Allerdings wird er strategisch verengt: Einerseits wird mit Quantität und nicht mit Qualität gearbeitet. Was die Experten und Expertinnen denken, rückt eher in den Hintergrund – wichtig ist, was das Volk denkt. Andererseits wird eingeengt, indem Bevölkerungsgruppen, die nicht im Fokus des eigenen Interesses stehen, ausgeklammert werden. So kann "die Meinung aller" auch große Teile der weiblichen Bevölkerung ausschließen.

Oft wird versucht Legitimation zu erzeugen, indem man sich auf etwas bezieht. Wie etwa: "Ich habe doch jüdische Freunde …".

Bereits in der antiken Rhetorik gab es die Lehre von den sogenannten Gedankenfiguren, das sind argumentative Strategien oder Schachzüge in einer Debatte. Eine dieser Gedankenfiguren ist die Konzessio, wörtlich übersetzt: das Eingeständnis. Damit ist gemeint, dass man in einem Punkt nachgibt oder der Gegenpartei etwas zugesteht, um dann umso vehementer da, wo es einem wirklich wichtig ist, eben nicht nachzugeben.

Das ist eine Technik, die man wahrscheinlich bei Vertretern und Vertreterinnen von beliebigen politischen Positionen findet. Aber sie ist auch typisch für rechtspopulistisches und rassistisches Denken. Wenn man beispielsweise sagt: Ich habe ja jüdische Freunde, wenn man antisemitisch agiert. Teun van Dijk, ein weiterer wichtiger Vertreter der kritischen Diskursanalyse, spricht hier von Disclaimern. Zum Beispiel: "Ich bin kein Rassist, aber..." Als die "Ja, aber..."-Strategie könnte man diese Konzessio auch bezeichnen.

In der Flüchtlingsdebatte findet man Aussagen wie "Das Boot ist voll" oder es wird von einem "Flüchtlingstsunami" gesprochen. Wieso greift man auf diese Sprachbilder zurück?

Metaphern sind nicht nur Verzierungen oder ästhetische Elemente, mit denen man seine politischen Reden sozusagen aufputscht, sondern vielmehr fundamentale Schemata, nach denen wir die Welt erfassen. Als körperliche Lebewesen verstehen wir die abstrakten Dinge besser, wenn wir sie auf die Fakten unseres Körpers "herunterprojizieren" können. Das ist anschaulicher, nachvollziehbarer und spricht Emotionen stärker an als nur den Verstand. Man denke an "vor Zorn kochen", "eine verbale Attacke reiten" oder "ein Argument unter der Gürtellinie".

Es ist viel leichter rechtfertigbar, wenn ich eine so komplexe und schwierige Situation wie jene der Flüchtlinge in Mitteleuropa metaphorisch mit einer absolut katastrophalen, natürlichen Situation gleichsetze, wie beispielsweise einem Tsunami. Das kennt man aus dem Fernsehen. Das sind Bilder einer Menschheitskatastrophe, die einem dann nahe legen: Gefahr ist in Verzug. Wir müssen sehr schnell etwas machen.

Das geht soweit, dass Flüchtlinge oder Migranten sogar als Parasiten bezeichnet werden. Diese Tiermetaphorik findet man im rechtsextremen Diskurs, etwa in rechtsextremen Diskussionsforen. Das kann dann ein hartes Durchgreifen und eben dann ein metaphorisches "Saubermachen" rechtfertigen. Und den Ruf nach einem starken Mann, der das alles kann, fördern. Also diese Metaphernkerne: Naturkatastrophen, faule eigennützige Kinder, die man disziplinieren muss und der Strict Father, der das in Ordnung bringen kann – die sind spezifisch rechtspopulistisch.

Interview: Juliane Nagiller, Ö1 Wissenschaft

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