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Neandertaler im Businessanzug, Rekonstruktion des Neanderthal Museum in Mettmann

Liebe kennt keine Artgrenzen

In unserem Erbgut finden sich Spuren ausgestorbener Menschenarten. Eine Untersuchung beweist: Die Spuren stammen von urzeitlichen sexuellen Abenteuern - zwischen dem modernen Menschen, dem Neandertaler und einer bis vor Kurzem unbekannten Art.

Urgeschichte 18.03.2016

Wir waren nicht immer allein auf dieser Welt. Die längste Zeit in der Geschichte des Homo sapiens gab es nicht nur eine Menschenart, sondern deren drei.

Dass der Neandertaler mit dem modernen Menschen vor allem in Europa - auch körperlich - in Kontakt kam, ist mittlerweile bestens belegt: Laut Genanalysen tragen wir zwei Prozent Neandertaler-DNA in unserem Erbgut. Einzige Ausnahme von dieser Regel sind die Afrikaner, deren Vorfahren hatten mit den Neandertalern offenbar wenig zu tun.

Erbgut mehrfach vermischt

Vor ein paar Jahren tauchte in der Rekonstruktion der Urgeschichte noch eine weitere Art auf: Der Denisova-Mensch, 2008 in einer Höhle nahe dem sibirischen Altai-Gebirge entdeckt, lebte bis in die Altsteinzeit, war also ebenfalls unser Zeitgenosse.

Von ihm wurden bislang bloß zwei Zähne gefunden, wie er aussah, ist folglich unbekannt. Gleichwohl reicht das rund 40.000 Jahre alte Zahnmaterial für genetische Analysen. Und die weisen ihn als eigenständigen Vertreter der Gattung Homo aus, der mit unseren Vorfahren ebenfalls munter Genmaterial ausgetauscht haben muss. Mittlerweile nachgewiesen wurde auch die dritte Paarungsmöglichkeit: Neandertaler und Denisovaner kamen einander ebenfalls näher. Im Pleistozän kannte die Liebe offenbar keine Grenzen, zumindest keine zwischen den Arten.

Forscher um den Paläogenetiker Svante Pääbo haben nun DNA-Proben von mehr als 1.500 Menschen aus aller Welt nach Sequenzen unserer ausgestorbenen Verwandten durchforstet - und wurde gleich mehrfach fündig. Mit Hilfe dieser Daten können die Forscher nun das Liebesleben unserer Ahnen erstmals im Detail nachzeichnen:

Moderner Mensch und Neandertaler kamen demnach mindestens drei Mal in Nahkontakt. Die erste Vereinigung fand vor rund 100.000 Jahren statt, kurz nachdem Homo sapiens Afrika verlassen hatte, das zweite Mal passierte es im Mittleren Osten, das dritte Mal wohl irgendwo in Asien - zu einem Zeitpunkt, da sich die Ostasiaten bereits von den Populationen in Südasien und Europa getrennt hatten.

Bliebe noch zu klären: Wie oft war das der Fall? Wie häufig nahm sich eine Neandertalerfrau einen Mann der anderen Art - beziehungsweise umgekehrt? "Wir haben berechnet, dass sich in der gesamten Menschheitsgeschichte mindestens 300 solcher Paare gefunden haben", sagt Benjamin Vernot, einer der Studienautoren.

Keine archaische DNA in Gehirngenen

Unter den untersuchten Genproben fanden sich auch 35 aus Neuguinea - diese waren, wie die Forscher im Fachblatt "Science" schreiben, die einzigen, in denen sich größere Mengen (bis zu 3,4 Prozent) von Denisova-DNA nachweisen ließen. Der Schluss daraus: Es waren die Vorfahren der Melanesier, die den Denisova-Menschen zumindest so attraktiv fanden, dass es zum Austausch von Genmaterial kam. Die beiden Arten trafen einander aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem asiatischen Festland. Wann genau, ist unbekannt.

Zeugnis über unsere Urgeschichte liefern auch jene Erbgutstücke ab, die völlig frei von archaischen DNA-Sequenzen sind. Das sind laut Analyse vor allem Gene, die mit der Sprache, der Gehirnentwicklung, aber auch mit Krankheiten wie zum Beispiel Autismus zu tun haben. Auffällig daran: Das sind just jene Gene, bei denen wir am ehesten dazu geneigt wären, sie als konstituierend für unsere Art anzusehen.

Warum gerade dort die Spuren der zwischenartlichen Liaisonen verloren gegangen sind - darüber könne man nur spekulieren, sagt Vernot. "Möglicherweise waren die Träger fremder Gensequenzen einfach öfter krank. Es könnte natürlich auch sein, dass diese DNA-Stücke Probleme bei der Hirnentwicklung oder bei der Kommunikation bereitet haben."

Robert Czepel, science.ORF.at

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