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Cover des Buchs "Alma Mater Antisemitica - Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939"

"Alma Mater Antisemitica"

Es war eine unrühmliche Vorreiterrolle, die die Universitäten nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich und einigen Ländern Europas übernommen haben: Diskriminierung und Diffamierung, Isolierung und Gewaltexzesse prägten den Alltag jüdischer Studierender. Ein neues Buch zeigt Formen und Folgen dieses Antisemitismus.

Tagungsband 21.03.2016

"Alma Mater Antisemitica - Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939" fasst in 15 Beiträgen auf 328 Seiten die Ergebnisse eines Workshops des Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) über die Entwicklungen in Ländern wie Österreich, Rumänien, Polen, Ungarn und Jugoslawien zusammen.

Mit der Radikalisierung einer sozialen Schicht, die später in den 1940ern Gesellschaft und Politik prägen sollte, beschreibt der Tagungsband laut den Herausgebern Regina Fritz und Grzegorz Rossolinski-Liebe gleichzeitig "ein Kapitel der Vorbedingungen der Shoah". Der Tagungsband wird heute, Montag, im Jüdischen Museum präsentiert wird.

"Beliebte" Sündenböcke

Das Buch

Alma Mater Antisemitica - Akademisches Milieu, Juden und Antisemitismus an den Universitäten Europas zwischen 1918 und 1939, Hg. Regina Fritz, Grzegorz Rossolinski-Liebe, Jana Starek, new academic press

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In zahlreichen Staaten Europas kamen die Rufe nach Diskriminierung von Juden aus dem akademischen Milieu, vor allem aus radikalen Studentenverbindungen und Kameradschaftsverbänden und von antisemitischen Professoren. In Rumänien waren Hochschulen eine wichtige Säule faschistischer Bewegungen wie der "Eisernen Garde". Trotz der langen Tradition von Judenfeindlichkeit in Europa hatte der Antisemitismus ab 1870 eine neue Qualität: Er richtete sich - angeblich wissenschaftlich begründet - gegen die "Rasse" der Juden und ihre angeblich damit zusammenhängenden Eigenschaften.

Die jüdischen Studenten wurden zum Sündenbock für die gesellschaftlichen Probleme jener Zeit (Wirtschaftskrise, Migrationsbewegungen, hohe Arbeitslosigkeit unter Akademikern) und immer stärker isoliert. Sie wurden von zahlreichen Studentenverbindungen ausgeschlossen und fielen dadurch um Vergünstigungen (Zuschüsse für Unterrichtsmaterial etc.) und den Zugang zu wichtigen (Karriere-)Netzwerken um.

An der Uni Wien etwa entstand in den 1920ern ein geheimes Netzwerk christlich-sozialer und deutschnationaler Professoren, das unter dem Decknamen "Bärenhöhle" (nach ihrem Treffpunkt, einem paläontologischen Seminarraum) viele Habilitationen und Berufungen jüdischer und linker Wissenschaftler verhinderte. Auch vor Gewalt schreckten die Antisemiten an den Hochschulen nicht zurück, mehrfach mussten nach 1918 Unis in Ländern wie Österreich, Polen, Ungarn und Rumänien wegen antisemitischer Gewaltexzesse geschlossen werden.

Vorreiter Ungarn

Das erste antijüdische Gesetz in Europa nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Ungarn erlassen: Dort wurde mit 26. September 1920 die Zahl der jüdischen Studenten auf sechs Prozent reduziert, aber auch Frauen, Ausländer und politisch "unzuverlässige" Gruppen sollten durch die Regelung ausgeschlossen werden. Es sollte nur die erste von vielen Regelungen sein, die Juden nicht nur aus den Universitäten, sondern schrittweise aus dem gesellschaftlichen Leben ausschlossen.

Gerade in Österreich war das universitäre Milieu allerdings nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg von antisemitischer Gewalt gezeichnet, schon im späten 19. Jahrhundert reagierten zahlreiche Studenten auf den Zustrom galizischer und ungarischer Juden an den Unis mit wachsendem Antisemitismus.

Einer von dessen frühen Vertretern war der Medizinprofessor Theodor Billroth: Er beschrieb sie als "stark degeneriert" und sprach von einer "gewissen geistigen und körperlichen Verkommenheit". Später sollte Billroth seine Meinung ändern und sich im Verein zur Abwehr des Antisemitismus engagieren.

Es floss Blut

Die Konflikte brachen bald offen aus: "Bei jedem Bummel floss Blut", schrieb Stefan Zweig 1910 über die samstäglichen Paraden der schlagenden deutschnationalen Studentenverbindungen. Dabei trafen sie nicht nur auf wehrlose Gegner, auch Mitglieder zionistischer Studentenverbindungen waren mit "auffallend massiven 'Spazierstöcken" unterwegs, schildert Kurt Bauer in dem Tagungsband.

Spätestens nach den Studentenkammerwahlen 1931, bei denen der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund auf allen Wiener Hochschulen die Mehrheit errang, herrschte Pogromstimmung, die sich immer wieder in organisierten brutalen Übergriffen entlud.

"Nazistudenten" hätten Vorlesungen gestürmt, seien auf die Bänke gesprungen und hätten "Juden raus!" und "Rote raus!" skandiert, Studenten mit jüdischen Wurzeln seien immer wieder aus den Universitäten "hinausgeprügelt" worden, heißt es in einer Schilderung dieser Zeit durch den späteren SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky.

Anschluss 1938 mit "Heilgeschrei"

Ähnlich ging es an den Hochschulen anderer Länder zu: In Polen wurden allein zwischen November 1935 und April 1936 hundert jüdische Studenten verletzt, dort wurden nach Studentenstreiks auch sogenannte Ghettobänke für jüdische Studierende eingerichtet.

Die Unis zeigten kaum Reaktionen auf die Gewalt gegen einen Teil der Studenten bzw. folgten den Forderungen durch Einführung eines Numerus Clausus für Juden. Von der Politik wurden die radikalen Ideen abgesehen von Ungarn allerdings bis Mitte der 1930er nicht unterstützt, teilweise wurden diskriminierende Regelungen wieder aufgehoben.

In Österreich ging der offene Antisemitismus zwischen 1933 und 1938 zurück, schwelte aber unter der Oberfläche weiter. Es gab eine "stillschweigende, nicht offizielle, totale Ausgrenzung der Juden aus der Gemeinschaft (...) Wir waren ghettoisiert", wird der Literaturwissenschafter Walter H. Sokel in dem Band zitiert.

So vollzog sich dann auch der "Anschluss" 1938 an der Uni Wien mit viel "Heilgeschrei", doch ohne offenen Gewaltausbruch. Für die jüdischen Studentinnen und Studenten aber begann die Zeit der Vertreibung.

science.ORF.at/APA

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