Standort: science.ORF.at / Meldung: "Woran man Opfer häuslicher Gewalt erkennt"

Eine Frau geht vor der erhobenen Hand eines Mannes schützend in die Hocke.

Woran man Opfer häuslicher Gewalt erkennt

Jede dritte Frau in Europa wurde laut europäischer Grundrechtsagentur schon einmal Opfer von Gewalt. Das sind 62 Millionen Frauen. Wie können Mediziner Hinweise auf häusliche Gewalt erkennen? Ein neuer Leitfaden soll helfen.

Verletzungen 24.03.2016

Nur ein Unfall. Man sei über die Stufen gestolpert oder habe sich an der Tischkante geprellt - das sind Erklärungen, die Mediziner in der Regel zu hören bekommen, wenn Frauen mit blauen Flecken ins Krankenhaus kommen.

Befinden sich die blauen Flecken auf der Innenseite des Oberarms, könnte das jedoch auch ein Zeichen dafür sein, dass eine Frau mit Kraft und Gewalt festgehalten worden ist. Blaue Flecken an der Innenseite der Oberschenkel sind ein Indiz für eine Vergewaltigung.

Die richtigen Fragen stellen

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Ö1-Sendungshinweis

Diesem Thema widmet sich heute auch ein Beitrag im Mittagsjournal, 24.3., 12.00 Uhr.

Allerdings sind das lediglich Hinweise, es muss nicht immer ein Gewaltakt dahinter stecken, sagt Sabine Eder von der Opferschutzgruppe am Wiener AKH. In den letzten zwei Jahren wurde daher ein Leitfaden entwickelt, wie man mögliche Opfer besser erkennen kann. Und es wurde gelehrt und gelernt, die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt zu stellen.

"Wichtig ist, dass wir unsere Gespräche mit den Patientinnen in Ich-Sätzen formulieren. Etwa: Ich mach mir Sorgen. Geht es Ihnen gut? Können Sie wieder nach Hause?", so Eder gegenüber science.ORF.at.

"Für Opfer, die nichts sagen wollen, haben wir auf den Toiletten Flyer von externen Hilfsorganisationen aufgehängt in verschiedensten Sprachen. Die sind frei zu entnehmen und vor allem auch: anonym - an Orten, wo die Frauen wirklich alleine sind und sie niemand beobachtet."

Hohe Hemmschwelle beim Personal

Das Angebot der Hilfe mit Hilfe von Broschüren und Flyern sei besonders wichtig, denn man dürfe niemanden drängen, eine Misshandlung zuzugeben, man dürfe nur einen Ausweg aus der Gewaltsituation aufzeigen. Rosa Logar von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt hat am heute präsentierten Leitfaden "Gemeinsam gegen Gewalt in Krankenhäusern" mitgeschrieben.

Für sie sei überraschend gewesen, wie schwer es Ärzten und Ärztinnen, Schwestern und Pflegern oft fällt, vermutliche Gewaltopfer auf ihre Verletzungen hin anzusprechen. Das medizinische Personal habe Sorge, etwas falsch zu machen.

"Ich glaube, wir können jetzt genau hinsehen und ganz konkrete Hilfestellung geben, wie es auch der Leitfaden empfiehlt. Und zwar ganz konkret: Wie spreche ich das Thema an? Welche Worte wähle ich? Welche Sätze sage ich, welche sage ich besser nicht?"

Auch Männer unter den Opfern

Und noch eine Erkenntnis habe man gemacht, sagt Sabine Wolf, Pflegedirektorin am AKH. Auch wenn mehrheitlich Frauen Opfer von häuslicher Gewalt sind, gebe es auch gewalttätige Frauen, die ihre Männer misshandeln: "Da geht es wesentlich weniger um körperliche Gewalt - auch die kommt allerdings vor, sondern eher um psychische Gewalt. Also dass etwa Männer unter Druck gesetzt oder mit Worten niedergemacht werden."

Seelische Gewalt sei noch viel schwerer zu erkennen, als körperliche. Aber auch hier sei man hellhöriger geworden und könne dadurch Opfer von Gewalt jetzt besser erkennen - und ihnen somit kurzfristige wie langfristige Unterstützung anbieten.

Der nun präsentierte Leitfaden steht auch im Einklang mit einer Konvention, die vom Europarat 2014 erlassen wurde. Die sogenannte Istanbul-Konvention ist das erste, rechtlich bindende Übereinkommen in Europa, das umfassende Maßnahmen zur Gewaltprävention vorsieht. Dazu gehört auch die Schulung von Krankhauspersonal.

Gudrun Stindl, Ö1-Wissenschaft

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