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Munduruku am Tapajo

Staudamm bedroht indigenes Volk

Zwei Botschafter des Munduruku-Stammes aus dem brasilianischen Regenwald waren heute in Graz, um gegen ein geplantes Staudammprojekt am Tapajós-Fluss, einem Zubringer des Amazonas, zu protestieren. Sie wollen verhindern, dass ein österreichisches Unternehmen das Bauprojekt unterstützt.

Protest 30.03.2016

Der Regenwald in Brasilien schrumpft jedes Jahr – Rodungen für Industrie und Landwirtschaft hätten alleine letztes Jahr eine Fläche so groß wie 750.000 Fußballfelder zerstört, sagt Greenpeace Österreich.

Ö1 Sendungshinweis:

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in Wissen aktuell am 30.3. um 13:55.

Arnaldo Kabá Munduruku

ORF, Isabella Ferenci

Arnaldo Kabá Munduruku im Ö1-Studio

Vor einer nächsten großen Bedrohung der Urwälder warnt nun Greenpeace: Die brasilianische Regierung plane ein Serie von Staudämmen im Flussgebiet des Tapajós. Bedroht seien aber nicht nur Artenvielfalt in Fluss und Wald, sondern vor allem auch die traditionelle Lebensweise der Munduruku. Dieses Volk lebt von und mit dem Fluss und den ihn umgebenden Wäldern.

"Kann vor Sorge nicht mehr schlafen"

Arnaldo Kabá Munduruku ist 56 Jahre alt und oberster Cacique der Munduruku. Das Stammesoberhaupt vertritt rund 16.000 Munduruku, die in 129 Gruppen entlang des Laufs des Tapajós leben. Er sei hier um für den Tapajós und die Munduruku zu kämpfen, sagt er.

Die brasilianische Regierung wolle nicht mit den Munduruku sprechen, also versucht er es hier, denn das österreichische Maschinenbauunternehmen Andritz scheint in Gesprächen mit der brasilianischen Regierung zu sein, den Bau zu beliefern. Also hat er die Anleger auf dem Weg zur heutigen Hauptversammlung der Andritz AG auf die Ängste der Munduruku aufmerksam gemacht.

Angehöriger des Munduruku-Stamms im Amazonas

Greenpeace / Valdemir Cunha

Angehöriger des Munduruku-Stamms

Es ist Verzweiflung, die aus ihm spricht, und ihn zur Reise bewegt hat, wie er im Ö1-Interview erzählt: "Die Regierung möchte mit der indigen Bevölkerung aufräumen. Ich bin so besorgt, ich kann weder richtig schlafen noch essen. Ich denke auch an unsere Enkelkinder. Für uns ist der Tapajós, die Natur wie eine Mutter, die für uns sorgt."

Urwald wichtig für Artenvielfalt

Für Greenpeace geht es nicht zuletzt um den Erhalt des Ökosystems der Gegend. Sie monieren, die brasilianische Regierung hätte den Einfluss auf verschiedenen Tierarten nicht ausreichend untersucht. Die veränderten Flussläufe und Lebensräume hätten Auswirkungen auf hunderte Tierarten – von kleinen Flussfischen, die Nahrungsgrundlage der Munduruku seien, bis hin zu Jaguar, Flussdelfin und bedrohten Arten wie der Terekay-Schildkröte.

Arnaldo Kabá Munduruku hingegen befürchtet auch ein Ansteigen der Krankheiten - durch mehr Moskitos, die sich an längeren Uferläufen wie an den Stauseen in größerer Zahl fortpflanzen würden. Auch die Wasserqualität sorge ihn, wenn die Reste des Waldes unter dem Wasser verrotten würden.

Verantwortung der Unternehmen?

Greenpeace fordert die Andritz AG in einer Aussendung auf, sich vom Sao Luiz de Tapajós – Staudammprojekt zu distanzieren, und generell keine Projekte mehr zu verfolgen, die die Rechte indigener Völker angreifen könnten

In einer Stellungnahme entgegnet der Konzern, dass zum einen über eine Teilnahme am Projekt noch gar nicht entschieden sei, und zum anderen immer die nötigen Dokumente zu sozialer genauso wie ökologischer Verträglichkeit geprüft würden. "Im Übrigen setzen wir in Ländern mit gut entwickelter Rechtsprechung, zu denen Brasilien sicherlich gehört, hohes Vertrauen in die Ergebnisse der dortigen Genehmigungsverfahren, die die Involvierung aller Stakeholder sicherstellen", so die Andritz AG.

Greenpeace freilich stellt in Frage, ob dieses Vertrauen angebracht ist: Im größten Korruptionsskandal der jüngeren Zeit in Brasilien, der Lava Jato Affäre, geht es nicht zuletzt um Zahlungen rund um großangelegte Staudammprojekte im brasilianischen Urwald.

Isabella Ferenci, Ö1 Wissenschaft

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