Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wie das Leben gelingen kann"

Ein Vollbartträger mit Sonnenbrille wird von seiner lächelnden Freundin umarmt

Wie das Leben gelingen kann

Immer mehr Menschen hätten das Gefühl, einer "gleichgültigen Welt" gegenüberzustehen; der modernen Gesellschaft drohe ein kollektives Burn-out: So lautet die Analyse des deutschen Soziologen Hartmut Rosa. Sein Gegenmittel für ein gelingendes Leben: weniger Internet und mehr lebendige Beziehungen zur Welt und zu Menschen.

Soziologe Hartmut Rosa 04.04.2016

Sie forschen nach dem guten, gelingenden Leben. Woran machen Sie ein solches fest?

Hartmut Rosa: Wenn man Menschen fragt, ob sie mit ihrem Leben zufrieden sind, dann ist die Antwort oft: Ich habe ein ordentliches Einkommen, ein Häuschen, gesunde Kinder - ich bin zufrieden. Oder: Mir fehlt dies und das, deswegen bin ich unglücklich. Letztlich sind das aber nur Ressourcen. Ein Mensch kann tief deprimiert sein, obwohl er über all das verfügt. Man muss die Frage nach gelingendem Leben also anders stellen. Ich meine, es kommt darauf an, wie jemand mit der Welt verbunden ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen das Gefühl haben, einer stummen, gleichgültigen Welt gegenüber zu stehen. Die Folge ist ein individuelles, ja sogar kollektives Burn-out. Menschen, die ein gelingendes Leben führen, haben eine lebendige Verbindung etwa zu anderen Menschen, zur Natur, zu ihrer Arbeit. Das Leben gelingt nicht allein, wenn wir reich an Ressourcen und Optionen sind, sondern wenn wir es lieben.

Porträtfoto von Hartmut Rosa

Suhrkamp

Hartmut Rosa (50) ist seit 2005 Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena. Außerdem leitet er das Erfurter Max-Weber-Kolleg. Er ist vor allem bekannt für seine Studien zur Beschleunigung der Arbeits- und Lebenswelt. Zuletzt erschien sein Buch "Resonanz - Eine Soziologie der Weltbeziehung".

Links

Sie sprechen auch von einer "libidinösen Weltbeziehung"...

Ja. Es geht darum, von einer Sache oder einer Person bewegt oder berührt zu sein, von ihr angesprochen zu werden. Ich nenne das eine Resonanzbeziehung - ganz wie in der Musik: Etwas schwingt und bringt dadurch etwas Anderes zum Schwingen. Wir brauchen nicht einzelne resonante Oasen, sondern einen resonanten Alltag.

Sie selbst spielen neben Ihren zwei Vollzeitjobs in Jena und Erfurt die Orgel, imkern und beobachten die Sterne. Sind das für Sie solche Momente, in denen Sie Resonanz erleben, sich lebendig fühlen?

Musik ist für mich wie eine Nabelschnur zum Leben. Die Tatsache, dass wir alles mit Musik berieseln bis hin zu Fahrstühlen und Parkhäusern ist vielleicht so etwas wie ein Paniksymptom dafür, dass wir Angst haben, die Welt könnte uns verstummen. Für mich ist auch die Lehre an der Universität so eine Resonanzerfahrung - zu sehen, wie Studenten Feuer fangen. Für andere Menschen kann das auch die Religion sein, Literatur, die Natur oder Politik.

Was Sie beschreiben sind hauptsächlich sinnliche Erlebnisse - dem steht die Digitalisierung vieler Arbeits- und Lebensbereiche gegenüber. Verhindern Internet und Co demnach gelingendes Leben?

Resonanzerfahrungen, wie ich sie meine, haben immer eine leibliche Dimension, sie können aber auch digital ausgelöst sein. Etwa wenn mich ein Bild, ein Text im Internet berührt und ich eine Gänsehaut bekomme. Ich glaube nicht, dass Digitalisierung grundsätzlich falsch und schlecht ist. Das Problem ist, dass wir immer mehr medial und digital auf die Welt bezogen sind. Fast alles, was wir tun - arbeiten, spielen, kommunizieren, vielleicht sogar sexuelle Abenteuer suchen - läuft über den Bildschirm. Und die Interaktion mit der Welt geschieht über die immer gleiche Fingerbewegung am Smartphone. Da sehe ich schon eine Verkümmerung, weil es zunehmend nur noch diesen einen Kanal zur Welt gibt. Bildschirme sind dann so etwas wie Resonanzkiller. Wenn sie zwischen uns und die Welt treten, dann wird es schwer, leibliche Resonanzbeziehungen zu erfahren.

Andererseits ermöglichen gerade soziale Medien wie Facebook oder Twitter Resonanz im Sinne von Feedback, indem andere Menschen Fotos oder Beiträge liken, teilen oder kommentieren.

Soziale Medien zeigen sehr schön die Sehnsucht der Menschen, resonant mit der Welt verbunden zu sein. Gerade deswegen sind sie so attraktiv, sie gaukeln echte Resonanz aber nur vor. Die neuen Medien verstärken noch ein anderes Verhalten: Wir haben uns angewöhnt, die Welt nach immer interessanteren Optionen zu scannen. Dahinter steckt die Angst, irgendwo etwas zu verpassen. Dann kann ich aber nicht in eine Resonanzbeziehung treten. Die setzt nämlich voraus, dass man Aufmerksamkeit fokussiert und alles andere loslässt - nach dem Motto: Ich werde etwas verpassen, aber das ist mir die Sache wert.

Ein Plädoyer für Entschleunigung und Muße?

Entschleunigung an sich ist keine Lösung. Denn Langsamkeit kann nicht zum Selbstzweck werden. Ein langsamer Notarzt, eine langsame Internetverbindung oder eine langsame Achterbahn wären kein Zugewinn an Lebensqualität. Wenn Menschen von Entschleunigung träumen, dann meinen sie letztlich, in eine andere Beziehung zu den Dingen zu treten, eine andere Art des In-die-Welt-gestellt-Seins. Als Gegenstück zur wachsenden Entfremdung sehe ich daher Resonanz. Muße kann helfen, in eine solche Resonanzbeziehung zu kommen. Wir leben in einem Zeitalter, das wirkliche Muße nicht mehr kennt. Sie stellt sich ein, wenn das Tagwerk vollbracht ist und alle legitimen Erwartungen an einen selbst, und die man an die Welt hat, erfüllt sind. Aber wir haben auch nach getaner Arbeit immer noch Tausend Dinge auf der To-Do-Liste stehen - und wenn es nur darum geht, etwas für die eigene Fitness zu tun oder eben noch etwas zu entschleunigen.

Andreas Hummel, dpa

Mehr zu dem Thema: