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Struwwelpeter aus einer Werbekampagne von FM4

Der Struwwelpeter - ein Missverständnis?

Verschmäht, kopiert, verspottet, geliebt und modernisiert: Der Struwwelpeter hat in den vergangenen 164 Jahren vieles über sich ergehen lassen müssen. Alle Emotionen, die Hoffmanns Geschichte bei Kindern und Erwachsenen ausgelöst hat, haben den Struwwelpeter aber letztendlich zu dem gemacht, was er ist: das berühmteste und gleichzeitig umstrittenste Kinderbuch der Welt.

Pädagogik 10.09.2009

Anlässlich des 200. Geburtsjahres von Autor Heinrich Hoffmann widmet sich eine Ausstellung in der Wiener Universitätsbibliothek jetzt vor allem dem Jungen, der mit seiner wilden Frisur und den langen Fingernägeln bis heute für Diskussionen sorgt: Darf man Kindern aus einem Buch, das auf den ersten Blick veraltete und gewaltsame Erziehungsmethoden vermittelt, überhaupt vorlesen? Was wollte Hoffmann den Kindern mit seinem Buch sagen? War er konservativ oder wurde er am Ende gar nur missverstanden?

Der Struwwelpeter und seine Leidgenossen

Die Ausstellung "Die Kunstfiguren des Struwwelpeter - Zum 200. Geburtstag von Heinrich Hoffmann" im Foyer der Universitätsbibliothek Wien wird am 10.9.2009 eröffnet und endet am 30.10.2009.
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"Sieh einmal, hier steht er, Pfui! der Struwwelpeter!" Der Arzt und Kinderbuchautor Hoffmann hat mit dem unfrisierten Burschen ein Symbol erschaffen, das für alle schlimmen und ungehorsamen Kinder steht. Struwwelpeters Leidgenossen durchleben zum Teil grausige Geschichten: Paulinchen verbrennt, weil sie verbotenerweise mit dem Feuerzeug spielt, und der kleine Konrad verliert beide Daumen, weil er dauernd daran lutscht.

Kaspar verhungert, weil er seine Suppe nicht isst und den kleinen Robert verweht der Sturm, weil er während eines Gewitters nach draußen geht. Insgesamt neun Geschichten erzählen von diesen Kindern - und neun Mal werden sie für ihre Ungehorsamkeit heftig bestraft. Ebenso heftig waren von Beginn an die Reaktionen auf Hoffmanns Geschichten, die er selbst mit oft gnadenlosen Illustrationen gestaltete: Kritik ließ schon zu Lebzeiten des Autors nicht lange auf sich warten.

Erfolg seiner Zeit

Zeichnung des Struwwelpeters, Original von Heinrich Hoffmann

Universität Wien

Originalzeichnung von Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844

Hoffmanns Zeitgenossen beanstandeten die "fratzenhafte" Illustration, die sich angeblich über elterliche Autorität lustig mache, schrieb Expertin Elisabeth Wesseling 2003/2004 im Jahrbuch der Kinder- und Jugendliteraturforschung. Hoffmanns Zeichnungen gleichen Karikaturen und verleihen seinem Buch einen ironischen, spielerischen Effekt. Das, so die Kritik seiner Zeit, könne pädagogische Zwecke unterlaufen. Trotzdem verbreitete sich der Struwwelpeter wie ein Lauffeuer - jeder las ihn.

Mit diesem Erfolg hatte Hoffman nicht gerechnet. Der Frankfurter Arzt wollte 1844 seinem Sohn einfach nur ein Kinderbuch zu Weihnachten schenken. Wie er später in der Zeitschrift "Die Gartenlaube" erklärte, gab es nur "lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen" zu kaufen.

Er entschied gegen diese Kinderbücher und für ein leeres Heft, in das er selbst die erste Version des Struwwelpeters zeichnete. Der politisch liberale Arzt und Psychiater, der sich nebenbei auch für die jüdische Emanzipation einsetzte, war plötzlich auch Autor eines äußerst erfolgreichen Kinderbuches. Geplant hatte er das nicht: Bekannte mussten Hoffmann überreden, seine Geschichten überhaupt zu publizieren.

Adaptiert, parodiert, kopiert

Schon Zeit seines Lebens wurde Hoffmanns Struwwelpeter dutzende Male übersetzt und in den so genannten Struwwelpetriaden - der Überbegriff für die vielen Werke, die mit Hoffmanns Struwwelpeter in Zusammenhang stehen - adaptiert, parodiert und kopiert. Bereits 1877 schrieb ein anonymer Autor den "Militär-Struwwelpeter", es folgte eine Reihe an weiblichen Versionen des Struwwelpeters, unter anderem die "Struwwelliese" im Jahr 1890.

Über Jahre hinweg entstanden Bearbeitungen fürs Theater und politische Nachahmungen wie zum Beispiel "Struwwelhitler - A Nazi Story Book by Doktor Schrecklichkeit", eine Parodie, in der sich zwei englische Autoren 1941 über das Hitler-Regime lustig machen.

Kuriose und aktuelle Bearbeitungen

Zu den kuriosesten Bearbeitungen zählt sicherlich, der von Wienern verfasste, "ägyptische Struwwelpeter", aus dem Jahr 1893: "Wenn die Kinder artig sind, gern gehorchen und geschwind, wenn sie Rah und Ptah verehren, auf Osiris' Worte hören, nicht die heil'gen Katzen necken und den Apis nicht erschrecken, wenn sie fromm und sittsam auch thun, was sonst Ägyptens Brauch, dann bringt Isis Gut's genug und ein schönes Bilderbuch", heißt es in dieser Adaption. Eine andere Zielgruppe bedient das, 1980 in Berlin erschienene Buch, "Der Schwuchtelpeter oder lustige Geschichten und schrullige Bilder von Stefan" - herausgegeben vom Verlag Rosa Winkel, dem ersten deutschen Schwulenverlag der Nachkriegszeit.

Bei FM4 und im Burgtheater

Der Struwwelpeter, Werbekampagne von FM4

radio FM4

Heute begegnet man dem Struwwelpeter im Theater und auf der Straße: Im Burgtheater findet eine "Struwwelpeter"-Horror-Music-Show statt. Auf der Bühne erzählen Birgit Minichmayr und eine Live-Band von "schwer erziehbaren Kindern, genervten Eltern und lassen erahnen, wie gefährlich es ist, ein Kind zu sein".

Der Radiosender FM4 wirbt in der aktuellen Werbekampagne mit dem unfrisierten Burschen. Damit will der Sender "dem Struwwelpeter-Angstgemache in den Hintern treten." Die Kampagne beweist, dass sich der Struwwelpeter als Beispiel für schwarze Pädagogik, die den Kindern Angst machen soll, bis heute durchgesetzt hat.

Schwarze Pädagogik

Der Anti-Struwwelpeter

Universität Wien

"Die vielen Auflagen und Bearbeitungen, Übersetzungen und Parodien haben dazu geführt, dass er so bekannt geworden ist", erklärt Susanne Blumesberger, die stellvertretende Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung und Mitorganisatorin der Ausstellung, gegenüber science.ORF.at. "Die Menschen haben immer sehr emotional reagiert, nicht zuletzt weil sie erkannten, welches Potential der Struwwelpeter hat."

Nicht nur die vielen Adaptionen und Parodien waren eine Reaktion auf Hoffmanns Werk - auch die immer wieder aufflammende Diskussion über sein Buch als Beispiel für schwarze Pädagogik. Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren kam die antiautoritäre Erziehung in Mode und mit ihr wurde der Struwwelpeter als ein Buch, das völlig veraltete, gewaltvolle Erziehungsmethoden vermittelt, verteufelt.

Wieder einmal war der Struwwelpeter Opfer des Zeitgeistes: Wurde er zu Hoffmanns Lebzeiten noch als "gefährlich für die elterliche Autorität" empfunden, verstaubte er nun in den Bücherregalen, weil viele Mütter und Väter ihn als "nicht kindergerecht" verurteilten. In dieser Zeit erschien von F.K. Waechter der "Antistruwwelpeter", indem der Autor veraltete und konservative Erziehungsmaßnahmen anprangert.

Über Ängste lachen

Mittlerweile hat sich dieser negative Zugang zu Hoffmanns Werk gelockert. Das Problem an dieser pädagogischen Diskussion sei, so Wesseling, dass man den Struwwelpeter nie als ästhetisches Artefakt in Betracht zog. Sie geht davon aus, dass Hoffmann sich nicht die autoritäre, sondern die ästhetische Erziehung zum Ziel gesetzt hatte. Vor allem seine, oft bedrohlichen aber nicht ganz ernst gemeinten Illustrationen hatten nach dieser Theorie den Sinn, Kindern ihre Ängste vor Augen zu führen. Er habe versucht, den Kindern mitzuteilen: "Versucht Ängste durch Phantasie umzuformen: Gebt ihnen eine Form, blast sie auf und lacht über sie."

Furcht nehmen

Ernst Seibert, Universität Wien

Universität Wien

Ernst Seibert, Uni Wien

Auch Ernst Seibert, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung, zeigt sich gegenüber science.ORF.at überzeugt: "Hoffmann wollte nicht Angst verbreiten, sondern den Kindern auf seine Weise die Furcht nehmen."

Es sei grotesk, dass man immer den Struwwelpeter als Beispiel für negative, schwarze Pädagogik anführe. Ganz im Gegenteil: Hoffmann hat sich mit seinen überspitzt gezeichneten und erzählten Geschichten über die Erziehungsmethoden der Biedermeierzeit lustig gemacht.
Seibert selbst würde seinen Kindern den Struwwelpeter übrigens vorlesen - aber nicht unkommentiert: "Darüber mit den Kindern zu reden, ist absolut wesentlich." Er meint, dass man den Struwwelpeter auch so darbieten könne, dass er ein Instrument gegen die schwarze Pädagogik darstellt. "Ich glaube, Hoffmann wollte sein Werk so verstanden wissen, und auch wir als Ausstellungsinitiatoren verstehen es so."

Christine Baumgartner, science.ORF.at, 10.09.09