Standort: science.ORF.at / Meldung: "Schöpfung & Evolution: 200 Jahre nach Darwin"

Eine der letzten Aufnahmen von Charles Darwin: Sie zeigt den britischen Naturforscher mit langem weißem Bart. Das Foto entstand vermutlic im Jahr 1878

Schöpfung & Evolution: 200 Jahre nach Darwin

Zum 200. Geburtstag erweisen auch die Kirchen Charles Darwin ihre Reverenz. Der Vatikan veranstaltet Anfang März sogar einen eigenen Kongress zur Evolutionstheorie und zeigt sich aufgeschlossen. Doch trügt der Schein, als habe die katholische Kirche ihren Frieden mit Darwin gemacht, meint der Theologe Ulrich Körtner in einem Gastbeitrag.

Darwinjahr 2009 27.02.2009

"Sorry, Mr. Darwin"

Von Ulrich Körtner

Ulrich Körtner

Uni Wien

Ulrich Körtner ist Vorstand Instituts für Systematische Theologie und Religionswissenschaft an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Auf ihrer Internetseite entschuldigt sich die anglikanische Kirche von England sogar für frühere Angriffe auf den studierten Theologen Darwin, der als "Kaplan des Teufels" verunglimpft wurde.

Eine solche Entschuldigung hält der Vatikan allerdings für unnötig. Schließlich habe die römische Kirche Darwin nie verurteilt und sein Buch nicht auf den Index gesetzt. Auch stünden Evolution und Schöpfungsglaube nicht im geringsten Widerspruch, wie kürzlich im "Osservatore Romano" zu lesen war. Und auch mit der Idee des "Intelligent Design", die von evangelikalen Fundamentalisten vertreten wird, habe man nichts am Hut.

Der Vatikan würdigt den englischen Naturforscher mit einer internationalen Tagung vom 3. bis 7. März in Rom, die sich Darwins 1859 veröffentlichtes Werk über die "Entstehung der Arten" widmet.

Rom präsentiert sich als ehrlicher Makler und Anwalt der Vernunft im offenen und vorurteilsfreien Dialog zwischen Naturwissenschaft und Theologie, bei dem zwar auch das "Intelligent Design" zur Sprache kommen soll, allerdings nur als Kulturphänomen, nicht als Wissenschaft oder theologisches Konzept.

Schönborns Kritik am "Neodarwinismus"

Wer sich an die heftige Debatte erinnert, die Kardinal Schönborn 2005 mit seinem Artikel in der New York Times "Finding Design in Nature" ausgelöst hat, ist vielleicht zunächst irritiert. Hieß es dort nicht, jedes Denksystem, das die "überwältigenden Beweise für einen Plan ("design") in der Biologie" leugne oder wegerklären wolle, sei "Ideologie, nicht Wissenschaft"?

Christoph Schönborn:
Finding Design in Nature

Und hatte Schönborn nicht geschrieben: "Evolution im Sinne einer gemeinsamen Abstammung kann [!] wahr sein, aber Evolution im neodarwinistischen Sinne - ein ungeleiteter, ungeplanter Prozess zufälliger Variation und natürlicher Auslese - ist es nicht"?

Nun konnte man schon damals rätseln, wer oder was eigentlich genau mit der Bezeichnung "Neodarwinismus" gemeint war. Sofern der militant atheistische Darwinismus eine Richard Dawkins gemeint ist, dessen pseudowissenschaftliche Erklärungsversuche zur Religion viel heiße Luft erzeugen, kann man Schönborn durchaus zustimmen.

Nicht aber, wenn die moderne Synthetische Evolutionstheorie gemeint ist, welche auf den Erkenntnissen Darwins und der modernen Genetik beruht.

Was heißt Evolution?

Auch die jüngsten Aussagen des Vatikans bleiben zweideutig, da mit "Evolution" recht Unterschiedliches gemeint sein kann. "Evolution" heißt übersetzt ganz allgemein "Entwicklung". Das Neue und Revolutionäre an Darwins Theorie über die Entstehung der Arten ist jedoch nicht der Entwicklungsgedanke als solcher, sondern die Bestreitung feststehender Artgrenzen und seine Erklärung biologischer Entwicklungsprozesse durch die Mechanismen von Selektion und Mutation, die ohne die Hypothese eines planenden Schöpfergottes auskommt.

Darwin und der Glaube an Gott

Als junger Mann hatte Darwin die "Natural Theology" des anglikanischen Theologen William Paley (1743-1805) gelesen und sich von seinen physikotheologischen Argumenten für die Existenz des Schöpfergottes beeindruckt gezeigt. Doch sollte sich sein Weltbild mit der Forschungsreise auf der "Beagle" von Grund auf ändern.

Dass er sich vom Glauben an einen persönlichen Gott entfernte, war freilich nicht nur die Folge seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, welche die Annahmen Paley widerlegten, sondern auch die existentielle Konsequenz, die er aus dem frühen Tod seiner Tochter Anne im Jahre 1851 zog.

Beweise für ein "Intelligent Design"?

In seinen als Buch veröffentlichten Katechesen zum Thema hat Schönborn 2007 nochmals betont, er halte zumindest "die Frage nach der Herkunft des evidenten "Intelligent Design" im Lebendigen" für "eine völlig legitime, ja zum Menschen und seiner Vernunft gehörende Frage", auch wenn die Antwort nicht im Kreationismus bestehen müsse.

Tatsächlich ist die jedoch Frage als solche schon falsch gestellt, da sie die Evidenz eines "Intelligent Design" behauptet, die bei näherer Betrachtung gar nicht besteht. Gerade darin aber liegt eine der entscheidenden Herausforderungen für die christliche Schöpfungslehre und die moderne Theologie.

Kant und das Schnabeltier

Nun findet sich die Rede vom "guten Design" auch bei einem des Kreationismus völlig unverdächtigen Evolutionsbiologen wie Stephen Jay Gould. Für ihn ist zum Beispiel das Schnabeltier ein Meisterwerk an Design, weil sein einzigartiger Körperbau perfekt auf die Zwecke abgestimmt ist, die es erfüllen soll.

Wie Umberto Eco anmerkt, hätte Gould allerdings das Schnabeltier vermutlich nicht in dieser Weise "teleologisch" interpretieren können, hätte uns nicht Immanuel Kant gesagt, ein organisiertes Produkt der Natur sei das, "in welchem alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist". Kant hat seine Werke übrigens geschrieben, bevor das Schnabeltier in Europa bekannt wurde, etliche Jahrzehnte vor Darwins umwälzenden Entdeckungen.

Die Sprache der Metaphern

Streng genommen handelt es sich bei Goulds Verwendung des Design-Begriffs freilich um eine Metapher, wie auch teleologische Urteile über Naturwesen die Erfahrung des menschlichen Planens und Wollens wie selbstverständlich auf natürliche Prozesse übertragen.

Eine Metapher ist aber auch die Rede von einem göttlichen Plan, und zwar auch in einer nicht kreationistischen Lesart. Sie bringt die Gewissheit zum Ausdruck, dass nicht nur das Leben des Einzelnen, sondern auch der Kosmos als Ganzer einen tieferen Sinn hat.

Schon die Bibel lehrt freilich, dass Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken und seine Wege unerforschlich sind. Glauben heißt vertrauen, bisweilen auch gegen den Augenschein und die Erfahrung des Sinnwidrigen. Einblicke in Gottes Heilspläne in Natur und Geschichte sind uns verwehrt. Martin Luther spricht darum vom verborgenen Gott.

Existentielle Wahrheit

Die biblischen Schöpfungsberichte bieten keine naturwissenschaftliche Hypothese über die Entstehung des Kosmos, sondern religiöse Poesie. Ihre Aussagen sind keine wissenschaftlich verifizierbaren oder falsifizierbaren Sätze. Wenn man hier von Wahrheit sprechen kann, dann in einem anderen Sinne als im Rahmen naturwissenschaftlicher Theoriebildung. Es geht hier um existentielle Wahrheit.

Die Sicht der Evangelischen Kirchen

2008 veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Orientierungshilfe mit dem Titel "Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule". Im Vorwort erklärt der Ratsvorsitzende der EKD Bischof Wolfgang Huber: "Weder die Angriffe eines neuen Atheismus auf den biblischen Schöpfungsglauben noch die im Namen des christlichen Glaubens vorgebrachten Angriffe auf die Evolutionstheorie treffen [...] die jeweils andere Seite im Kern."

Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie seien schon aufgrund ihrer ganz unterschiedlichen Methoden zwei verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit. Die biologische und die theologische Perspektive müssten in ihrer Eigenbedeutung zur Geltung gebracht werden, z.B. in fächerübergreifenden Unterrichtsprojekten in der Schule. Worauf es aber an komme, sei, "dass man die Beziehung zwischen diesen beiden Betrachtungsweisen nur dann zureichend bestimmen kann, wenn man zuvor gelernt hat, sie voneinander zu unterscheiden".

Nach Ansicht der Autoren handelt es sich bei Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie um "komplementäre Perspektiven", die aber nicht isoliert nebeneinander stehen dürfen, sondern zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen. Das eigentliche Interesse der biblischen Schöpfungstexte sei jedoch kein kosmologisches oder metaphysisches ist, sondern liege auf der Ebene existentieller Daseinsgewissheiten.

Der Kretationismus mit seiner Idee des "Intelligent Design" wird dagegen eine scharfe Absage erteilt. Er gilt geradezu als "Verkehrung des Glaubens an den Schöpfer in einer Form der Welterklärung, die letztlich dazu führt, dass das Bündnis von Glaube und Vernunft aufgekündigt wird".

Darwin und das "Projekt Benedikt"

Darwin hat nicht nur die Sonderstellung des Menschen im Reich der Natur erschüttert, sondern auch die Macht der Kirche in Fragen des Weltbildes. Im öffentlichen Streit um Darwins Bedeutung und Erbe geht es letztlich um Machtfragen, z.B. im Kampf um die Evolutionstheorie an amerikanischen Schulen, in den Debatten über Sexual- und Bioethik oder über die Ursachen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise.

Buchhinweis: Ulrich H.J. Körtner/Marianne Popp (Hg.), Schöpfung und Evolution - zwischen Sein und Design. Neuer Streit um die Evolutionstheorie, Böhlau: Wien 2007.

Rom möchte verlorenes Terrain zurückerobern, aber das restaurative "Projekt Benedikt" (Jan Ross), das - wie schon die Regensburger Rede des Papstes 2006 deutlich gemacht hat - auf einer recht eigenwilligen Sichtweise des Verhältnisses von Vernunft und Glaube basiert, ist ein Versuch mit untauglichen Mitteln.

[27.2.09]

Mehr von Ulrich Körtner zu diesem Thema:

Darwin und die Rache Gottes
Nein und Amen. Ein neues Dokument aus Rom zur Bioethik