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Junge Frau unter der Dusche

Duschen sind Bakterien-Brausen

Das tägliche Duschbad reinigt und belebt - mit dem erfrischenden Wasserstrahl könnte allerdings auch ein Schwall Bakterien auf uns niedergehen, wie eine Analyse von US-Biologen zeigt. Demnach tummeln sich in jedem dritten Duschkopf Erreger, die zu Lungeninfektionen führen können.

Hygiene 15.09.2009

Die "Bademeisterlunge"

"Life guard lung" heißt eine Form der Lungenentzündung, die besonders häufig das Personal von Hallenbädern und Auquaparks befällt. Die verantwortlichen Keime dringen über feinste Wasserpartikel in der Atemluft in die Lunge. Diese sogenannten Aerosole entstehen wiederum durch Zerstäubung, also etwa in Wasserfällen, Sprühnebeln - und nicht zuletzt auch in Brausen.

Nachdem es in fast jedem Haushalt mindestens eine Dusche gibt, könnte man vermuten, dass die "Bademeisterlunge" gar keine so exklusive Erkrankung ist. Norman R. Pace ist dieser Hypothese nun auf den Grund gegangen, seine soeben in den "Proceedings of the National Acadamy of Sciences" publizierten Ergebnisse legen nahe: Vielleicht sollte man in Zukunft besser "Duschlunge" sagen, denn Duschen aus privaten Haushalten sind in der Tat Brutstätten für pathogene Keime.

Der Molekularbiologe von der University of Colorado hat mit seinen Mitarbeitern 45 Duschköpfe aus neun US-amerikanischen Städten per genetischem Screening untersucht, darunter etwa Chicago, Denver und New York. Zu Beginn standen eher kleiner Städte auf dem Programm, "da kamen wir zu dem Schluss, dass die Keimbelastung in Duschköpfen ziemlich langweilig ist", erzählt Leah Feazel, die Erstautorin der Studie. "Dann analysierten wir die Daten aus New York und sahen auf einmal jede Menge Myobacterium avium. Das hat die Studie völlig neu belebt."

Den ersten Strahl besser nicht ins Gesicht

Myobacterium avium ist kein Unbekannter: Eine Unterart des Keimes löst die Geflügeltuberkulose aus, eine andere ist für die Paratuberkulose bei Rindern verantwortlich. Es gibt auch Varianten, die den Menschen befallen. Sie können, speziell bei Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, "nicht-tuberkulöse" Lungenkrankheiten auslösen.

Just diese Keime fühlen sich der Studie zufolge im warmen und feuchten Inneren der Duschköpfe besonders wohl und bilden dort bakterielle Gemeinschaften, "Biofilme", deren Keimdichte jene des Fließwassers um das Hundertfache übersteigt. "Wenn Sie die Dusche aufdrehen und den Strahl zunächst ins Gesicht halten, bekommen Sie wahrscheinlich eine besonders große Ladung Mycobacterium avium ab, die nicht allzu gesund sein dürfte", sagt Norman Pace.

Das gilt allerdings nur für US-Haushalte mit kommunaler Wasserversorgung. Wer seine Dusche mit Brunnenwasser speist, muss sich der Studie zufolge indes keine Sorgen machen.

Resistent gegen Chlor

Wie Pace erzählt, können solche Biofilme durchaus hartnäckig sein. In Denver sei ein mit der (relativ harmlosen) Art Mycobacterium gordonae befallener Duschkopf mittels Bleichmittel gereinigt worden. Ein paar Monate später sei der Anteil dieser Spezies im Biofilm dreimal so hoch gewesen - vermutlich habe die vermeintliche Desinfektion den Bakterien zu einer Chlor-Resistenz verholfen.

"Nur ein Restrisiko"

Ist Duschen also gefährlich? "Wohl nicht, sofern Ihr Immunsystem nicht auf irgendeine Art und Weise geschwächt ist", sagt Pace. "Aber es ist wie bei allen Dingen, ein Restrisiko bleibt damit verbunden." Um dieses möglichst gering zu halten, empfiehlt Pace Metall-Duschköpfe. Solche aus Plastik würden nämlich deutlich mehr Bakterien beherbergen, sagt er.

Pace ist im Übrigen nicht der erste, der die tägliche Dusche mit einer gewissen Skepsis betrachtet. 2006 berichteten drei australische Mediziner im Fachblatt "Clinical Infectious Diseases", dass die Zahl nicht-tuberkulöser Lungeninfektionen in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen habe. Sie vermuteten damals: Ursache könnte die gestiegene Popularität der Dusche sein - als Alternative zum Vollbad.

Robert Czepel, science.ORF.at, 15.9.09

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