Standort: science.ORF.at / Meldung: "Gentherapie heilt rotgrünblinde Affen"

Totenkopfäffchen beim Test der Rot-Grün-Blindheit am Touchscreen

Gentherapie heilt rotgrünblinde Affen

Rund acht Prozent aller Männer sind rotgrünblind. Totenkopfäffchen sind noch schlimmer dran: Bei ihnen leiden alle Männchen unter dieser Sehstörung. In einem bahnbrechenden Experiment wurden zwei Vertreter nun davon geheilt. Forscher setzten den Affen menschliche Gene ins Auge, die in der Folge alle Farben unterscheiden konnten.

farbenblindheit 16.09.2009

Das gebe auch für die Sehstörung von Menschen Hoffnung für neue Behandlungswege, berichtet ein Forscherteam um Katherine Mancuso von der Universität Washington.

Männliche Äffchen visuell benachteiligt

Darstellung von Rot-Grün-Blindheit: Ein Totenkopfäffchen frisst, links ohne rot-grün, rechts in allen Farben.

Neitz Laboratory

Totenkopfäffchen Dalton beim Fressen: wie die Szene ein rotgrünblinder Mensch (oder Affe) sehen würde links, die "Normalansicht" rechts.

Menschen und viele andere Primaten verfügen zur Farberkennung über drei verschiedene Typen von Farbrezeptoren im Auge: die Rezeptoren, die rote, grüne und blaue Sinneseindrücke schaffen.

Männlichen Totenkopfäffchen (Saimiri sciureus) sind von Natur aus rotgrünblind. Ihnen fehlen die Rezeptoren für bestimmte Wellenlängen des Lichts, daher erkennen sie nur Gelb und Blau und können viele Rot- und Grüntöne nicht von Grau unterscheiden.

Nur einige weibliche Tiere sehen dreifarbig, da sie die erforderlichen Farbkörper, die Pigmente, in der Netzhaut besitzen.

Zwei sehr vertraute Versuchstiere

Für die aktuelle Studie wurden deshalb zwei männliche Totenkopfäffchen verwendet. Beigesteuert haben sie die beiden miteinander verheirateten Mitautoren und Augenärzte Jay und Maureen Neitz.

Die beiden hielten die Tiere nach eigenen Angaben "wie ihre Kinder" und brachten ihnen im Lauf ihres Zusammenlebens eine Reihe von Dingen bei. U.a. gewöhnten sie die beiden Affen an einen für Menschen entwickelten Farbsehtest.

Durch den "Cambridge Colour Test" können die Affen ihren menschlichen Kumpanen "sagen", welche Farbe sie gerade sehen.

Dalton, benannt nach dem Chemiker

Totenkopfäffchen beim Test zum Erkennen der Rot-Grün-Blindheit,

Neitz Laboratory

Der Test funktioniert ähnlich wie andere Farbtests, bei denen Muster verschieden großer Farbpunkte unterschieden werden müssen. Farbblinde erkennen dabei weniger als Normalsichtige.

Oben zu sehen ist das Totenkopfäffchen Dalton: Per Touchscreen zeigt es auf die gesehenen Muster, zur Belohnung gibt es Saft.

Der Chemiker John Dalton hat zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur bedeutende Beiträge zur Atomtheorie geleistet, er gilt auch als Entdecker der Rot-Grün-Sehschwäche.

Das Ehepaar Neitz hat das Tier nach einem historischen Schwergewicht der Wissenschaft benannt, dem britischen Chemiker John Dalton.

Rot-Grün als neue Option

Nachdem die Forscher den Affen Dalton und Sam den Sehtest beigebracht hatten, ging es zur gentherapeutischen Behandlung. Die Rot-Grün-Blindheit tritt auf, wenn das sogenannte L-Opsin-Gen fehlt, das für die Bildung bestimmter Pigmente verantwortlich ist.

Die Forscher injizierten ein menschliches L-Opsin-Gen in die lichtempfindliche Schicht unter die Netzhaut von Sam und Dalton.

"In den ersten 20 Wochen nach der Behandlung ist gar nichts passiert", erinnert sich Neitz. "Aber dann war gleich alles klar. Es war, wie wenn sie direkt nach dem Aufwachen plötzlich besser sehen konnten." Die Tiere haben eindeutig auf rot und grün reagiert, was bis dahin für sie unmöglich war.

Gehirn auch noch im Alter flexibel genug

Bislang dachte man, dass angeborene Sehstörungen lediglich bei sehr jungen Menschen behandelt werden können, da deren Gehirn noch ausreichend flexibel ist, um sich an die veränderte Wahrnehmung anzupassen.

Die vorliegenden Ergebnisse zeigen jedoch, dass zum dreifarbigen Sehen lediglich die richtigen Pigmente erforderlich sind, betonen die beiden Neitz' und ihre Kollegen. Auch ein erwachsenes Gehirn könne die neuen Informationen verarbeiten.

Das zeige das große Potenzial der Gentherapie zur Wiederherstellung nicht vorhandener oder verlorener Sehleistung, so die Forscher.

[science.ORF.at]

Mehr zu dem Thema: