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Ein Mann wandert nach Osten - Werbeplakat der Wiener Städtischen Versicherung

"Der Osten" rückt immer mehr nach Osten

Wenn die Österreicher an "den Osten" denken, fällt ihnen heute mehrheitlich vermutlich Kriminalitätstourismus ein. Vor über 20 Jahren war das anders, da herrschte der kommunistische "Ostblock" vor. Gemeinsam ist den beiden Vorstellungen die Idee einer im Vergleich zum Westen zurückgebliebenen Entwicklung - oft verbunden mit einer gewissen Abenteuerlust, die man dem "wilden Osten" zubilligt.

Politikwissenschaft 21.09.2009

Die Politikwissenschaftlerin Petra Bernhardt von der Universität Wien nähert sich diesen Stereotypen in ihrer Dissertation mit einer besonderen Methode: Sie hat Bilder von Anzeigen in Zeitschriften untersucht, die Osteuropa symbolisieren.

"Der Osten" als gefährlicher, aber doch ambivalenter Raum rückt immer mehr nach Osten, so Bernhardt in einem science.ORF.at-Interview. Die 29-jährige Politologin hat 18 Jahre im Burgenland gelebt, ehe sie zum Studieren nach Wien kam.

Portraitfoto Petra Bernhardt

Universität Wien

Zum Abschluss des Initiativkollegs "Kulturen der Differenz. Transformation im zentraleuropäischen Raum" an der Universität Wien fand Ende der vergangen Woche ein internationale Graduiertenkonferenz statt. Im Brennpunkt stand der Wandel von Erinnerungskulturen, Identitäten und Vorstellung des Raums "Osteuropa". Petra Bernhardt ist eine der Kollegiatinnen.

Wenn Sie an "den Osten" denken, was fällt Ihnen da als erstes ein?

Stundenlange Wartezeiten an der ungarischen Grenze, wenn ich mit meinen Eltern zum Abendessen nach Sopron fahren wollte. Die Kontrollen waren sehr unangenehm, meine Eltern oft schlecht gelaunt, sie mussten Einreiseformulare ausfüllen. Die Grenze war stark bewacht, das empfand ich als Kind bedrohlich. 1986 hat sich das radikal geändert, da war der Osten plötzlich Tschernobyl und die damit verbundenen Einschränkungen: keine Erdbeeren mehr essen, im Kindergarten wurde uns die Sandkiste weggenommen etc.

Und wenn Sie heute nach Ihrer Dissertation an "den Osten" denken?

Mittlerweile habe ich keine regionale Vorstellung mehr, sondern eine rein analytische. Ich betrachte "den Osten" heute als Konstruktion mit kulturwissenschaftlichen, soziologischen und politologischen Implikationen. Sie wird zum Teil strategisch, zum Teil unbewusst, oft stark abschätzig eingesetzt: der Osten als etwas Großes, Mythisches, das nach wie vor etwas Aufholbedarf hat.

Wie ist das historisch entstanden?

Die Vorstellung vom Osten als Konstrukt ist mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert entstanden. Der Historiker Larry Wolff hat in den 1990er Jahren durch die Untersuchung von philosophischen Schriften, Reisetagebüchern und einigen Bildern gezeigt, wie die Idee des Ostens in dieser Zeit konstruiert wurde. Ziel war es, wenn wir etwa an Voltaire denken, den eigenen Gesellschaften im Westen einen Spiegel vorzuhalten.

Diese Idee hat sich dann im Laufe unterschiedlicher politischer Konstellationen als sehr fruchtbar und wirksam erwiesen ...

Die Nationalsozialisten haben sie besonders eingesetzt, ich erinnere an den Generalplan Ost, ein glücklicherweise nicht realisiertes Wahnsinnsprojekt, das die Umsiedlung von 31 Millionen Menschen impliziert hätte, von Vertreibungen und Ermordungen ganz zu schweigen. Mit der Neuordnung Europas nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Ost-West-Grenze auf eine Weise gefestigt, die es vorher nie gegeben hat. Die Idee des Ostens wurde in eine reale politische Tatsache überführt. Nach 1989 hat sich diese Grenze nicht so leicht auflösen lassen, wie man vielleicht gedacht hat.

Hat sich dennoch etwas verschoben seit 1989? Davor war der Osten als "Ostblock" ja sehr homogen, ist das vielleicht differenzierter geworden, auch wenn die meisten Österreicher heute v.a. an Kriminaltouristen denken?

Der Politikwissenschaftler Andreas Pribersky hat vor einigen Jahren untersucht, wie sich die Vorstellungen vom Osten an der burgenländischen und niederösterreichischen Grenze gewandelt haben. Das Ergebnis der Interviews war, dass der Osten immer weiter nach Osten rückt. D.h. die unmittelbaren Nachbarn werden gar nicht mehr als so anders wahrgenommen. Das hat sich weiter nach Osten verschoben, bis nach Rumänien. Der Osten ist weiter eine politische Kategorie, aber er wandert.

Für Ihre Dissertation haben Sie die Werbeanzeigen mit Bezug auf Osteuropa in Nachrichtenmagazinen von 1989 bis 2007 untersucht. Warum gerade das?

Werbung liefert sehr anschauliches Material, weil sie ein massives Testverfahren absolvieren muss, bevor sie in Auftrag gegeben wird. Versicherungen, Banken und Reiseunternehmer schalten keine Anzeigen, mit denen die Leute nichts anfangen können. D.h. sie verwenden bekannte Motive, die auch ironisiert werden können, sie bauen aber auf etwas auf, das es bereits gibt.

Was war besonders typisch für Anzeigen zu Osteuropa?

Ein Beispiel betrifft die Landschaft, hier werden Bilder für den Osten verwendet, die bereits seit Jahrhunderten vorhanden sind: weite unbewohnte Flächen, kaum Häuser und kaum Zivilisation. Es hat immer einen Gestus des Aufbruchs, wenn man in den Osten geht. Das ist immer abenteuerlich, da erwartet einen etwas, was man nicht so kennt. Es geht um Eroberung, vielleicht auch Zivilisierung.

Werbung der Wiener Städtischen Versicherung: Ein Unternehmer wandert nach Osteuropa

Wiener Städtische Versicherung

Das Beispiel der Wiener Städtischen Versicherung zeigt einen Unternehmer (siehe Bild oben): Er ist hemdsärmelig nach Osten unterwegs, das Terrain ist ein bisschen unsicher. Er weiß nicht, was ihn erwartet, aber er bringt einen Bürodrehstuhl mit sich.

Um damit den wilden Osten zu erobern?

Vor allem die neuen Märkte. Der wilde Osten ist aber nicht nur wild. Er ist auch sehr spannend. Daraus erklären sich auch die Erfolge von Phänomenen wie der Russendisko oder Balkan-Beat-Veranstaltungen. Der Osten ist ein Ort, wo man noch ordentlich feiern kann, wo es nicht so brav und bieder zugeht wie bei uns. Merle Hilbk hat das in ihrem Buch "Sibirski Punk" sehr schön beschrieben: Nach einer Lebenskrise ist sie von Hamburg in die sibirische Steppe gezogen, um es einmal ordentlich krachen zu lassen.

Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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