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Ratte und Neuronen.

Gelähmte Ratten können wieder laufen

Um Gelähmten auf die Beine zu helfen, müssen nicht unbedingt verletzte Nerven repariert werden, wie eine Studie zeigt: Forscher haben gelähmte Ratten allein durch Aktivierung ihres Rückenmarks wieder zum Gehen gebracht.

Neurologie 21.09.2009

Tiere tragen ihr Körpergewicht

Forscher aus der Schweiz, Russland und den USA fanden heraus, dass gelähmte Ratten dank einer Kombination von Medikamenten, Elektrostimulation und regelmäßigem Training auf einem Laufband wieder gehen, ja sogar laufen können.

Das Rückenmark enthält Schaltkreise, die ohne einen Input des Gehirns rhythmische Aktivität erzeugen, wie Versuchsleiter Gregoire Courtine vom Experimental Neurorehabilitation Laboratory der Universität Zürich erklärt. Diese Schaltkreise aktivieren und treiben die Muskeln der Hinterbeine auf eine Art an, die dem normalen Gang sehr ähnlich sei.

Frühere Experimente hatten bereits gezeigt, dass man auf diese Weise trotz Rückenmarksverletzungen eine gewisse Beweglichkeit reinstallieren kann. In den neuen Versuchen habe man nun nachgewiesen, dass dies dauerhaft möglich sei, sagt Courtine. Außerdem "tragen die Tiere ihr volles Körpergewicht".

Vorwärts, rückwärts, seitwärts

Wie die Forscher im Fachblatt "Nature Neuroscience" berichten, führten sie ihre Versuche mit Ratten durch, die ihre Hinterbeine aufgrund einer kompletten Durchtrennung des Rückenmarks nicht willentlich bewegen konnten.

Während sich die Ratten auf einem Laufband befanden, gaben ihnen die Wissenschaftler Medikamente, die auf die Rezeptoren des Neurotransmitters Serotonin wirken. Außerdem versetzten sie dem Rückenmark unterhalb der Verletzung niederschwellige elektrische Ströme.

Diese Kombination von Stimulation und Sinnesaktivierung über die Hinterbeine produzierte offenbar Rhythmen im Rückenmark - und in weiterer Folge Gehbewegungen, wie dieses Video zeigt.

Tägliches Laufbandtraining während mehrerer Wochen führte dazu, dass die Ratten sowohl vorwärts und rückwärts als auch seitwärts gehen konnten, schreibt die Uni Zürich in einer Aussendung. Die Verbindung zwischen Gehirn und den für das Gehen verantwortlichen Schaltkreisen im Rückenmark seien jedoch noch immer unterbrochen gewesen - die Ratten waren daher nicht imstande, selbstständig zu gehen.

Hoffen auf neuen Therapieansatz

Die Resultate der Studie weisen darauf hin, dass eine Regeneration von verletzten Nervenfasern nicht notwendig ist, um gelähmten Ratten das Gehen zu ermöglichen. Diese Erkenntnis habe möglicherweise eine große Bedeutung für die Rehabilitation von rückenmarkverletzten Patienten.

Elektrostimulation durch Neuroprothesen und Medikamente könnten Rückenmarksverletzungen bei Patienten bis zu einem gewissen Grad überbrücken, so hofft man.

[science.ORF.at/APA/AP]

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