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Eine Frau sitzt unter dem Blätterdach eines Baumes.

"Design statt Desaster": Ökologische Ökonomie

Die Wirtschaftskrise lässt die CO2-Emissionen sinken. Dafür bringt sie hohe soziale Kosten mit sich. Wie die Wirtschaft geplant auf den grünen Weg gebracht werden kann, damit beschäftigt sich eine noch recht junge Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften: die Ökologische Ökonomie.

Wirtschaft 23.09.2009

Sigrid Stagl unterrichtet als Professorin an der WU Wien das neue Fach. Im Interview erzählt sie, warum wir uns vom Wirtschaftswachstum verabschieden sollten, dass mehr Einkommen nicht immer glücklicher macht, und dass Business as usual kein guter Plan ist, den Planeten zu retten.

Sie haben als erste Wissenschaftlerin der Welt einen PhD in Ökologischer Ökonomie erhalten. Was unterscheidet Ökologische Ökonomie von Umweltökonomie und der traditionellen Wirtschaftswissenschaft?

Porträt Sigrid Stagl

Privat

Sigrid Stagl übernahm im Oktober 2008 an der Wirtschaftsuniversität Wien eine Professur für Umweltökonomie und -politik, für die sie in diesen Tagen von Sussex nach Wien zurückkehrt. Davor unterrichtete und arbeitete sie an der Wirtschaftsuniversität Wien, sowie an den Universitäten in Cambridge, Leeds und Sussex. Sigrid Stagl ist Mitglied in der International Society of Ecological Economics.

Stagl: Ökologische Ökonomie ist ein interdisziplinären Forschungsfeld. Ein Kollege aus Schottland sagte dazu: "Ökonomie, bei der die Umwelt ernst genommen wird", wo Umwelt nicht als Nebeneffekt betrachtet wird, sondern essentieller Bestandteil des guten Wirtschaftens ist.

Es geht um die Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern und anderen Sozialwissenschaftlern, um das gemeinsame Entwickeln eines besseren ökonomischen Gerüsts, in dem die soziale und die Umweltdimension integraler Bestandteil sind.

Wie lässt sich die Wirtschaft grüner gestalten?

Es kommt darauf an, in welchem Ausmaß. Wenn es ein bisschen grüner sein soll - zum Beispiel 20 Prozent weniger CO2-Emissionen -, dann wäre das mit technischen Verbesserungen und kleinen Verhaltensänderungen möglich. Wenn wir das gut mit finanziellen Anreizen kombinieren, können wir das schaffen.

Naturwissenschaftler sagen uns aber, dass wir unsere Emissionen um mindestens 80 Prozent bis 2050 senken müssen. Da reicht es nicht mit ein paar finanziellen Anreizen hier, ein bisschen neuer Politik dort, neuen Technologien und ein bisschen verändertem Verhalten.

Was braucht es dann?

Eine andere Art des Wirtschaftens: eher kreislauforientiert, wo Abfälle die Ausnahme sind. Es braucht ein Umstellen von finanziellen Anreizen, sodass umweltfreundliches Verhalten belohnt wird. Das ist im Moment nicht notwendigerweise so.

Es braucht tiefer gehende Reformen. Das leicht veränderte Bussines as usual, von dem wir bisher ausgegangen sind, wir nicht reichen. Wenn wir uns konkrete Vorschläge zur Ausgestaltung der Wirtschafts- und Umweltpolitik anschauen, dann schießt das an dem Ziel eindeutig vorbei.

Was wären die richtigen Vorschläge?

Das ist ein schwieriger Schritt, weil es eines anderen Denkens bedarf als die Lösung bisheriger Probleme. Es braucht nicht ein Mehr von dem, was wir bisher geschafft haben, sondern wir brauchen ein Anders.

Um uns Richtung Nachhaltigkeit zu bewegen, brauchen wir Politiken, die (auch) langfristig orientiert sind, die primär auf menschliches Wohlbefinden statt Produktion von Gütern abzielen, die allen Akteuren klare Signale über Umweltgrenzen senden, die globale Fairness deutlich erhöhen und die der Größenordnung der Probleme entsprechen. Und wir dürfen uns nicht durch die Frage blockieren lassen, wer an der Misere schuld ist - wenngleich sich daraus freilich eine erhöhte Verantwortung für die reichen Länder ergibt.

Die notwendige Veränderung wird mit jedem Jahr teurer und die Kosten fallen nicht in 200 oder 500 Jahren an, sondern das beginnt bereits in den nächsten Jahrzehnten. Wir werden das noch erleben. Das macht unser Leben unangenehmer und unser Wirtschaften schwieriger.

Ist ständiges Wirtschaftswachstum mit nachhaltigem Wirtschaften vereinbar?

Sigrid Stagl nahm vor wenigen Tagen an der Präsentation des Projekts World Wide Views on Global Warming in Wien teil, in dem am 26. September 2009 circa 4.600 Bürger und Bürgerinnen in 39 Ländern an einer Bürgerinnenkonferenz zum Thema Klimawandel teilnehmen und Empfehlungen für die UN-Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen erarbeiten. Das Projekt wurde vom dänischen Kulturinstitut initiiert. Die Bürgerinnenkonferenz in Österreich organisiert das Institut für Technikfolgenabschätzung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Theoretisch schon, weil sich die Effizienz deutlich erhöhen könnte. Dann könnten wir weiterhin wachsen; solange die Energieeffizienz in derartigem Ausmaß steigt, dass wir trotzdem zum Beispiel die CO2-Emissionen reduzieren. Praktisch glaube ich nicht, dass das möglich ist. Wir haben gesehen, dass neue Techniken und Verhaltensweisen normalerweise Probleme an einem anderen Ende mit sich bringen, was in der Ökonomie als Reboundeffekt gut dokumentiert ist.

Das bedeutet, dass Energieeffizienz zum Beispiel durch effizientere Autos gesteigert wird, aber wir fahren mehr, länger und öfter. Wir wollen mit Leuten in sozialem Kontakt sein, wir haben mehr Kontakte oder aufgrund von geänderten Arbeitsmustern leben Freunde und Familie weiter entfernt. Wir verbrauchen mehr Energie, obwohl wir energieeffizientere Technik verwenden. Aufgrund von derartigen Effekten müssen wir alle Einflussfaktoren für CO2-Emissionen zurückfahren. Und da ist Wirtschaftswachstum einer davon.

Gilt das für arme und reiche Länder gleichermaßen?

Es leben immer noch viele Menschen in Armut. Für die muss es Wirtschaftswachstum geben. Interessant ist, dass es eine schwache Beziehung zwischen Wirtschaftswachstum und Wohlbefinden gibt. Bei reichen Haushalten steigt das Wohlbefinden mit höherem Einkommen in geringem Ausmaß. Andere Dinge wie Gesundheit, familiäre Beziehungen, Freunde und Partizipation an der Gesellschaft sind wichtig.

Das hängt oft mit Zeit zusammen - Zeitwohlstand zu haben. Wenn es Ziel der Politik ist, das Wohlbefinden der Bevölkerung zu maximieren und nicht das Einkommen, müsste man nicht unbedingt Wirtschaftswachstum fördern, sondern man könnte die Arbeitszeit senken und damit Zeitwohlstand generieren. Aber es braucht eine differenzierte Politik. Für arme Haushalte bedeutet mehr Einkommen mehr Wohlbefinden.

Gibt es eine Einkommensgrenze, ab der sich das ändert?

Das ist relativ. Abgesehen natürlich, wenn man nicht genug zu essen hat; da ist es klar. Mit gleichem Einkommen fühlt man sich in einem armen Land relativ gesehen wohlhabend und hat höheres Wohlbefinden, in einem reichen Land fühlt man sich relativ gesehen ärmer und deswegen ist das Wohlbefinden normalerweise geringer. Deshalb kann man für das ganze System gesehen mit zusätzlichem Einkommen das Wohlbefinden nicht erhöhen. Das ist kein neuer Gedanke. John Maynard Keynes hat das schon 1936 erkannt.

Wie reagieren (neo-)klassische Ökonomen auf die neuen Ideen der ökologischen Ökonomie?

Detailergebnisse sind in den besten ökonomischen Journals publiziert. Es zieht nur kein grundsätzliches Überdenken des ökonomischen Denkrahmens nach sich. Deswegen ist es Zeit für einen Paradigmenwechsel. Die passieren aber normalerweise nicht von einem Jahr aufs andere.

Wovon hängt ab, ob und wann dieser Wechsel kommt?

Davon, wie viel Druck aus der Bevölkerung kommt, diese großen neuen Probleme besser zu adressieren. Ich erwarte eine Veränderung in den nächsten ein oder zwei Jahrzehnten. Ich glaube nicht, dass es nur ein neues Denkgerüst geben wird, sondern vielleicht eine Pluralität. Es geht um ein Herangehen, das Wirtschaften als eingebettet in das soziale und das natürliche System sieht und das kohärent ist mit komplexen Systemen und dem grundlegenden Denken in den modernen Naturwissenschaften - nicht Newtonschem Denken -, und das interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht, die unbedingt notwendig ist, um die großen Probleme der Gesellschaft anzugehen.

Hat die ökologische Ökonomie auch ein Konzept gegen Finanzkrisen?

Das Problem ist: Wir haben keine ökologische Makroökonomie. Wir arbeiten leider erst seit kurzem daran. Deswegen sind unsere Empfehlungen zur Wirtschaftskrise relativ allgemein: Wir sehen Krisen als Normalfall des Systems. Sie treten von Zeit zu Zeit auf. Wir sehen sie immer als Chance der Veränderung - im Schumpeter'schen Sinne.

Meine Sorge ist, dass diese Chance nur begrenzt wahr genommen wurde. Es gab zwar kritische Reflexion zu den Ursachen der Krise und nun werden einige Regulierungen diskutiert, die die schlimmsten Praktiken im Finanzsektor adressieren. Aber im Großen und Ganzen war das Ziel, so schnell wie möglich zum Business as usual zurück zu kommen. Wir haben aber die Chance einer Kurskorrektur im Zuge der Wirtschaftskrise verpasst.

Gibt es ökologische Folgen der Wirtschaftskrise?

Man könnte zynisch sein: Wir haben geglaubt, dass die CO2-Emissionen global noch ein paar Jahre steigen werden. Scheinbar sind sie jetzt schon gesunken. Aber das möchte niemand als Erfolg feiern, weil die Kosten sozialer Art dafür sehr hoch waren.

CO2-Emissionen ließen sich auch ohne soziale Kosten senken?

Natürlich; wenn es by design und nicht by desaster wäre. Da wir keinen tief genug gehenden Plan haben, wie wir uns in Richtung nachhaltiger Entwicklung bewegen, passieren diese Veränderungen by desaster. Darum brauchen wir ein reduziertes Wirtschaftswachstum by design, das mit positiven Konsequenzen wie erhöhtem Zeitwohlstand und erhöhter Lebensqualität durch bessere Umweltbedingungen einher gehen kann. Was neu ist, ist der von der Umwelt ausgehende rasch steigende Druck zur Neuorientierung.

Mark Hammer, science.ORF.at

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