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NASA-Aufnahme der Erde im Weltraum. Auf dem Bild zu sehen: Teile Europas, Nordafrika, die arabische Halbinsel und Südasien.

Ein Sicherheitsgurt für die Erde

Können wir weiterwirtschaften wie bisher oder taumelt die Menschheit bereits in die ökologische Katastrophe? Ein Team von Umweltforschern hat nun für neun Umweltbereiche Grenzen festgelegt, die ihrer Meinung nach nicht überschritten werden sollten.

Umwelt 25.09.2009

Patient Erde

Mediziner wissen meist, was sie ihren Patienten für mehr Gesundheit raten: Wenig Alkohol und Zigaretten, viel Sport, Schlaf und Vitamine und bei einer Verkühlung nicht leicht bekleidet im Regen spazieren gehen.

Wenn Umweltwissenschaftler sich um die Erde Sorgen machen, sind die Ratschläge oft ähnlich einfach: Weniger Müll produzieren und Energie verbrauchen, Fahrrad statt Auto, Effizienz statt Vergeudung.

Schwierig wird es jedoch, wenn genaue Angaben gefragt sind: Wie viel Energie können wir verbrauchen, ohne dadurch das Klima zu verändern? Wie viel an Regenwald kann gerodet werden, ohne dass der Wasserhaushalt durcheinander gerät? Wie viele Arten lassen sich opfern, ohne dass Ökosysteme instabil werden?

Ein Team internationaler Wissenschaftler um Johan Rockström, den Präsidenten des Stockholm Environment Institute, hat nun versucht Antworten darauf zu finden, und - wie sie es nennen - planetare Grenzen vorgeschlagen, innerhalb derer die Menschheit auf der sicheren Seite liege.

Alle Neune

Aufgestellt haben die Forscher Grenzwerte für folgende Umweltbereiche: Klimawandel, Artensterben, Stickstoff- und Phosphorkreislauf, Ozonschicht, Versauerung der Ozeane, Wasserverbrauch, Landnutzung, Luftverschmutzung und Chemikalien. Zwei Beispiele: Für den Klimawandel wäre die CO2-Konzentration in der Atmosphäre das Maß der Dinge; beim Artenschutz die Anzahl jährlich ausgelöschter Arten auf eine Million Arten.

Bei drei von den neun Bereichen hat die Menschheit die von den Forschern geforderte Grenze bereits überschritten. So sterben derzeit jedes Jahr mehr als hundert von einer Million Arten aus. Als akzeptables Niveau schlagen die Wissenschaftler zehn Arten jährlich vor; vor Beginn des Industriezeitalters dürfte nur weniger als eine Art unter einer Million das nächste Jahr nicht mehr erlebt haben.

Abrupte Wechsel

Man mag den Eindruck haben, dass sich die Systeme der Erde langsam und schrittweise verändern. Laut den Autoren der planetaren Grenzen ist dies für viele Probleme jedoch nicht der Fall. Vielmehr kann beim Überschreiten mancher Grenzen ein System kippen und ein neuer Zustand erreicht werden.

Tritt zum Beispiel das Monsunsystem in ein neues Stadium, könnte sich dies verheerend auswirken. Auch beim Klimawandel werden solche Kipppunkte diskutiert - zum Beispiel geänderte Meeresströmungen oder auftauender Permafrost. Überschreitet die Menschheit einen gewissen Punkt, könnten neue Dynamiken in Kraft treten und der Wandel ließe sich durch reduzierte Emissionen nicht mehr in den Griff bekommen. Aus diesem Grund schlagen die Autoren ihre Liste der Grenzen vor.

Der Mensch im Anthropozän

Seit etwa 10.000 Jahren - dem Holozän - ist die Umwelt der Erde in einem recht stabilen Zustand, schreiben die Autoren. Mit der industriellen Revolution hätte die Menschheit jedoch einen neuen Zustand auf der Erde geschaffen. Davor haben nur die Kräfte der Natur die Umwelt global verändert. Der menschliche Einfluss blieb lokal oder regional.

Mittlerweile hat der Einfluss des Menschen die Größenordnung natürlicher Prozesse erreicht - wir leben nun im Anthropozän. Den Begriff für diese Ära hat der Meteorologe und Nobelpreisträger Paul Crutzen geprägt. Er gilt als Entdecker des Ozonlochs und hat an dem Text mit den neun Grenzwerten mitgeschrieben. Mit ihren Grenzwerten möchten die Autoren den stabilen Zustand des Holozäns erhalten.

Die Qual der Zahl

Die Texte:

"Nature"-Artikel "A safe operating space for humanity".

Kommentare von Experten zu den einzelnen Umweltzielen aus "Nature Reports Climate Change".

Hintergrundmaterial und Langversion des Textes auf der Webseite des Stockholm Environment Instituts.

Eine Schwäche freilich hat der präsentierte Ansatz: Die Zahlen sind mehr oder minder willkürlich gewählt, wie es in einem dem Thema gewidmeten Leitartikel der "Nature"-Ausgabe heißt. Weder gäbe es genügend wissenschaftliche Beweise, dass die vorgestellten Zahlen die Erde tatsächlich retten werden, noch herrsche unter Forschern Konsens über die Ziele und vorgeschlagenen Größen.

Die Autoren selbst geben zu, dass sich derartige globale Grenzwerte nicht leicht bestimmen lassen. Zudem basieren sie auf einem normativen Urteil, wie die Gesellschaft mit Risiken und Unsicherheiten umgehen will. Die Autoren gehen nach eigenen Angaben von einer konservativen Schätzung aus, die Risiken eher vermeidet.

Der Teufel im Detail

Mit neun Werten einen sicheren Rahmen für die Menschheit festzulegen, wäre ohnehin zu simpel: Zum einen könnten die globalen Ziele alleine für eine bessere Welt mitunter nicht reichen. Regionale Grenzen könnten - zum Beispiel beim Wasserverbauch oder beim Artensterben - deutlich niedriger liegen. Zum anderen beeinflussen sich die Systeme gegenseitig - die Autoren erwähnen etwa eine Studie, der zufolge sich die Landnutzung im Amazonas auf den Wasserhaushalt in Tibet auswirkt.

Kommentare und Debatten

Aufgrund solcher Fragen dürfte der Vorschlag zu einigen Diskussionen unter Wissenschaftlern führen. So könnte für den Klimawandel statt der CO2-Konzentration in der Atmosphäre auch deren durchschnittlicher Temperaturanstieg seit Beginn des Industriezeitalters als Maß herhalten. Ob es notwendig ist, das Artensterben auf der vorgeschlagenen zehnfachen Rate des natürlichen Artenverlusts einzubremsen, darüber sind sich Wissenschaftler nicht einig.

Aber immerhin heißt es im Leitartikel von "Nature" auch: Der Versuch eröffnet eine wichtige Debatte. Um die Diskussion anzuregen, hat "Nature" zu jedem Umweltbereich Experten gebeten, einen Kommentar zu schreiben und diese Texte gleichzeitig veröffentlicht.

Mark Hammer, science.ORF.at

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