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Arzt blickt auf Bildschirm

Wirtschaftskrisen fördern die Gesundheit

Gemeinhin glaubt man, wirtschaftliche Krisen hätten vor allem negative Folgen für die Gesellschaft und den Einzelnen. Auch an gesundheitlichen Schäden sollen sie schuld sein. Eine aktuelle Studie zeigt nun, dass dieser Vorwurf möglicherweise zu Unrecht erfolgt.

Volksgesundheit 29.09.2009

Demnach hat sich die allgemeine Volksgesundheit während der "Großen Depression" in den U.S.A. der 1930er Jahre sogar verbessert, in Zeiten des Wachstums hingegen verschlechtert.

Wohlstand und Gesundheit gehören zusammen

Die Studie in den "Proceedings of the National Academy of Sciences":
"Life an death during the Great Depression" von José A. Tapi Granados und Ana V. Diez Roux

Gemeinhin wird steigender Wohlstand mit Gesundheit und höherer Lebenserwartung assoziiert. Zumindest ist das ein wesentliches Argument für wirtschaftliches Wachstum, und die gesamte Entwicklungshilfe für ärmere Länder basiert auf dieser Idee.

Langfristig betrachtet ist das laut den US-Forscher José A. Tapia Granados und Ana V. Diez Roux gewissermaßen auch der Fall, dies liege aber weniger am Wachstum selbst als an besseren Sozialsystemen. Kurzfristige gesundheitliche Auswirkungen einer Rezession seien bisher noch kaum untersucht.

Die "Große Depression" als Modellkrise

Für ihre Studie haben die Autoren statistische Daten aus der Zeit der "Großen Depression" untersucht. Diese bezeichnet die größte Wirtschaftskrise des zwanzigsten Jahrhunderts, die am 24. Oktober 1929 mit dem "Schwarzen Donnerstag" begann und bis heute als "Mutter" aller Krisen gilt. Etwa vier Jahre lange befand sich die Nation und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft in einer Rezession ungekannten Ausmaßes.

Die "Große Depression" bezeichnet die größte Wirtschaftskrise des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie begann am 24. Oktober 1929 mit dem "Schwarzen Donnerstag" und dauerte bis 1933.

Für eine exakte Analyse der Entwicklung der Volksgesundheit haben die Forscher den Untersuchungszeitraum auf 1920 bis 1940 ausgedehnt, in welchen sich Phasen des Wachstums und der Rezession abwechselten. Verglichen haben sie in erster Linie die durchschnittliche Lebenserwartung und die Sterblichkeitsraten pro Altersgruppe.

Steigende Lebenserwartung in der Rezession

Gemäß dem allgemeinen Trend in Industriestaaten stieg die Lebenserwartung während der untersuchten Zeitperiode, nämlich um etwa 8,8 Jahre. Es gab laut den Forschern aber signifikante Schwankungen zwischen den einzelnen Jahren, besonders in den Jahren großen wirtschaftlichen Wachstums, wie etwa 1923, 1926 und 1936 sank sie überraschenderweise deutlich ab, wohingegen sie während der "Großen Depression" von durchschnittlich 57,1 Jahren auf 63,3 Jahre anstieg. Noch stärker als bei der Gesamtbevölkerung zeigte sich dieser Effekt bei Farbigen.

Ein ähnliches kontraintuitives Phänomen zeigte sich bei den Sterblichkeitsraten und zwar für alle Altersgruppen, vom Kleinkind bis zum Senior.

Weiters untersuchten die Forscher jene sechs Todesursachen, die für zwei Drittel aller Todesfälle verantwortlich sind. Der einzige Anstieg in Zeiten der Wirtschaftskrise zeigte sich bei den Selbstmorden, welche aber lediglich zwei Prozent aller Todesfälle ausmachen. Andere Todesarten, wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen, waren in Krisenzeiten eher rückläufig.

Wohlstand ist schädlich

Eine mögliche Erklärung für diese eigentlich unlogischen Effekte könnte laut der Studie eine gewisse zeitliche Verzögerung bei negativen Auswirkungen der Krise sein. Das ließe sich anhand der untersuchten Daten jedoch nicht belegen.

Die Autoren vermuten andere Gründe für die unerwarteten Zusammenhänge. Einer davon sei der Wohlstand selbst: Wenn Menschen mehr Geld haben, können sie auch mehr konsumieren und das ist nicht immer zu ihrem Vorteil.

So wären etwa Autos in den prosperierenden 1920er Jahren für immer größere Bevölkerungsgruppen selbstverständlich geworden, gleichzeitig stieg auch die Zahl der Verkehrstoten drastisch an. Arbeitsunfälle wurden ebenfalls häufiger.

Arbeit macht krank

Zudem habe der Konsum von Alkohol und Zigaretten in Folge des Reichtums der Wachstumsjahre deutlich zugenommen. Auch geschlafen hätten die Menschen aufgrund der Arbeitslast weniger und insgesamt sei die Arbeit stressreicher und schneller geworden. Laut den Forschern hatten diese Umstände vor allem für Menschen mit bereits vorhandenen chronischen Grunderkrankungen negative Konsequenzen.

Auch die Umweltverschmutzung nahm in den Wachstumsperioden zu und diese habe bekanntermaßen negative Auswirkungen auf das Herzkreislaufsystem und die Atemwege. Hinzu kämen noch die zahlreichen sozialen Folgen der höheren Arbeitslast, wie etwa größere Isolation oder geringere Betreuungsmöglichkeiten.

Sozialsysteme anstatt Wirtschaftswachstum

Aus anderen Studien weiß man, dass Arbeitslosigkeit und Armut durchaus schädliche Auswirkungen haben können, umso erstaunlicher klingen daher die vorliegenden Ergebnisse. Laut den Forschern gibt es offenbar Mechanismen, die diesem Einfluss entgegen wirken, zumindest auf der Ebene der Volksgesundheit.

Möglicherweise ist der Wunsch nach neuem Wirtschaftswachstum gar nicht die Lösung aller Probleme. Im Gegenteil: Vielleicht sollte man sogar Ideen entwickeln, die die negative Folgen des Wachstums bekämpfen, meinen zumindest die Forscher.

Eva Obermüller, science.ORF.at

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