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Ein Gitarrist spielt

Hart, aber herzlich: Die Metallica-Philosophie

Was haben Metallica, eine der bekanntesten Rockbands der Gegenwart, und Philosophie gemeinsam? Eine ganze Menge, findet der Philosoph William Irwin vom King's College in Pennsylvania. Die Texte von Metallica taugen seiner Ansicht nach zur Einführung in Metaphysik, Erkenntnistheorie und Ethik, ihre Musik erinnert an die Katharsis des Aristoteles und an den Ausdruck des reinen Willens bei Schopenhauer.

schwermetall 09.10.2009

Dass Metallica insofern ein guter Ausgangspunkt sind für tiefergehende Gedanken, hat Irwin in dem Buch "Die Philosophie bei Metallica" argumentiert, dessen Herausgeber er ist. Seine persönliche und philosophische Begeisterung für die Metal-Band brachte Irwin in einem Email-Interview mit science.ORF.at zum Ausdruck.

science.ORF.at: In "Ballfieber" beschreibt Nick Hornby die Herkunft seiner Leidenschaft für Arsenal als Erweckungserlebnis in der Kindheit. War das bei Ihnen ähnlich, als Sie zum ersten Mal einen Metallica-Song gehört haben?

William Irwin

King's College

William Irwin ist Philosophieprofessor am King's College in Pennsylvania und Herausgeber vieler Bücher, die versuchen, Popkultur und Philosophie in Einklag bringen - darunter Werke zu den Simpsons, Matrix und Metallica.

William Irwin: Ich hatte schon einige Jahre Metal genossen - Ozzy Osbourne, Iron Maiden, Judas Priest u.ä. -, als ich zum ersten Mal Metallica gehört habe. Das Lied For Whom the Bell Tolls war definitiv ganz anders als alles, was ich bis dahin kannte. Es hat nicht lange gedauert, bis ich süchtig danach war.

Wie viele Jahre sind vergangen zwischen dieser ersten Erfahrung und ihrem Entschluss, als Philosophieprofessor ein Buch über die Band zu schreiben?

Gehört habe ich sie zum ersten Mal 1984, das Buch "Metallica and Philosophy" ist 2007 auf Englisch erschienen. Ich war natürlich die ganze Zeit ein Fan der Gruppe. Als Professor schätze ich Verbindungen zur Populärkultur, um Menschen zur Philosophie zu bringen. Die Texte von Metallica sind philosophisch derart gehaltvoll, dass diese Verbindungen sehr natürlich sind.

Was macht Metallica so "philosophisch gehaltvoll"?

Ihre Musik handelt immer von unserem "inneren Kampf", das zwingt uns dazu alles zu hinterfragen, ohne "letzte Antworten" geben zu müssen. Philosophie besteht vor allem aus drei Fragen: Was ist wirklich? Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Als Professor versichere ich Ihnen, dass die Diskographie von Metallica eine ideale Einführung in die Philosophie liefert - und zwar sowohl in die Metaphysik als auch in die Erkenntnistheorie und die Ethik.

Fangen wir mit der Metaphysik an ...

Das Titelstück des Opus magnum von Metallica, Master of Puppets, liefert den Soundtrack dafür. Was ist wirklich? Wie der drogenabhängige Erzähler des Songs lernt, ist die Realität nicht immer das, was wir glauben. Freiheit ist manchmal eine Illusion, so wie die Marionettenpuppe von den Fäden nichts weiß, an denen sie hängt. Die Droge selbst ist es, die verhöhnt: "blinded by me, you can't see a thing". Es ist wie beim Höhlengleichnis von Plato: Das einzige, was schlimmer ist als gefangen zu sein, ist gefangen zu sein ohne es zu wissen.

Wie sieht es mit der Erkenntnistheorie aus?

Metallica's erster Mainstream-Hit One liefert eine Grundlage für die Epistemiologie. Was kann ich wissen? Wir streben nach Wirklichkeit, wollen nicht von Puppenspielern getäuscht werden. Deshalb müssen wir wissen, was wahr und was falsch ist. Der Erzähler des Songs hat nicht nur seine Arme und Beine verloren, er kann auch nicht sprechen, sehen und hören. Er ist komplett abgeschnitten von der Welt. Aus dieser Situation etwas Sinnvolles zu machen, ist nicht ganz einfach.

Er sagt auch: "Can't tell if this is true or dream." Diese Liedzeile erinnert an René Descartes, der als erster das Problem aufgeworfen hat, wie man die wirkliche Welt von einer Traumwelt unterscheiden kann. Descartes meint, dass, selbst wenn die Welt ein Traum oder eine Illusion ist, man dennoch sicher sein kann, dass man denkt und damit existiert. Daher auch das berühmte Zitat "Ich denke, also bin ich." Der Erzähler im Metallica-Lied nimmt eine ähnliche Position ein - das einzige, was er wirklich kennen kann, ist sein Geist. "Now the world is gone / I'm just one."

Bleibt noch die Ethik ...

Das Buch "Die Philosophie bei Metallica"

Wiley-VCH-Verlag

Das Buch "Die Philosophie bei Metallica. Ein Crashkurs in Gehirnchirurgie" ist 2009 im Wiley-VCH-Verlag erschienen.

Ein Lied aus dem sehr populären Black Album liefert den Beitrag dazu. Was soll ich tun? Wherever I May Roam beginnt mit östlichen Sitar-Klängen. Wir werden auf eine Reise in ein fremdes Land mitgenommen. Die Reise ist das Leben, und wir stecken allen mittendrin. Niemand von uns wurde gefragt, ob und in welche Situation wir geboren werden wollen. Es liegt an uns, was wir aus diesem Leben machen. Das Lied entscheidet sich dafür, das Beste daraus zu machen: "The earth becomes my throne / I adapt to the unknown." Das Leben hat kein Ziel, keine vorgegebene Bedeutung, sondern es ist das, was du daraus machst.

Der Erzähler des Songs ist Existenzialist, ein raues Individuum, das Einschränkungen oder Definitionen durch Natur oder Gesellschaft nicht akzeptieren will: "Rover wanderer / nomad vagabond / call me what you will." Die meisten Menschen flüchten vor der Angst und Verantwortung, den Sinn ihres Lebens selbst zu bestimmen. Sie gehen mit der Gesellschaft konform und tun so, als ob sie keine andere Wahl hätten als die Befolgung ihrer Regeln.

Der Erzähler im Lied ist anders. Er singt: "And my ties are severed clean / the less I have the more I gain / off the beaten path I reign." Materieller Besitz ist nur eine Krücke. Je weniger ich davon habe, desto freier bin ich, um die Welt, die ich sehe, für mich passend zu machen. Letztlich bin ich nicht nur frei um Kunst zu machen und z.B. Metal-Lieder zu schreiben, sondern auch Friedrich Nietzsche zu folgen. Er hat gelehrt, dass man aus dem eigenen Leben ein Kunstwerk machen kann.

Bis jetzt haben Sie sich vor allem auf die Texte der Band bezogen - für viele Fans ist es aber gerade die Energie und Aggressivität der Musik, die besonders anziehend wirkt. Wie sehen Sie das Verhältnis von Musik und Texten bei Metallica?

James Hetfield, Gitarrist und Sänger von Metallica

epa

James Hetfield, Gitarrist und Sänger von Metallica

Sie spiegeln einander. Die pure Kraft ihrer Musik kann gekoppelt mit den Texten zu etwas führen, das Aristoteles Katharsis genannt hat: eine Reinigung von negativen Emotionen, besonders von Zorn. Mit Nietzsches Worten könnte man die Musik von Metallica als dionysisch, wild und ungezähmt bezeichnen - als das, was Freud später "das Es" genannt hat.

Besonders reine Instrumentalstücke wie Orion passen zu Schopenhauers Idee, wonach Musik im Gegensatz zu jeder anderen Kunstform zu einem Ort führen kann, wo sich der Wille rein ausdrücken kann. Es gibt keine Worte, um die Gefühle adäquat zu beschreiben, die durch Orion ausgedrückt werden - keine wörtliche Beschreibung würde dem Lied gerecht werden.

Gibt es andere Musiker, die als Vorbilder für eine Geschichte der Philosophie herhalten können, oder ist Metallica besonders geeignet?

Natürlich würde das auch mit anderen Bands gehen, die Beatles etwa oder Bob Dylan. Vermutlich auch mit anderen Metal-Bands.

Wissen James Hetfield, Lars Ulrich und die anderen, dass sie "Philosophen in spe" sind?

Nein, Hetfield hat nicht Philosophie studiert und hält sich auch nicht für einen Philosophen. Aber er ist ein talentierter Poet, der ein schwieriges Leben gelebt hat und - so wie wir alle - in einer Kultur zu Hause ist, die durch Philosophie geprägt wurde. Es ist also nur natürlich, dass seine Texte philosophisch sind.

Für viele Metallica-Fans war das Black Album der Höhe- und Wendepunkt ihrer Karriere. Danach wurden sie "weicher und weiser" - gibt es zwei Metallicas?

Vielleicht sogar drei. Ihr neues Album Death Magnetic gefällt mir seit Master of Puppets am besten. In gewisser Weise ist es eine Rückkehr zum alten Sound und zur alten Haltung, aber selbstverständlich kann man niemals genau dorthin zurückkehren, wo man ein einmal gewesen ist. Niemand von uns bleibt über die Zeit der gleiche. Wir verändern uns und das müssen wir auch unserer Lieblingsband erlauben. Aber ich bin ziemlich froh darüber, dass mich das neue Album wieder ein bisschen in jene Zeit versetzt, als ich zum ersten Mal For Whom the Bell Tolls gehört habe.

Im Dokumentarfilm "Some kind of monster" zeigen Metallica ein sehr ungewohntes Bild einer Rockband - Konflikte, Selbstzweifel etc. Glauben Sie, dass das Image einer sehr männlichen und rauen Band darunter gelitten hat, dass ihre verwundbaren Seiten gezeigt wurden?

Der Film "Some kind of monster" hat dieses Image kurzfristig gestört, langfristig aber wird es dadurch gestärkt hervorgehen. Das Album St. Anger war zwar zum Vergessen, die Arbeiten dazu und die Therapie, die man in dem Film sieht, haben aber zum nächsten Album geführt, Death Magnetic - und das ist eines der besten Comebacks in der Rockgeschichte. Während sie in Some Kind of Monster vielleicht weich ausgesehen haben, klingen sie nun "wieder hart". Vielleicht haben sie ja auch Viagra genommen?

Welches Kapitel im "Philosophiebuch Metallica" wird als nächstes geschrieben?

Gute Frage. Lassen Sie mich dazu in meine Kristallkugel schauen. Im Ernst: Das wüsste ich gerne selbst. Da Hetfield von seinem Alkoholismus geheilt ist und seine Spiritualität neu gefunden hat, habe ich vorhergesagt, dass, dass wir auf dem neuen Album buddhistische Themen hören werden vom Leiden und Mitleiden. Stattdessen haben wir aber die schweren Grübeleien von Death Magnetic bekommen.

Einer der Titel, die Metallica für das Album vorgesehen hatten, hieß "Songs of Suicide and Forgiveness". Ich denke, dass das ein besserer Titel gewesen wäre. Die Band hat zuvor Karriereselbstmord begangen und viele alte Fans vergrault, aber ihre Rückkehr zum klassischen Sound war wirklich eine Erlösung und Versöhnung. Verzeihen und erlösen - diese Themen ziehen sich auch durch die meisten Lieder des Albums.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass sie beim klassischen Sound bleiben und dennoch auf Experimente nicht verzichten. Was die Texte betrifft, so wird es davon abhängen, wie es Hetfield geht, wenn er schreibt. Das Black Album enthielt einige der introspektivsten Texte von ihm. Ich hoffe, dass er beim nächsten wieder mehr nach innen geht.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at