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Junge Händes halten alte Hand

Altruismus: Eher kulturell als biologisch

Altruismus und soziales Verhalten in menschlichen Gesellschaften werden von unserer Kultur bestimmt, liegen uns aber auch in den Genen. Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass die Kultur dabei die größere Rolle spielt.

Anthropologie 13.10.2009

Vorteil für die anderen

Menschen riskieren für andere ihr Leben, teilen Essen und spenden. Es gibt viele Beispiele, wo wir etwas tun, was nicht uns, sondern anderen Vorteile bringt.

Ob altruistisches Verhalten seine Ursache in der Biologie und den Genen hat oder ob es kulturell bedingt ist, beschäftigt Forscher schon lange. Jetzt sind Biologen um Adrian V. Bell von der Universität Kalifornien in Davis dieser Frage wieder nachgegangen und kommen zum Schluss, dass die Kultur der Hauptgrund dafür ist.

Gruppe statt Egoist

Altruismus scheint dem Prinzip der natürlichen Selektion und dem Kampf ums eigene Überleben zu widersprechen. Anschaulich wird der Vorteil jedoch, wenn sich jemand für das Überleben der Nachfahren oder von Verwandten opfert. Dann sichert auch das das Überleben der eigenen Gene. Biologen nennen das Verwandtenselektion.

Ähnlich funktioniert es auch für kulturelle Gruppen. Der Einzelne opfert sich, hat dadurch einen Nachteil im Vergleich zum egoistischen Verhalten, hilft aber der Gruppe. Die Fitness des Einzelnen sinkt, jene der Gruppe steigt. Dies nennt man Gruppenselektion.

Ob Altruismus biologisch erklärt werden kann, hängt den Studienautoren zufolge von den genetischen Unterschieden zwischen den Gruppen ab. Sind diese Differenzen groß, hilft altruistischen Verhalten jenen Individuen, die näher mit einem verwandt sind.

Sind die Gruppen genetisch ähnlich, würde dieser Vorteil wegfallen und daher als Erklärung nicht reichen. Dann wären kulturelle Faktoren entscheidender, um Altruismus entstehen zu lassen.

Natur versus Kultur

Komplexe Kulturen entstanden vor etwa 250.000 Jahren. Damit entstanden auch kulturelle Wesenszüge, die - neben den Genen - menschliches Verhalten beeinflussen. Dazu kamen kulturelle Lernprozesse und damit starke kulturelle Unterschiede zwischen Gruppen.

Für die genetischen Unterschiede benutzen die Forscher Daten aus älteren Studien. Für die kulturellen Unterschiede stützen sie ihre Arbeit auf den World Values Survey, eine weltweite Werteumfrage. Beides fütterten sie in eine Formel für natürliche Selektion aus dem Jahr 1970, die Price-Formel (Nature, Bd. 227, S. 520).

Bell und seine Kollegen wollten nun herausfinden, welcher Faktor das Verhältnis von individuellem Nachteil und gemeinschaftlichem Vorteil durch Altruismus stärker beeinflusst: die Gene oder die Kultur. Dazu verglichen sie an circa 60 Länder die genetischen Unterschiede und die kulturellen Werte für insgesamt 154 nachbarschaftliche Beziehungen, und stellten fest, dass die Kultur der stärkere Faktor ist.

Koevolution

Die Studie "Culture rather than genes provides greater scope for the evolution of large-scale human prosociality" ist in der Zeitschrift PNAS (online) erschienen.

Natur und Kultur stehen dabei keineswegs getrennt nebeneinander. Eine Koevolution zwischen Genen und Kultur ist den Autoren zufolge durchaus denkbar. Die Forscher nennen ein Beispiel aus der Physiologie: Die Viehzucht dürfte Gene begünstigt haben, die jene Enzyme produzieren, mit denen wir Milchzucker aufspalten können.

Auf die gleiche Art könnten genetische Anlagen gefördert werden, die altruistischens Verhalten unterstützen. Funktionieren würde dies über Strafen für egoistisches Verhalten. So könnten unliebsame Gruppenmitglieder etwa vom Heiratsmarkt ausgeschlossen werden und man könnte ihnen die Früchte kooperativer Arbeiten verweigern. Als schlimmste Strafen für asoziales Verhalten wären auch Verbannung und Exekution denkbar.

Schwachstellen

Einige Schwachstellen ihrer Studie räumen die Forscher ein: Vor allem seien die Ergebnisse nicht ohne weiteres auf unsere Vorläufer zu übertragen - jene Jäger-und-Sammler-Gruppen im Pleistozän, unter denen Altruismus entstanden sein dürfte.

Kulturell gebe es zwar Ähnlichkeiten wie verschiedene Sprachen und Dialekte und damit Kommunikationsbarrieren zwischen den Kulturen. Genetisch dürften sich Gruppen von Jägern und Sammlern jedoch mehr unterschieden haben als heutige Gesellschaften.

Mark Hammer, science.ORF.at

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