Standort: science.ORF.at / Meldung: "Wie die Bienen"

Bienen im Stock

Wie die Bienen

Studenten auf der Jagd nach coolen Ideen und Wissenschaftler als kreative Schwärme - der Kreativitätsforscher Peter Gloor vom Massachusetts Institute of Technology untersucht, wie Schwarmintelligenz funktioniert.

Kreativitätsforschung 16.10.2009

Im Interview erklärt er, wie Menschen dabei gemeinsam zu schwingen beginnen und dass Kreative ihre Ideen lieber unters Volk bringen sollten, statt sie nur patentieren zu lassen.

Porträt: Peter Gloor in Anzug und Krawatte, lächelnd vor einem Strauch.

Foto: Privat

In einem Ihrer Seminare müssen Studenten Bienen spielen. Was genau machen die da?

Peter Gloor: Sie lernen, wie man sich als Mitglied eines Schwarms am besten verhält, um gemeinsam kreativ zu werden. Sie bilden Schwärme; diese wir nennen COINS: Collaborative Innovation Networks. Die Studenten betreiben Coolhunting. Genau wie die Bienen. Bienen suchen Pollen. Die Studenten suchen coole Ideen. So wie die Bienen den Schwänzeltanz machen, um weitere Mitglieder zu gewinnen, müssen Studenten, wenn jemand eine Idee hat, weitere Mitglieder gewinnen, und diese entwickeln dann die coolen Ideen weiter und machen das, was wir als Coolfarming bezeichnen.

Was sind solche coolen Ideen?

Peter A. Gloor arbeitet am Center for Collective Intelligence der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und untersucht dort Kollaborative Innovationsnetzwerke. Er gründete das Softwareunternehmen Galaxy Advisors und blogt über Schwarmkreativität.

Dieses Jahr haben wir ein Projekt mit der UNO. Es geht um ein Knowledge Managment System in Kambodscha, das auf der technischen Ebene sehr primitiv ist, eine Mailing-Liste, aber auf der praktischen Ebene unheimliche Probleme stellt, weil es außerhalb der Hauptstadt kein Internet gibt. Da wollen wir so etwas wie Twitter auf Handys entwickeln.

Ein zweites Projekt: Wir haben Geräte entworfen, sogenannte Social Badges. Die hängt man sich um den Hals und man misst die Kommunikation zwischen den Leuten. Das ist wie mit den Bienen mit dem Schwänzeltanz. Face-to-Face-Kommunikation konnte man bis jetzt nur durch aufwändige Beobachtung erheben. Die Social Badges messen die Interaktion.

Wie funktionieren diese Social Badges?

Ö1 Dossier Kreativität
Als Beitrag zum „Europäischen Jahr der Kreativität und Innovation“ werden in einem Schwerpunkt auf Radio Österreich 1 von 16. bis 25. Oktober aktuelle Erkenntnisse der Kreativitätsforschung vermittelt. Welche Voraussetzungen und Kontexte benötigt die Entfaltung schöpferischer Fähigkeiten? Wie entsteht das „Neue“ im Bildungswesen, in Unternehmen und Organisationen, in Politik, Kultur und Gesellschaft? Diesen und anderen Fragen widmet sich das „Ö1 Dossier Kreativität“ in acht Sendungen.

Die Geräte sind so groß wie ein kleines Handy. Sie messen, ob wir uns in die Augen schauen und ob ich mich näher zu Ihnen bewege. Wenn man das macht, ist man angeregt und findet etwas spannend. Es misst mit einem Akzelerometer die Bewegung, also ob man energisch ist. Und es misst, ob die Stimme nach oben geht, ein Zeichen, dass etwas spannend ist – oder ob sie langsam nach unten fällt.

Wie kann man damit etwas über Kreativität vorhersagen?

In einer deutschen Bank haben Marketingleute die Badges einen Monat lang getragen. Wir haben herausgefunden, dass Teams entweder produktiv oder kreativ sind. Man kann entweder rasch repetitive Aufgaben machen oder man hat viele neue Ideen. Beides geht nicht.

Kreative Teams haben ein Kommunikationsmuster, das immer zwischen dezentral und hierarchisch oszilliert. Einer dominiert, hat eine coole Idee und erzählt die allen anderen. Die schwatzen dezentral unter sich. Dann kommt der Nächste und reißt die Kommunikation an sich. Das sollte nicht wieder der Gleiche sein. Dieses oszillierende Muster ist ein Prädiktor für Kreativität.

Das heißt an COINS müssen sich alle beteiligen. Wenn einer kommuniziert und die anderen zuhören, ist es keines?

Das sind die COINs und das ist ein Prozess mit vielen Schritten. Man hat zuerst den Creator dieser Idee, dann die COIN selber, das sind drei bis 15 Leute, die intrinsisch motiviert sind. Danach gibt es das Lernnetzwerk, das sind Freunde und Familie der COIN. Die nehmen die Idee auf und wenn es eine gute Idee ist, dann kommt sie über einen tipping point und breitet sich zum Collaborative Interest Network aus. Das sind dann tausende von Leuten.

Gibt es ein konkretes Beispiel, wo das so funktioniert hat?

Mein Lieblingsbeispiel ist Édouard-Léon Scott de Martinville, der das Grammophon erfunden hat. Er war zwar kreativ, aber nicht schwarmkreativ. Er hatte sehr gute Ideen, hat die patentieren lassen und hat dann niemanden gefunden, der sie umsetzen wollte. Geschafft hat das Thomas Alva Edison.

Ein anderes Lieblingsbeispiel von mir ist Benjamin Franklin. Er hat Gruppen von kreativen Leuten um sich gesammelt, was auch heißt, dass man sein eigenes Ego in den Hintergrund stellen muss. Wenn man sich die heutigen COINs und Open Sources im Internet anschaut, dann ist das Basisprinzip, dass jeder Anerkennung bekommt. Das ist die Währung jeder COIN. Das war beim Ben Franklin und beim Thomas Alva Edison der Fall aber beim Édouard-Léon Scott de Martinville eben nicht. Der wollte alles für sich. Dann hat man zwar eine sehr gute Idee, aber die Welt nimmt sie nicht auf.

Das World Wide Web ist auch ein Beispiel. Der erste war der Ex-Präsident vom MIT, Vannevar Bush. Da war das Timing nicht reif. Dann kam Ted Nelson. Er hätte seine Ideen lieber für sich behalten. Geschafft hat es dann Tim Berners-Lee. Den habe ich 1991 auf einer Konferenz getroffen. Er hat seine Idee an der Türe auf einem Faltblatt jedem in die Hand gedrückt. Er hat eine special interest group session gemacht und konnte einige Studenten begeistern, mitzumachen. Das war eigentlich eine open source Idee. Sie haben ohne Budget, mit den Ressourcen, die Lee zur Verfügung gestellt hat, den ersten Webserver gebaut und html geschrieben. Das war die COIN.

Wie ist es weiter gegangen?

Er hat die erste www-Konferenz am CERN organisiert. 300 Plätze hatte er, 600 Leute haben sich angemeldet. Das war das Lernnetzwerk. Dann hat Marc Andreessen Netscape gebaut. Das war das Interest Network und dann ist es explodiert. Das geht nur, wenn der Creator der richtige Typ ist. Das können wir mit den Social Badges auf der Face-toFace-Ebene unterstützen. Man sieht das aber auch in E-Mails sehr schön.

Zusammengefasst ist die Erkenntnis: "Don't be a star, be a galaxy." Das heißt, dass man sich in Gruppen von anderen Leuten einbettet. Es geht um social capital sharing, nicht social capital hording. Man verbindet Leute. Wir haben ein Tool gebaut, das Webs, Blogs, E-Mails und Social-Badge-Daten analysiert. Da bekommt man diese Galaxiestruktur und das ist der Prädiktor von neuen Innovationen. Man kann Trends in einer frühen Phase entdecken. Das ist das, was Coolhunting bezeichnet.

Braucht Schwarmintelligenz das Internet?

Das funktioniert schon bei zwei Leuten. Es ist wie mit den Bienen: Es entwickelt sich eine gemeinsame Sprache und eine unheimlich effiziente Kommunikation. Man sieht, wie die Leute gemeinsam zu Schwingen beginnen. Mit den Badges kann man die Energie messen – wie man sich bewegt – und in einem guten Schwarm verlaufen dann die Energieströme parallel.

Also wenn Leute kreativ werden, bewegen sie sich im Gleichklang?

Genau. Das ist das Konzept vom Flow. Wenn man in einer Kreativphase ist, gerät man in den Flow und dann läuft die ganze Gruppe parallel.

Gibt es für COINS und Social Badges konkrete Anwendungen für Firmen?

Gefragt ist Trendvorhersage. Die erste Anwendung war aber für den amerikanischen Geheimdienst. Terroristische Muster sehen nämlich genau gleich aus. Wir arbeiten mit großen Pharma- und Kommunikationsfirmen zusammen, um die Ideenfindung zu unterstützen, indem wir E-Mail-Archive untersuchen; indem wir Forschern Social Badges umhängen und schauen, wie sie kommunizieren und wie sich die kommunikativsten Ideen weiter entwickeln.

Sind Wissenschaftler die Kreativen mit den richtigen Eigenschaften?

"Proof of the Pudding" entspricht der deutschen Phrase "Probieren geht über Studieren".

Im Prinzip kann man Google Scholar nehmen und sich zu einem Thema Co-Autor- und Co-Citationnetworks anschauen. Da sieht man dann, was die Trends sind. Wir haben auch schon versucht, ob wir den Medizin-Nobelpreis vorhersagen können. Im Nachhinein hat das funktioniert. Der Proof of the Pudding wird sein, die nächsten vorherzusagen.

Wir können es nicht nachprüfen, aber ist es Ihnen dieses Jahr gelungen?

Wir sind dieses Jahr nicht dazu gekommen den Medizinnobelpreis vorherzusagen, aber dafür haben wir vor zwei Jahren korrekt die Oskars vorhergesagt. Auch für Wahlen funktioniert das Verfahren sehr gut, beispielsweise für die Wahlvorhersage von Barack Obama, Angela Merkel, und dem Bürgermeister von Zürich – alles nachzulesen auf meinem Blog.

Wie wichtig ist das Internet für Kreativität?

Wir arbeiten mit Ideenmarktplätzen zusammen. Der größte ist InnoCentive. Die haben Solvers und Seekers für wissenschaftliche Probleme. Zum Beispiel wird eine reibungsresistente Oberfläche gesucht. Man kann sich als Solver registrieren. Das sind Wissenschaftler; meist aus Russland und China. Die bekommen 10.000 Dollar dafür, dass sie das Problem lösen und ihre IP (intellectual property) abgeben. Für westliche Wissenschaftler gibt es andere Lösungen; zum Beispiel selbst ein Start-up zu machen. InnoCentive hat sich aber bis jetzt nicht so richtig durchgesetzt.

Ein anderer Ideenmarktplatz ist der von einer großen Venture Capital Firma. Die lassen den Schwarm die Start-up-Ideen beurteilen. Ein anderer sucht nach offenen Ideen – zum Beispiel, wie man eine Ölpest beseitigen kann. Da wird eine Belohnung ausgesetzt und man muss seine IP auf Vertrauen hin einbringen. Das sind nicht Wissenschaftler, sondern einfach kreative Leute. Oder wie könnte etwa das nächste Handy aussehen?

Ist es in Zukunft also nicht mehr das Forschungsteam im Unternehmen, das Neues entwickelt, sondern der Schwarm im Internet?

Diesen Trend sehe ich ganz klar. Die monolithischen Forschungslabors gibt es nicht mehr. Es sind viele kleine Laboratorien mit ein bis zehn Personen; angesiedelt an Orten, wo viele innovative Leute sind. Ich habe das Glück, dass ich an einem solchen Ort – Cambridge – arbeite. Das ist die MIT-Harvard-Achse und drumherum sind andere Unis. Bei Biotech-Start-ups haben wir Forschungsabteilungen gefragt, mit wem von den Mitbewerbern sie kommunizieren. Und je mehr sie mit Mitbewerbern kommuniziert haben, umso erfolgreicher waren sie.

Wir haben auch die Netzwerke konstruiert. Es gab eine magische Grenze von fünf Meilen. Wenn man in dem Kreis war, hat man eine fünfmal höhere Chance, dass die Firma erfolgreich ist. Das ist ein Erfolgsfaktor. Was mich auch ein bisschen skeptisch macht für das AIT (Austrian Institute of Technology), weil das alle diese Prinzipien nicht einhält. Je näher man Organisationen zusammen bringt und miteinander kommunizieren lässt, desto erfolgreicher sind sie.

Mark Hammer, science.ORF.at

Mehr zum Thema:
- Kreativität als Wachstumsfaktor der Wirtschaft
- Studie: Kreative Menschen haben mehr Sexpartner
- Creative Access: Zukunft des Wissens
- Philosophie und Kreativität