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schwebender Körper im Lichttunnel

Wenn man den Körper verlässt

Menschen, die fast gestorben sind, berichten oft, in diesem Moment sich selbst und ihre Umgebung beobachtet zu haben. Seit Jahren versuchen nun auch Forscher, sogenannte außerkörperliche Erfahrungen zu erklären.

'Out-of-Body-Experience' 16.10.2009

Den eigenen Körper verlassen

Kein Herzschlag. Die Assistentin drückt dem Arzt den Defibrillator in die Hand, eine Sekunde später hebt sich der Körper des Patienten. Einmal, zweimal, dreimal. Minutenlang zeigt der Bildschirm nur eine gerade Linie an – bis sie plötzlich unterbrochen wird: Das Herz des Patienten schlägt wieder, die Ärzte atmen auf. Diese Szene - bekannt vor allem aus Film und Fernsehen - muss nicht zwangsläufig ein außen stehender Beobachter beschreiben: Manchmal sieht ein Patient selbst diese Situation – schwebend an der Decke.

Viele Menschen beschreiben solche oder ähnliche Erfahrungen: Sie verlassen ihren Körper und beobachten ihn und seine Umgebung – meist in der Vogelperspektive. Menschen die an Epilepsie, Migräne, einem Gehirntumor leiden oder Drogen nehmen, berichten von ganz ähnlichen Erlebnissen.

Neurologen statt Hokuspokus

Bei außerkörperlichen Erfahrungen oder "Out-of-Body-Experiences haben Betroffene das Gefühl, den eigenen Körper zu verlassen. Oft wird dieses Phänomen von Menschen in Todesnähe geschildert, was Anlass für diverse esoterische Spekulationen liefert.

Was viele zum Anlass nehmen, um esoterischen Hokuspokus oder abstruse Theorien über das Leben nach dem Tod zu entwickeln, versuchen Wissenschaftler seit Jahren zu erforschen. „Wir haben begonnen, uns um neuronale Grundlagen der außerkörperlichen Erfahrungen zu kümmern, damit die Vorsilbe ‚Para’ von ‚Psychologie’ wegfällt“, erklärt der Wissenschaftler Peter Brugger vom neurologischen Institut des Universitätsspitals Zürich gegenüber science.ORF.at.

Eine andere Perspektive

Aber was ist überhaupt eine außerkörperliche Erfahrung? Wissenschaftler sprechen von solch einem Ereignis, wenn ein Mensch sich als denkende und beobachtende Instanz fühlt – getrennt vom eigenen Körper. Die Betroffenen erleben sich als „entkörpert“ und sehen die Welt und auch ihren eigenen Körper aus einer anderen Perspektive.

„Sie identifizieren sich mit dem Illusionären statt mit ihrem physischen Körper,“ beschreibt Olaf Blanke von der Eidgenössisch-Technischen Hochschule in Lausanne die außerkörperliche Erfahrung gegenüber science.ORF.at. Er geht davon aus, dass eine ganz bestimmte Hirnregion für dafür verantwortlich ist.

Fehler im System

Wissenschaftler glauben, dass eine außerkörperliche Erfahrung durch einen Fehler in der so genannten temporo-parietalen Verbindung (TPJ) entsteht. Bereits 2002 beobachtete Blanke den Zusammenhang zwischen einer außerkörperlichen Erfahrung und dem TPJ, die Ergebnisse wurden im Fachmagazin Nature veröffentlicht: Blanke operierte eine epileptische Frau und stimulierten diese Gehirnregion. Danach berichtete die Frau, dass sie sich während der Operation selbst sah – schwebend über ihren Körper.

Für die Wissenschaftler ergab das neurologischen Sinn: Diese Gehirnregion verarbeitet verschiedene Körpersignale, nämlich den Tast-, Gleichgewichts- und Sehsinn, registriert Muskelbewegungen und verknüpft diese mit Rauminformationen. Die Region ist dafür zuständig, das alles zu verarbeiten und dem Mensch dadurch ein Gefühl für seinen Körper zu geben. Wenn die Gehirnregion aus irgendeinem Grund die Informationen nicht richtig verarbeitet, hat der Mensch eine außerkörperliche Erfahrung.

Sehen mit geschlossenen Augen

Bisherige Studien können noch nicht erklären, warum Menschen in dieser Situation ihre Umgebung und andere Menschen visualisieren können. Ein Patient hatte seine Augen geschlossen, trotzdem erzählte er später, dass er seinen Vater sehen konnte, als dieser ins Badezimmer ging um ein nasses Handtuch zu holen, das er ihm auf die Stirn legte.

Der Patient konnte den Vater im Badezimmer vermutlich hören, danach fühlte er das nasse Handtuch. Brugger geht deshalb davon aus, dass der Patient seine Sinneseindrücke visualisierte. „Das beantwortet aber noch nicht die Frage, wie Menschen, die außerkörperliche Erfahrungen machen, ihre Umgebung so minutiös und realitätsgetreu nacherzählen können“, erklärt der Neurologe.

Blick von oben

Ebenso ungeklärt bleibt die Frage, wie die Perspektive zu Stande kommt. Der Philosoph Thomas Metzinger von der Johannes Gutenberg Universität in Mainz nennt in diesem Zusammenhang aber ein Beispiel: „Denken Sie an Ihren letzten Urlaub. Die meisten sehen sich auch selbst in diesen Erinnerungen, wir nehmen also die Perspektive einer dritten Person ein.“ Damit sei zumindest klar, dass das Gehirn bei Erinnerungen die Sicht eines Außenstehenden einnimmt.

Selbstwahrnehmung und Körper

Klar ist auch, dass sich bei außerkörperlichen Erfahrungen die Selbstwahrnehmung vom Körper trennt. Die Frage, wie Menschen überhaupt mit ihrem Körper verbunden sind, erforschte Metzinger gemeinsam mit dem Neurologen Blanke: Für eine Studie, die im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde, filmten die Wissenschaftler Probanden von hinten. Jeder hatte einen Monitor, auf dem er sich selbst zwei Meter versetzt stehen sah. Die Forscher berührten dann die Rücken der Teilnehmer – und diese sahen das auf ihrem Monitor, dem virtuellen Ich.

Durch den widersprüchlichen Sinnesreiz erzählten die Testpersonen, dass sie spürten, wie das Gefühl der Berührung von ihrem Körper zum virtuellen Ich wanderte. Das beweise, so Metzinger, dass die Selbstwahrnehmung mit dem eigenen Körpergefühl beginnt. Aber was macht die Selbstwahrnehmung, abgesehen davon, noch aus? Im Magazin New Scientist erklärt Metzinger: „Wir wissen es nicht. Wir stehen erst am Anfang.“

Christine Baumgartner, science.ORF.at

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