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Ein Baby mit offenen augen liegt am Rücken und nuckelt an einer Trinkflasche.

Menschen und Affen klingen für Babys anders

Kleinkinder können schon im Alter von fünf Monaten Menschen als Quelle von Sprache und Affen als Quelle von Affenlauten unterscheiden. Artspezifische Geräusche zuordnen zu können hilft wahrscheinlich beim Erkennen von Artgenossen und Erlernen von Sprache.

Psychologie 20.10.2009

Der Klang der Tiere

Wenn der Hund des Nachbarn bellt, die Meise im Baum zwitschert und die Enten im Teich quaken, wissen wir, um welches Tier es sich handelt, auch wenn wir es nicht sehen. Irgendwann im Lauf des Lebens lernen wir, Tiere nach ihrem Klang zu unterscheiden. Unklar war bisher jedoch, wann das der Fall ist.

Die Studie ("Five-month-old infants' identification of the sources of vocalizations" - sobald online) ist in der Fachzeitschrift "PNAS" erschienen.

Von Kleinkindern wusste man etwa, dass sie schon sehr früh Emotionen von Erwachsenen erkennen können. Jetzt hat eine Gruppe von Psychologen um Athena Vouloumanos von der Universität New York untersucht, ob fünf Monate alte Kinder auch bereits Tierlaute unterscheiden und diese dem passenden Tier zuordnen können.

Quaken, Kreischen, Sprechen

Den Klang von Rhesusaffen im Internet anhören kann man hier und hier. Weitere Affen gibt es hier zu hören.

Eine umfangreiche Tierstimmensammlung und Links zu weiteren bietet das Tierstimmenarchiv des Berliner Museums für Naturkunde.

Den Kindern wurden Bilder von Menschen, Enten und Rhesusaffen gezeigt und dazu gesprochene Wörter, das Quaken der Enten bzw. das Kreischen der Affen vorgespielt. Manchmal passte der Klang zum Bild, manchmal nicht.

Kleinkinder neigen dazu, Bilder länger zu betrachten, wenn sie mit der passenden Geräuschkulisse untermalt sind. Das zeigte sich auch im Experiment: Affenbildern mit Affenlauten und Menschenbildern mit Menschenstimmen schenkten die Kinder mehr Aufmerksamkeit als unpassenden Kombinationen wie etwa Menschen- oder Affenbild mit Entenquaken. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass die Kinder die Stimme der Affen erkennen und den Tieren zuordnen können.

Menschen erkennen, Sprache lernen

Affengeschrei und Menschengebrabbel
Auch wenn es nicht so klingt, die Stimmen von Rhesusaffen und Menschen haben laut den Studienautoren einiges gemeinsam. Beide produzieren Formanten, bestimmte Frequenzbereiche, in denen akustische Energie konzentriert wird. Die Formanten entstehen beim Menschen wie beim Rhesusaffen durch Lippenbewegung und Unterkieferposition.

Menschen und Rhesusaffen wurden im Stammbaum vor etwa 25 bis 30 Millionen Jahren getrennt. Sie teilen aber noch heute 92 bis 95 Prozent ihrer Gensequenz.

Diese Fähigkeit hängt den Forschern zufolge nicht davon ab, ob die Kinder den gezeigten Menschen und seine Stimme oder das betrachtete Tier bereits kennen. Keines der Kinder hatte wahrscheinlich zuvor Affen gesehen. Zudem stammten die Kinder aus englisch- und französischsprachigen Familien, bekamen im Test aber japanische Wörter vorgespielt. Kleinkinder können also Sprache als solche erkennen und sie Menschen zuordnen.

Biologisch gesehen ist das Erkennen von artspezifischen Lauten wichtig, um Artgenossen, Räuber und Beute auseinanderzuhalten, auch wenn diese nicht gesehen werden. Beim Menschen hilft der Mechanismus zudem, menschliche Sprache als solche zu erkennen, was für das Erlernen derselben bedeutend ist.

Enten tanzen aus der Reihe

In zwei Fällen funktionierte die Assoziation jedoch nicht: zum einen, wenn zu einem Menschenbild nicht Sprache zu hören war, sondern andere menschliche Laute - zum Beispiel Lachen. Damit wollten die Forscher testen, ob es spezifisch die gesprochene Stimme ist, auf die die Kinder reagieren. Offenbar ist das der Fall. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Kinder menschliche Laute durch die Variation im Klang nicht so leicht Menschen zuordnen konnten wie bei gesprochenen Worte.

Ebenfalls nicht zuordnen konnten die Kinder Entenquaken zu Entenbildern, obwohl Kinder eher Erfahrung mit Enten als mit Affen haben dürften. Laut den Forschern liegt das daran, dass Entengesichter deutlich anders aussehen als jene von Affen und Menschen. Dadurch, dass sich die Gesichter von Menschen und Affen durch Augenpaare und Mundpartie ähneln, können die Kinder möglicherweise bei den Affen leichter assoziieren, wo die Laute herkommen.

Bei Enten liegen die Augen auf beiden Seiten des Kopfes, und das Schnattern kommt aus dem Schnabel. Das könnte es den Kindern schwermachen, ohne Erfahrung die Geräusche zuzuordnen.

Mark Hammer, science.ORF.at

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