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Dunkle Wolken

"Wo ist der Zorn?": Science Event zur Krise

Die Chance, aus der derzeitigen Krise zu lernen und Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltiger zu gestalten, wurde verpasst. Dies ist eine der Kernaussagen des Science Events "Wendepunkt Krise?", der gestern im Radiokulturhaus stattgefunden hat. Die Vortragenden wünschten sich mehr Partizipation und eine neue Kultur für die Politik.

Gesellschaft 06.11.2009

Der Krise fehlt das Bild

Der Science Event ist eine Veranstaltung der Initiative Risiko:dialog des Umweltbundesamts und von Radio Österreich 1, das den Science Event mit Beiträgen begleitet; zu hören am 6. November um 19:05 Uhr im Dimensionen-Magazin (Programm).

Weitere Informationen zur Veranstaltung

Zwei weitere Science Events gab es bisher zum Thema Risiko Energiegesellschaft und zu Demographischen Entwicklungen.

Die Wirtschaftskrise habe bisher vor allem diffuse Ängste ausgelöst, attestierte die Philosophin und Publizistin Isolde Charim in ihrem Vortrag. Doch wo bleibt der Zorn, fragt sie, und wird er noch kommen? Die Wirtschaftskrise habe gezeigt, dass der Markt die größte Irrationalitätsmaschine sei. Wir hätten aber kein Bild von der Krise. Zwar würde sie mit Begriffen wie "Gier" und "Abzocker" dämonisiert, doch vieles spiele sich in den Regionen des abstrakten, des virtuellen Geldes wie in einem Paralleluniversum ab. Die Wirtschaftskrise des Jahres 1929 hingegen hatte das Bild des Arbeiters mit dem Schild "Suche Arbeit" um den Hals.

Die Krise sei eine Erschütterung der Selbstverständlichkeit der Welt, wie wir sie kennen; der Schreck, dass sich Normalität und Sicherheit jederzeit auflösen könnten. Die Selbstverständlichkeit des Kapitalismus sei dahin. Laut Charim muss Nachhaltigkeit zu einer neuen moralischen Erzählung werden, die die Menschen ergreift. Nicht mehr Informationen, Zahlen und Katastrophismus seien angesagt. Die Lehre aus der vertanen Chance der Krise laute: Wir können uns nicht zurücklehnen und die traditionelle Politik machen lassen.

Die Krise und ihre große Schwester

Ein viel größere Krise als jene der Wirtschaft würde jedoch derzeit übersehen, warnt die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb: jene des Klimawandels. Hier treffen zwei Systeme aufeinander: das von Menschen gestaltete Wirtschafts- und Gesellschaftssystem und jenes der Natur, das uns vorgegeben ist. Gelingt es nicht, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren und den Anstieg der Temperatur der Atmosphäre zu bremsen, stünde uns eine Welt bevor, die mit der heutigen nicht mehr viel gemeinsam hätte.

Die Wirtschaftskrise habe jedoch auch manche positiven Seiten, so Kromp-Kolb. So seien die CO2-Emissionen in der EU von 2007 auf 2008 um drei Prozent gesunken. Dieser Effekt dürfte aber nur ein vorübergehender sein. Ein weiterer positiver Aspekt: Länder wie beispielsweise Korea und China hätten in Folge der Krise einen Green New Deal beschlossen, um in umweltfreundliche Projekte zu investieren. In der EU werden laut Kromp-Kolb derzeit nur 15 Prozent des Geldes grün investiert; ein im internationalen Vergleich schlechter Wert.

"Frischzellenkur für die Infrastruktur"

Ein Thema, dass immer wieder in den Vorträgen auftauchte, war die Infrastruktur. Durch sie bestimmen die Investitionen von heute, welchen Spielraum die Gesellschaft in Zukunft haben wird. Häuser, die wir heute bauen, werden auch in Jahrzehnten noch stehen und den Energieverbrauch bestimmen.

Ähnlich sieht es Kromp-Kolb: "Wenn wir heute in Straßen, Kohle- und Gaskraftwerke investieren, werden wir nicht beim Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember beschließen, nicht auf diesen Straßen zu fahren und Emissionen zu reduzieren." Der Ökonom Stefan Schleicher vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung verlangt eine "Frischzellenkur für die Infrastruktur".

Leere Regionen und alte Menschen

Besonders hart von der Krise betroffen seien Regionen, aus denen Menschen abwandern. "Dort potenzieren sich die Folgen, sagt Klemens Riegler, Geschäftsführer des Ökosozialen Forums Österreich. Er drängt auf eine ökosoziale Steuerreform, die Energie und Rohstoffe verteuert und Arbeit verbilligt. So könnten auch wieder mehr Produkte aus der Region kommen. "Derzeit haben wir eine Idiotie von Standortwettbewerben", so Riegler.

Dass Menschen immer älter werden, ist eine zusätzliche Herausforderung für die Gesellschaft. Heute könne niemand wissen, wie eine Gesellschaft funktioniert, in der mehr als die Hälfte der Menschen über 50 Jahre alt ist, denn eine solche gibt es schlicht noch nirgends, sagt Rainer Münz,Leiter der Abteilung "Forschung & Entwicklung" der Erste Bank in Wien und Senior Research Fellow am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

Partizipation und Politik

Die Politiker seien mit den derzeitigen Herausforderungen überfordert, waren sich viele Vortragende einig und wünschen sich mehr Partizipation. "Damit sich etwas ändert, müsse der Wunsch vom Volk ausgehen", sagt etwa Kromp-Kolb. Für den Organisationberater Reinhard Tötschinger ist Partizipation wie eine spontane Jazzsession, bei der Musiker, die sich nicht kennen, gemeinsam spielen.

Gleichzeitig will man aber die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen. Riegler zufolge könnten zivilgesellschaftliche Bewegungen oder auch die Wissenschaft die Politik lediglich unterstützen. Schleicher schlägt vor, die Politik einem Pisa-Test zu unterziehen.

Für viele Bereiche gäbe es bereits Lösungen und Rezepte in den Schubladen. Doch was hindert uns daran, diese hervorzuholen? Meist beharrende Kräfte. Diese würden vom derzeitigen System profitieren. Die vielen, die jedoch von der Veränderung zu einer nachhaltigeren Wirtschaft profitieren könnten, sind jedoch nicht so klar zu sehen und können sich daher nur schwerer organisieren, sagt Münz.

Und immer wieder droht die Krise

Weitgehend einig waren sich die Vortragenden auch, dass diese Krise nicht die letzte gewesen sein wird. Die nächste könnte vom Energiesystem ausgelöst werden, glaubt Michael Cerveny, Energieexperte der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik. Immerhin könne bei einem Großteil jener 780 Ölfelder, die derzeit fast den gesamten Rohölverbrauch der Welt abdecken, immer weniger gefördert werden. Dies könnte in einigen Jahren zu einer Energiepreiskrise führen.

Wie es besser gehen könnte, zeigten schließlich mehrere vorgestellte Projekte; etwa jenes des tschechischen Ortes Hohstetin, wo man seit einigen Jahren auf erneuerbare Energieträger setzt, von der Kohle losgekommen ist und neue Arbeitsplätze geschaffen hat.

Der Markt und seine Regulierung

Angesprochen wurden auch die Grundlagen des Wirtschaftssystems. Laut Schleicher gibt es kein Zurück; die gewohnten Wirtschaftswachstumsraten werden nicht mehr erreicht werden können. Schleicher zitiert den Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman: Was bisher in der Ökonomie als Mainstream galt, sei bestenfalls nutzlos, schlimmstenfalls ein Desaster.

Charim und Kromp-Kolb sind sich einig, dass es nicht um die Frage mehr oder weniger Markt geht. Es gehe um die Frage der Regulierung und um ein System, dass mit weniger natürlichen Ressourcen auskommt.

Charim berichtete von ihrem Besuch bei den derzeit im Audimax demonstrierenden Studierenden. Diese hätten die Philosophin gefragt, wie man denn am besten den Kapitalismus abschaffen könne. Abgesehen davon, dass das laut Charim vielleicht aber gar nicht die richtige Frage ist, riet sie den Studierenden, sich darüber nicht allzu viele Gedanken zu machen: Investmentbanker könnten das Schiff schließlich viel besser versenken.

Mark Hammer, science.ORF.at

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