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Mann steht im Hochwasser

Die Kultur von Naturkatastrophen

Ob die Lawine von Galtür, der Vulkanausbruch auf Krakatau 1883 oder der aktuelle weltweite Klimawandel: Naturkatastrophen berühren uns. Ein neues Buch untersucht ihre Geschichte und betont die sozialen und kulturellen Dimensionen der Katastrophen.

Buch 17.11.2009

Katastrophen als Herausforderung

Das Buch "Naturkatastrophen. Rezeption-Bewältigung-Verarbeitung", herausgegeben von Christa Hammerl, Thomas Kolnberger, Eduard Fuchs. Studien-Verlag. 216 Seiten.

"Naturkatastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt. Die Natur kennt keine Katastrophen", wird der Schriftsteller Max Frisch im aktuellen Sachbuch zitiert. Und im Vorwort schreibt Hans von Storch, Professor am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg: "Naturkatastrophen sind eine Herausforderung an Gesellschaft und Kultur. Es sind keine Katastrophen für die Umwelt, für die Erde, für die Natur, sondern es sind abrupte Entwicklungen in der Umwelt, die auf eine unzureichend vorbereitete Gesellschaft treffen."

Diese zwei Zitate lassen bereits den interdisziplinären Zugang des Buchs "Naturkatastrophen. Rezeption-Bewältigung-Verarbeitung" erahnen: Klimatologie, Geschichtswissenschaft, Japanologie, Seismologie, Philosophie, Geographie, Fachdidaktik, etc. finden Eingang durch Aufsätze von Vertreterinnen und Vertretern der unterschiedlichen Disziplinen der Natur- wie Sozial- und Kulturwissenschaften.

Katastrophen als Darstellung

Geknickter Baum, Folgen des Wintersturmes Kyrill

Reinhard Böhm.

Bäume dokumentieren nicht nur Klimatrends sondern auch Extremereignisse: Die Folgen des Wintersturmes Kyrill, fotografiert im Wienerwald am 20.1.2007.

Oft liest und hört man, Naturkatastrophen nähmen zu - doch sind es tatsächlich die Ereignisse, die häufiger werden oder werden die Auswirkungen häufiger wahrgenommen? Dazu die Mitherausgeberin Christa Hammerl, Historikerin an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien, im Gespräch mit science.ORF.at:

"Das kann man so nicht sagen. Naturkatastrophen nehmen in der Rezeption zu. Man findet in den Medien, in Zeitungen, im Fernsehen, in Filmen ständig mehr Berichte über Naturkatastrophen, aber Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen können belegen, dass in vielen Fällen Naturkatastrophen wie z.B. Stürme in Europa historisch nicht wirklich zunehmen."

Katastrophen in der Geschichte

Igreja do Carmo in Lissabon

Eduard Fuchs, 2007

Der Komplex der vom Erdbeben zerstörten Igreja do Carmo in Lissabon beherbergt seit einigen Jahren ein archäologisches Museum. Vorderansicht vom Largo do Carmo aus gesehen.

Ihr Kapitel im Sammelband widmet Christa Hammerl historischen Ereignissen und deren Bewältigung. Die Historikerin nennt für science.ORF.at das Beispiel des Erdbebens ins Lissabon im Jahr 1755 - das stelle einen Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit Naturkatastrophen dar:

"1755 war ein schweres Erdbeben in Lissabon, begleitet durch einen Tsunami; die Stadt wurde zerstört. Das Besondere daran war, dass sich die Politik auch vehement eingesetzt hat, um dieser Katastrophe zu begegnen. Man hat Fragebögen verteilt, um die Schäden in der Stadt zu erfassen und einen raschen Wiederaufbau möglich zu machen."

Ähnlich ein wenig später das Vorgehen hierzulande, schildert die Historikerin der ZAMG, Christa Hammerl: "1768 in Wiener Neustadt und 1794 in Leoben - da hat sich ebenfalls die Politik vehement in die Naturkatastrophen-Debatte eingemischt: Man hat Kommissionen aufgestellt, und diese Kommissionen haben in der Stadt die Schäden erfasst, um der Bevölkerung dann beim Wiederaufbau bzw. finanziell auszuhelfen."

Katastrophen als Instrument

Naturkatastrophen wurden in der Geschichte oft auch instrumentalisiert - lautet eine These des Buches. "Der Wunsch des Buches ist, dass der kritische Blick geschärft wird - sowohl bei Medien als auch bei der Bevölkerung. Wir kennen das journalistische Credo only bad news are good news, und da sind gerade Naturkatastrophen sehr stark vertreten. Es ist natürlich ein Thema, wenn schreckliche Dinge passieren, aber wir sollten uns auf die Fakten der Experten und Expertinnen verlassen und dann erst urteilen", fasst Christa Hammerl zusammen.

Doch sind nicht auch Fakten auf ihre Interpretation angewiesen? Auf diese Frage nennt die Historikerin ein Beispiel aus der frühen Neuzeit: "Damals wusste man noch nicht, wie Erdbeben zustande kommen. Da hat man Erdbeben zur Sozialdisziplinierung herangezogen - man hat Erdbeben als Strafe Gottes dargestellt."

Doch so weit in die Geschichte muss man nicht zurückgehen: Im Jahr 2005 waren ähnliche Aussagen anlässlich des Hurrikans Katrina über New Orleans zu hören.

Katastrophen als Fokus

Das Buch "Naturkatastrophen" beleuchtet ebendiese aus Sicht unterschiedlicher Disziplinen und gibt Denkanstöße - beispielsweise den Hinweis, dass Katastrophen gesellschaftliche Ungleichheit veranschaulichen (z.B. Geldmangel für sicheres Bauen). Oder den Gedanken, dass Katastrophen und welche Ereignisse als solche eingestuft werden, auch vom kulturellen Hintergrund der Betrachtenden abhängen.

Das Buch ist übrigens in der Reihe "Konzepte und Kontroversen" des Studienverlages erschienen. Die Buchreihe möchte laut Christa Hammerl in kompakt aufbereiteter, gut strukturierter, leicht lesbarer und interdisziplinär angelegter Form Basisinformationen zu Themen anbieten, die sonst eher unterbelichtet sind und damit insbesondere Personen im Aus- und Weiterbildungsbereich, aber auch einem interessierten Publikum, Material für eine innovative Annäherung an die jeweiligen Buchthemen an die Hand geben.

Barbara Daser, Ö1 Wissenschaft

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