Standort: science.ORF.at / Meldung: "Habilitation: Wichtig, aber wenig erforscht"

Universität Wien

Habilitation: Wichtig, aber wenig erforscht

Die Habilitation ist eine maßgebliche Qualifikationsstufe der Wissenschaft. Indem sie Forscherkarrieren steuert und selektiert, ist sie aber mehr als das, meint der Politikwissenschaftler Thomas König von der Uni Wien. Er plädiert in einem Gastbeitrag für eine stärkere Erforschung dieses bisher noch recht vernachlässigten Themas.

Wissenschaftsforschung 18.11.2009

Eine Spielwiese für akademische Seilschaften?

Von Thomas König

Porträtfoto Thomas König

Thomas König

Thomas König ist Assistent an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien und Mitarbeiter am Graduiertenzentrum SOWI.

Wissenschaft ist Innovation; Innovation kommt oft von jungen Köpfen. Für den Wissenschaftsbetrieb ist eine entscheidende Frage daher, wie Nachwuchs sinnvoll in die Institution integriert werden kann. Woran aber erkennt man, ob ein neuer Ansatz tatsächlich wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt verspricht und nicht Scharlatanerie ist?

Welche Position ist für WissenschaftlerInnen adäquat, die einen innovativen, damit aber oft fachlich umstrittenen Forschungsansatz versprechen? Und wer darf über die Qualifikation für solche Positionen entscheiden?

Zur praktischen Lösung dieser Fragen haben die einzelnen Wissenschaftskulturen verschiedene Formen von formalen Qualifikationsverfahren entwickelt. Das zentrale Instrument im deutschsprachigen Raum ist die Habilitation. Wer sich habilitiert, beabsichtigt, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen. Auf den Unis begegnen wir der Habilitierten in der Regel unter dem Titel "Dozentin": Sie hat die Lehrbefugnis ("venia legendi") und bietet jedes Semester Lehrveranstaltungen an.

Die Karotte vor der Nase

Der Forschungsworkshop "Man habilitiert sich nicht, man wird habilitiert. Bedeutung und Funktion der Habilitation in Österreichs Wissenschaften" findet am Samstag, 28. November von 13.00 bis 18.00 Uhr am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien statt. Die Anmeldung ist per E-Mail bis 23.11. an thomas.koenig@univie.ac.at möglich.

Aus Sicht der Betroffenen hat das Verfahren zur "Pflege des wissenschaftlichen Nachwuchses", wie es im Wissenschaftssprech so schön heißt, aber seine Macken.

Historisch stammt die Habilitation aus der Zeit, als Universitäten noch Elfenbeintürme waren, in denen eine kleine Gruppe Männer unter sich war. Wer sich habilitierte, hatte in den 1870er Jahren in Deutschland noch eine rund fünfzigprozentige Chance, bald auf einen Lehrstuhl zu kommen. Seit damals nahm diese Wahrscheinlichkeit sukzessive ab, zugleich aber die Zeitspanne hin zur begehrten Professur zu. Heute spricht man gelegentlich vom "akademischen Proletariat" –-gemeint sind damit hoch spezialisierte DozentInnen, die ausreichend Qualifikation haben, für die es aber keine adäquate Stelle gibt.

Ein sonderliches Merkmal der Habilitation ist, dass sie eine Verpflichtung bei den Habilitierten schafft (nämlich Lehre anzubieten), der aber keine materielle Absicherung gegenübersteht - allenfalls die Aussicht, mit der Dozentur bessere Chancen auf eine Professur zu haben. In manchen Studienrichtungen österreichischer Unis scheint dieses Versprechen so verlockend zu sein, dass heute weitaus mehr DozentInnen existieren, als jemals Professuren frei werden dürften.

Politisches Instrument und symbolische Politik

Doch seit ihrer Einführung haben sich die institutionellen Rahmenbedingungen (Stichworte: Universitätsreformen, Personalverhältnisse) deutlich verändert. In den letzten Jahren wurde zwar sogar der Ruf laut nach Abschaffung der "Habil". Ist sie also heute nur noch ein Anachronismus? Und warum gibt es sie dann immer noch? Denn faktisch zeigt sich, dass die Bedeutung der "Habil" nach wie vor in weiten Bereichen ungebrochen ist.

Das legt die Vermutung nahe, dass - aus Sicht der etablierten WissenschaftlerInnen (ProfessorInnen) und des leitenden Wissenschaftsmanagements - die "Habil" eigentlich viel mehr als nur eine Qualifikationsstufe ist: Selektionskriterium dessen, was als richtiger Weg in der Disziplin angesehen wird, aber auch politisches Instrument für Steuerungsversuche und Abgrenzungsstreitigkeiten zwischen mächtigen KonkurrentInnen einer Disziplin.

Wie brachte es ein Professor einmal so formvollendet auf den Punkt: "Man habilitiert sich nicht, sondern man wird habilitiert." Habilitation ist also nichts, das eine wissenschaftliche Nachwuchshoffnung von sich aus anstreben könnte. Über das Verfahren wachen die Gatekeeper der jeweiligen Disziplin.

Fehlende Forschung

Damit wird die Habilitation potenziell zu einem interessanten Gegenstand der Wissenschaftsforschung. Eine historische Analyse von Habilitationsverfahren wäre etwa geeignet, Aufschluss zu geben darüber, wie sich bestimmte Universitäten und Disziplinen, aber auch das ganze österreichische Hochschulsystem entwickelt haben.
Warum wurden in den 1950er Jahren an der Uni Wien zu einem guten Viertel Personen wieder habilitiert, die ihre Dozentur nach 1945 im Zuge von Entnazifizierungsprozessen verloren hatten? Und warum kamen insgesamt vor allem jene zum Zug, deren innovativer Beitrag eher bescheiden war? Wer waren treibende Kräfte dieser Entwicklungen, und was waren ihre Motive?

Die Schlüsse hätten einige Aussagekraft über die aktuelle Verfasstheit der Hochschulen. Mit einer Analyse von Habilitationsverfahren ließen sich auch für die Gegenwart Trends an den Unis abbilden: Warum ist in manchen Disziplinen die Habilitation eine wesentliche Voraussetzung für eine Professur, in anderen nicht? Und warum gibt es in manchen Disziplinen sehr viele, in anderen aber kaum DozentInnen? Wie kommt es, dass es sehr unterschiedliche Berufsperspektiven für DozentInnen verschiedener Fachrichtungen gibt?

Fixpunkt Habilitation

Bis heute wird diese Forschung durch die Intransparenz behindert, die Habilitationsverfahren insgesamt auszeichnen. DozentInnen berichten ebenso ungern über ihr Verfahren wie Habilitationsväter (und -mütter); die Habilitationsschriften werden oftmals gar nicht in einem Verlag publiziert; das ganze Verfahren (inklusive der Gutachten) ist, vorsichtig formuliert, schwer zugänglich. Viele Habilitierungsverfahren sind von einem Schleier der Geheimniskrämerei umgeben, als müsste hier ein Mythos der besonderen, geniehaften Qualifizierung aufrechterhalten werden.

Das Streben nach der "Habil" ist nach wie vor ein fixer Punkt in den Karrierebestrebungen des wissenschaftlichen Nachwuchses in Österreich. Dass diesem in den letzten Jahren einige Steine in den Weg gelegt wurden, ist mittlerweile auch Gegenstand medialer Berichterstattung.

Doch wie weit sich Mythologisierung der Habilitation und Intransparenz des Qualifikationsverfahrens darauf auswirken, wurde bisher noch nicht einmal im Ansatz debattiert. Um aber eine offene Debatte zu Sinn und Unsinn der Habilitation führen zu können, gilt es, mit wissenschaftlichen Mitteln Einblick in die sonderbare Welt der Habilitation zu gewinnen.

Mehr zum Thema: