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Schlafende Frau

Töne als Lernbehelf

US-Forscher haben herausgefunden, dass während des Schlafes dargebotene Töne und Geräusche das Gedächtnis stärken. Die Methode bietet sich als zukünftiger Lernbehelf an.

Schlafforschung 19.11.2009

Gedächtnistraining: Bild mit Ton

Dass Schlaf für Lernen und Gedächtnisbildung wichtig, ja essenziell notwendig ist, ist eine alte Psychologenweisheit. Trotzdem erlebt man auch in diesem gut erkundeten Forschungsgebiet hin und wieder Überraschungen. Für eine solche hat soeben Ken Paller gesorgt: Der Psychologe von der Northwestern University präsentierte zwölf Probanden Bilder auf einem Monitor und begleitete jedes Motiv mit einem charakteristischen Ton oder Geräusch.

Die entsprechende Studie ist im Fachblatt "Science" (Bd. 326, S. 1079) erschienen:

"Strengthening Individual Memories by Reactivating Them During Sleep"

Beim Bild einer Katze ertönte etwa ein "Miau!", war ein Teekessel abgebildet, hörte man diesen Pfeifen - etc. Ziel der Übung war, dass sich die Probanden einen bestimmten Punkt auf dem gerasterten Monitor merken sollten, der jedem Bild zugeordnet wurde.

Der Merk-Multiplikator

Dann wurden die Testpersonen ins Schlaflabor gebeten. Sechs von ihnen spielte Pallers Team während des Tiefschlafes die Töne nochmals vor, bei der Kontrollgruppe indes kam nur Rauschen aus den Lautsprechern. Von all dem mitbekommen haben beide Gruppen nichts, wie Befragungen zeigen.

Danach wurden alle zwölf zum Test gebeten - Aufgabe: "Weisen Sie auf jenen Punkt auf dem Bildschirm, der zu dem präsentierten Bild gehört." Diejenigen, die während des Schlafes mit Miauen und Teekesselpfeifen beschallt wurden, schnitten dabei klar besser ab.

Das Nickerchen war dabei essenziell, wie sich herausstellte. Pallers Team wiederholte nämlich das Experiment, spielte jedoch die Töne und Geräusche wachen Probanden vor. Ergebnis: Wirkung gleich Null.

Replay im Gehirn

Dass Geräusche während des Schlafes unbewusst wahrgenommen und verarbeitet werden, war zwar schon früher bekannt. Aber dass diese Geräusche auch das Gedächtnis festigen können, ist absolut neu. Die gedächtnisstärkende Wirkung des Schlafes erklären Forscher in der Regel mit der so genannten Replay-Theorie. Sie besagt: Das schlafende Hirn reproduziert kürzlich eingegangene Reize, es spult quasi das Band der Erlebnisse noch einmal ab - und konsolidiert dadurch neu angelegte Gedächtnisinhalte.

Die Theorie wurde bereits an Ratten mit bildgebenden Verfahren bestätigt, erklärt der deutsche Psychologe und Schlafforscher Jürgen Zulley im Gespräch mit science.ORF.at. Im Schlaf passiere aber noch etwas anderes: "Es werden auch bereits vorhandene Erinnerungen optimiert - und zwar durch eine Verknüpfung mit anderen Inhalten. Das erklärt das berühmte Aha-Erlebnis, bei dem man über Nacht plötzlich Lösungen für Probleme findet."

Keine Nürnberger Akustik

Wobei die Schlafphasen offenbar eine Arbeitsteilung vorgenommen haben. Psychomotorisches - Tanzen, Klavierspielen, Turnen - reift während des REM-Schlafes aus, Faktenwissen - Stadt, Land, Fluss - indes wird im Tiefschlaf gefestigt.

Ken Pallers Entdeckung könnte nun die Phantasie aufkommen lassen, eine akustische Variante des Nürnberger Trichters zu bauen, aber Zulley winkt ab: "Wir lernen zwar im Schlaf, aber die Aufnahme der jeweiligen Inhalte findet natürlich im Wachen statt. Das Vokabellernen bleibt uns nicht erspart."

Dass allerdings die Paller'sche Akustikmethode Lernwilligen dereinst zu einem besseren Gedächtnis verhelfen könnte, möchte er nicht ausschließen. "Aber ich gebe zu bedenken: Beschallung in der Nacht kann auch den Schlaf stören."

Robert Czepel, science.ORF.at

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