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Frau mit Hygienemaske

Viren lieben kalte Luft

Wenn es draußen kalt wird, haben Grippe und Erkältungen Hochsaison. Der Grund: Kalte Luft schwächt die ersten Abwehrreihen unseres Immunsystems. Viren fühlen sich unter diesen Bedingungen recht wohl, wie Studien zeigen.

Infektionen 25.11.2009

Auch wenn es nicht sonderlich elegant aussehen mag: In die Armbeuge zu niesen ist besser als in die Hand. Denn letztere berührt nicht nur - schüttelnd - ihresgleichen, sie berührt auch Türklinken, Stiegengeländer und Haltegriffe in U-Bahnen. Dass auf diese Weise tausendfach Viren und Bakterien übertragen werden, wissen zwar die meisten. Aber kaum jemand trifft im Alltag Gegenmaßnahmen. Dabei wäre es so einfach: Mehrfaches Händewaschen pro Tag würde die Übertragungsrate deutlich abschwächen, sagen Mediziner. Studien zeigen indes, dass der Griff zur Seife viel zu selten passiert.

"Experimental Pretesting of Hand-Washing Interventions in a Natural Setting" ist im "American Journal of Public Health" (Bd. 99, S. 405) erschienen.

Forscher der London School of Hygiene & Tropical Medicine haben das Verhalten von 200.000 Besuchern britischer Autobahntoiletten dokumentiert: Von 100 Frauen waschen sich demnach 64 nach dem Toilettengang die Hände. Bei Männern sind es gar nur 32 (siehe hierzu auch: Gary Larsons Beitrag zur Epidemiologie).

Der Faktor Wetter

Ein anderer Infektionsfaktor sind die jahreszeitlich schwankenden Wetterverhältnisse. Da viele Vireninfektionen saisonale Höhepunkte aufweisen, ist der Schluss naheliegend, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit etwas damit zu tun haben könnten. Ein Team um Christina Atchinson, ebenfalls von der London School of Hygiene & Tropical Medicine, hat nun Ersteres bei Erregern von Durchfallerkrankungen, Rotaviren, bestätigt.

"Temperature Dependent Transmission of Rotavirus in Great Britain and The Netherlands" wird demnächst auf der Website der "Proceedings of the Royal Society B" veröffentlicht.

Die britischen Forscher fütterten ein Computermodell mit Infektionsraten und meteorologischen Daten aus England, Wales, Schottland und den Niederlanden und fanden einen direkten Zusammenhang zwischen beiden Größen. Ein zusätzliches Grad bei der Lufttemperatur kann - je nach Rechenmodus und Region - die Infektionsraten mit Rotaviren um bis zu 16 Prozent verringern. Nach konservativer Rechnung geben Atchinson & Co. vier Prozent pro Grad an - was wohl auch noch genügt, um den kalendarischen Rhythmus von Epidemien zu erklären, zumal Mathematiker berichten, dass es auch in Infektionsnetzwerken so etwas wie Resonanzeffekte gibt.

Löchriges Immunsystem

Warum die Kälte Viren regelmäßig zu infektiöser Bestform auflaufen lässt, erklären Atchinson und ihr Team allerdings nicht. Glücklicherweise hat der austro-amerikanische Virologe Peter Palese vorletztes Jahr der Fachliteratur Antworten auf diese Frage beigesteuert, und zwar in einer Studie, die erstmals den Temperatureffekt bei Influenzaviren nachwies - an Meerschweinchen zwar, doch das jährlich stattfindende außeruniversitäre Großexperiment "Grippewelle" legt nahe, dass der Effekt auch für Menschen gilt.

"Influenza Virus Transmission Is Dependent on Relative Humidity and Temperature" ist im Fachblatt "PLoS Pathogens" (Bd. 3, S. e151) erschienen.

Palese sieht jedenfalls mehrere Mechanismen am Werk: Niedrige Luftfeuchtigkeit trockne die Schleimhäute aus und schwäche unsere natürliche Virusbarriere. Ähnlich wirke kalte Luft, sie hemme die Bewegung der Flimmerhärchen in den Atemwegen - in die entstehenden Lücken der körpereigenen Verteidigungslinie würden dann Viren eindringen, schreibt er. Auch die Tröpfcheninfektion funktioniere besser bei niedriger Luftfeuchtigkeit, und nicht zuletzt hänge die Stabilität der Viren von Temperatur und Luftfeuchte ab. Summa summarum: Kalte Herbstluft schwäche unser Immunsystem und stärke die Viren. Für die trockene Wohnungsluft gilt das wohl leider auch.

Robert Czepel, science.ORF.at

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