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Hahn mit rotem Kamm.

Artbildung: Anpassung ist sexy

Genfluss und Artbildung wurden lange Zeit als Widerspruch angesehen. Zu Unrecht, wie nun Evolutionsbiologen zeigen. Ihr neues Modell könnte erklären, warum es im Regenwald so viele Spezies gibt.

Biologie 30.11.2009

Spaltung durch Trennung

"On the Origin of Species by Natural and Sexual Selection" heißt eine aktuelle Studie, die soeben auf der Website des Fachblattes "Science" veröffentlicht wurde. Das klingt stark nach Charles Darwin - und soll es wohl auch.

Schließlich feiern wir dieses Jahr zwei Darwin-Jubiläen, zum einen den 200. Geburtstag des großen Briten, zum zweiten den Erscheinungstermin seines Hauptwerkes, der nun genau 150 Jahre zurückliegt. Wobei dessen Titel, "Über den Ursprung der Arten", aus heutiger Sicht eigentlich mehr verspricht, als er hält.

Denn Darwin hat darin gezeigt, wie Variation und Selektion die Arten historisch verändern, und zwar zwangsweise verändern. Doch als klar wurde, wie Vererbung funktioniert und Populationen Gene austauschen, wurde die Sache komplizierter.

Da gab es zunächst den klassischen Fall der Artbildung, im Telegramm: Zwei Populationen werden getrennt (durch Meere oder Berge beispielsweise), verändern im Lauf der Zeit ihre genetische Architektur, treffen einander nach langer Zeit wieder - und können nun keine fruchtbaren Nachkommen mehr zeugen. Resultat: Aus einer Art wurden zwei.

Sexuelle Selektion: Das Gockel-Prinzip

Was aber, wenn sie sich nicht räumlich trennen? Müsste nicht der Genfluss Populationen auf ewig aneinander binden, weil er etwaige Unterschiede sofort wieder ausgleicht? Sander van Doorn von der Universität Bern hat nun mit zwei Kollegen eine Antwort auf diese Frage gefunden.

Die drei Evolutionsbiologen zeigen in einem Rechenmodell, wie die sexuelle Selektion zwei Populationen entzweien kann, obwohl sie im gleichen Lebensraum leben. "Sexuelle Selektion" heißt: Partnerwahl und ihre Folgen. Meist ist es das Weibchen, das sich den attraktivsten Partner aussucht, wobei Attraktivität in der Regel etwas mit Fitness zu tun hat.

Der rote Kamm des Gockels beispielsweise ist ein Merkmal, das durch sexuelle Selektion entstanden ist, weil ein roter und praller Kamm für Gesundheit - indirekt für "gute Gene" - steht. Die Umkehrung gilt auch: Dass ein Gockel krank ist, kann man an seinem blassen Kamm erkennen.

Signale der Anpassung

Sander van Doorn und Co. zeigen, dass das gleiche Prinzip auch die Artbildung antreiben könnte. Angenommen, die Form oder Farbe des Kammes würde nicht mit allgemeiner Gesundheit, sondern mit einer bestimmten Ernährungsweise (und Schnabelform) des Gockels zusammenhängen.

Und angenommen, es gäbe zwei Hahn-Populationen, die sich je auf ein bestimmtes Körnerfutter spezialisieren, dann würden sich diese Hähne wie die berühmten Darwinfinken in verschiedene Arten aufspalten. Im Unterschied zu den Darwinfinken müssten sie jedoch nicht auf andere Inseln auswandern, um die genetische Scheidung amtlich zu machen. Im Prinzip könnten sie sich sogar den gleichen Hühnerhof teilen.

Ökologen glauben, dass in sehr artenreichen Regionen wie den tropischen Regenwäldern genau das passiert ist. Denn sonst könnte man nicht erklären, wie auf so engem Raum eine so große Vielfalt von Lebewesen entstanden ist.

Als nächstes wollen die Forscher ihre Theorie an Kreuzschnäbeln und Stichlingen überprüfen. Bei diesen beiden Arten vermuten Fachleute schon länger, dass sie Signale der Anpassung mit sich tragen - eingeschrieben ins Feder- bzw. Schuppenkleid.

Robert Czepel, science.ORF.at

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