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Hitler spricht

Nationalsozialistische Lautsprecher

Propaganda war im Nationalsozialismus ein integraler Bestandteil der Politik. Wichtige Werkzeuge waren die damals neuen Medien wie Radio und Film. Im Lautsprecher, den die Nazis sehr effektiv einsetzten, sieht die Medienwissenschaftlerin Cornelia Epping-Jäger das Symbol einer Politik, die über öffentliche Reden die Massen mobilisierte.

Zeitgeschichte 11.12.2009

Lautsprecher sind für sie mehr als technische Apparate, sie ordnen auch den Raum neu und drücken damit Macht aus, führt sie im science.ORF.at-Interview aus.

science.ORF.at: Heute klingen Reden von Hitler außer für hartgesottene Nazis vor allem lächerlich. Wie konnte er eine derartige Wirkung entfalten?

Porträtfoto von Cornelia Epping-Jäger

Cornelia Epping-Jäger

Cornelia Epping-Jäger arbeitete zunächst als Dramaturgin, ab 2000 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln. Seit Ende 2008 ist sie Literatur- und Medienwissenschaftlerin an der Universität Siegen, in diesem Semester ist sie Research Fellow am IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien .

Cornelia Epping-Jäger: Zum einen muss man bedenken, dass wir seine Rhetorik nicht mehr gewöhnt sind. Emotionalität in der Stimme war nach 1945 in der Bundesrepublik ein Tabu. Dichter etwa der Gruppe 47 haben möglichst emotionslos gelesen. Emotion, so hieß es, erzeugt Verführbarkeit. Zum anderen spricht in Hitlers Stimme auch die Medientechnik mit. Wir hören heute Aufnahmen von Tonträgern, die x-mal abgespielt wurden, und im Lauf der Zeit gelitten haben.

Dennoch: Seine Fähigkeit zu begeistern war ja offenbar gegeben?

Die Besonderheit von Hitlers Stimme lag daran, dass sie von NS-Propagandatechnikern zumeist bei Massenveranstaltungen aufgenommen und dann über den Rundfunk abgespielt wurde. Man hört die Energie, die jemand braucht, um zu einem großen Auditorium zu sprechen. Das Publikum spiegelt ihn, treibt ihn an, er findet sich darin wieder. Man hört auch die Lautsprechertechnik.

Denken wir an den ersten Mai 1933. Das war noch ein akustisches Desaster. Auf dem Tempelhofer Feld in Berlin hat man erstmals riesige Lautsprecheranlagen ausprobiert, vor fast zwei Millionen Menschen. In den Wochenschaufilmen hört man nur das Echo, d.h. der Redner konnte nicht reden, wie er wollte, sondern musste mit der Reflexion umgehen, musste abwarten, bis der Ton beim letzten Lautsprecher an- und dann wieder zu ihm zurückgekommen ist. Dazwischen hat ihn das Publikum schon gehört, akklamiert und ihn weiter vorangetrieben.

Politisch war der Erste Mai 1933 aber weniger ein Desaster?

Vortrag in Wien:
Cornelia Epping-Jäger: Von "toten Sprechmaschinen" und "Herzensstimmen". Anmerkungen zum Dispositiv LautSprecher im Nationalsozialismus
Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien
Zeit: 14. Dezember 2009, 18 Uhr c.t.
Eintritt frei

Das stimmt natürlich. Die Nazis haben den anderen Parteien alles weggenommen, wie sie wollten, bis zum leuchtenden Rot der KP-Fahnen. Den Tag der Arbeiterbewegung haben sie umgetauft in "Tag der nationalen Arbeit", erstmals war arbeitsfrei. Berlin wurde zur Feierstätte, voll mit Siemens-Lautsprechern, das Tempelhofer Feld für knapp zwei Millionen Menschen hergerichtet, die zuvor durch die ganze Stadt marschiert sind. Beim Marschieren konnten sie sich durch Radioübertragungen selbst zuhören. Es gab Aufrufe, die Radiogeräte in die Fenster zu stellen.

Reichs-Autozug am Heldenplatz, Übertragung "Anschlussrede", bereit gestellt 
v. Archiv der AZ, Wien;

Archiv der AZ, Wien

Reichs-Autozug am Heldenplatz, Übertragung "Anschlussrede", bereit gestellt
v. Archiv der AZ, Wien;

Dazu kam der Aufbau der Rednerszene: Während die Linken eher mit Megaphonen agiert haben, ihre Sprecher aus der Masse heraus agiert haben und auch Leute in ihrem Rücken erlaubten, war das bei den Rechten anders. Ihr Aufbau war konfrontativer, vor dem Redner stand die SA, dann die SS und die Prominenz, erst dann auf dem Feld das normale Publikum, begrenzt von Lautsprechern.

Erstmals bei einer Massenveranstaltung waren in Tempelhof die Speerschen Lichtdome zu sehen, zusammen mit der Akustik wurde aus öffentlichem Raum ein Parteiraum. Es gab regelrechte Medienverbünde: ein 18-stündiges Rundfunkprogramm mit Live-Reportagen von Zeppelinen aus und mit Konserven aus dem Studio.

Hat die Hitlerstimme auch im Studio funktioniert?

Nein, und das hat sich schon zuvor, am 31. Jänner 1933 herausgestellt, als Hitler den "Aufruf an das deutsche Volk" aufgenommen hat. Nun stand er alleine vor dem Mikrophon, das extra für ihn auf einem Marmorblock aufgebaut wurde. Auf einem Foto kann man Hitlers Versagensangst sehen - und man kann sie auch hören. Er hat danach auch nur noch so selten wie möglich Radioansprachen gehalten.

Hitler vor dem Rundfunkmikrophon 1.2.33, aus: Diller Ansgar: Rundfunkpolitik im Dritten Reich, München, 1980

Diller Ansgar: Rundfunkpolitik im Dritten Reich, München, 1980

Hitler vor dem Rundfunkmikrophon 1.2.33, aus:
Diller Ansgar: Rundfunkpolitik im Dritten Reich, München, 1980

Wie beurteilen Sie die Rhetorik von Hitler?

Die haben schon viele Wissenschaftler analysiert, wie er etwa mit Pausen hantiert und langsam Spannung aufbaut. Joachim Fest ist so weit gegangen, sie mit einem Orgasmus zu vergleichen. Ich bin da skeptisch. Die Hitlerreden wurden geglättet, ihre Transkriptionen haben wenig zu tun mit dem, was er wirklich gesagt hat. Erst im Nachhinein wurde ein konsistenter Text aufgebaut. Die Inhalte der Rede waren bei den Nazis zumeist schon vorher bekannt, sie haben die Parolen bei den Veranstaltungen auf die Wände plakatiert. Wichtiger als die Inhalte war die Aufführung - und die hatte Auswirkungen auf die Rede.

Wurden die Deutschen durch diese Aufführungen "verführt"?

Ich bin gegen Verführungsthesen aller Art. Bis 1933 hatte die NSDAP keine großen Wahlkampfspenden bekommen, wie man früher dachte. Eine der großen Einnahmequellen waren die Eintrittsgelder zu ihren Versammlungen. Wo bleibt da die Verführung? Man ging dort hin mit einer bestimmten Erwartungshaltung, kannte die Parolen, wusste, dass die Veranstaltungen gestört werden würden, dass die SA da war, dass es zu Schlägereien kommen würde. Das Ganze hat Action versprochen, so wie das heute in anderer Form auch Popkonzerte oder Fußballspiele tun. Die Verführungsthese stammt von Goebbels, das sind ideologische Annahmen.

Rundstrahler für Nürnberg, aus: Fritz Bergtold. Schall und Klang, München 1936. o.S.

Fritz Bergtold. Schall und Klang, München 1936. o.S.

Rundstrahler für Nürnberg, aus: Fritz
Bergtold. Schall und Klang, München 1936

Sie sprechen von einem "Dispositiv LautSprecher", das den Nationalsozialismus charakterisiert, was verstehen Sie darunter?

Ganz gerafft gesagt - vom ersten Lautsprecher-Versuch an, der 1924 in einer Halle durchgeführt wurde, waren immer zwei Frage zentral: Wie setzt sich eine Stimme durch? Wie kann man einen Raum, ob öffentlich oder nicht, einer Stimme unterordnen? Mit diesen Fragen, die über die technischen hinausgehen, beschäftige ich mich. Nur ein Beispiel: Vor 1924 gab es Grammophonlautsprecher mit einer eingeschränkten Reichweite, dazu die Detektor-Radios, bei denen man ständig die Frequenzen suchen musste.

Nun trat der Lautsprecher in den öffentlichen Raum. Es gab Großlautsprecher, auch Pilzlautsprecher wurden entwickelt, die im Umkreis von 50 Metern sehr gut verständlich waren. Die Menschen, die sich darunter versammelt haben und angesprochen wurden, konnten sich gegenseitig anschauen und damit auch kontrollieren. Technik schafft immer auch, dass man sich in einer gewissen Weise anordnet. Man muss, um gut zu hören, sich so oder so hinstellen. Die Macht kommt von der Seite, sagt Foucault. Sie muss nicht von oben oder intentional eingesetzt werden.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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