Standort: science.ORF.at / Meldung: "Kiwis, die auf Golfplätzen wachsen"

Ein Bauer fährt mit seinem Traktor durch die herbstliche Landschaft.

Kiwis, die auf Golfplätzen wachsen

Die Klimaerwärmung wird auch die Landwirtschaft in Österreich verändern. Experten rechnen damit, dass in Zukunft selbst exotische Früchte wie etwa die Kiwi bei uns wachsen werden. Vielleicht wird man eines Tages auch wieder Plätze für die Landwirtschaft nutzen müssen, die heute als Golfplätze verwendet werden.

Klimawandel 15.12.2009

Trockenere Zeiten

Eines ist sicher: Der Klimawandel wird eine Verlängerung der Vegetationszeit bringen. Der CO2-Gehalt kann bei unseren Kulturpflanzen wie Dünger wirken. Der Sommerregen wird allerdings in einigen Regionen um zehn bis fünfundzwanzig Prozent abnehmen. Damit stehen uns für die Hauptackerbaugebiete Österreichs trockenere Zeiten bevor.

Anpassung heißt die Devise. Die praktische Landwirtschaft kann nicht darauf warten, bis in Österreich Bananenstauden, Orangenbäume und Kokospalmen gedeihen oder bis die Gentechnik einen Mais konstruiert, der praktisch ohne Wasser auskommt.

Pannonischer Raum als Referenzgebiet

Wie haben mit Ingenieur Wolfgang Müller, Landwirt und Landtechniker, gesprochen. Er hat über zwanzig Jahre lang einen großen Agrarkomplex im Seewinkel geleitet. Der pannonische Raum ist besonders deshalb als Referenzgebiet interessant, weil es hier jetzt schon das Klima gibt, das auf uns in Niederösterreich, Wien, im gesamten Burgenland und in der Steiermark zukommen wird.

Trotz widriger Umstände, nämlich einem Jahresniederschlag von maximal 550 Millimeter und einer Jahresmitteltemperatur von über zehn Grad konnte Müller mit unseren Kulturpflanzen regelmäßig Erträge liefern und sie sogar noch langsam steigern.

Düngung mit Kalium

Sein Erfolgsrezept: Humusanreicherung. Eine vielseitige Fruchtfolge ist Voraussetzung, dazu Gründüngung mit Senf und Buchweizen.

In dem Trockengebiet wird eine kalibetonte Düngung notwendig sein, meinte er im ORF-Radio. "Denn Kalium ist für die Regulierung des Wasserhaushaltes in der Pflanze verantwortlich. Daher also Kali betonen, Phosphat normal und Stickstoff so sparsam als wie nur irgendwie möglich einsetzen. Und die Erzeugung von Stickstoff durch Nutzpflanzen dürfte auch nicht vernachlässigt werden. Leguminosen sammeln den Luftstickstoff. Sie speichern den Luftstickstoff in sogenannten Knöllchenbakterien und stellen ihn dann der Pflanze wieder zur Verfügung. Das ist ein sehr billiger Weg der Stickstoffdüngung und v.a. vermeidet man damit Stickstoffverluste."

Wolfgang Müller im Originalton

Weniger intensive Bearbeitung

Des Weiteren ist es sehr wichtig, dass der Bodendruck nicht zu groß wird. Das heißt der Boden soll weniger oft und weniger intensiv bearbeitet werden.

"Die mechanische Bodenzerkleinerung, die man auch als Hammergare bezeichnet, weil sie gewaltsam herbeigeführt wird, verlangt nachher wieder eine Rückverfestigung des Bodens, und das sind alles Arbeitsgänge, die Treibstoff, Zeit und letztlich Wasser und Geld kosten", so Wolfgang Müller.

Wolfgang Müller im Originalton

Und Wasser ist ja auch in der Landwirtschaft der ertragsrelevante Faktor. In den Ackerbaugebieten in Österreich haben wir aber kaum mehr die Gelegenheit, die künstliche Beregnung auszuweiten. Das vorhandene Wasser ist durch ältere Wasserrechte belegt. Daran müsste sich etwas ändern.

Weniger Wasser, mehr Ozon

Auch der Traum von zwei bis drei Ernten pro Jahr dürfte bei Wasserknappheit in weite Ferne rücken. Schon jetzt ist im pannonischen Raum gerade einmal Wasser für eine Ernte rekrutierbar. Bleibt zu hoffen, dass die Pflanzenzüchtung die Widerstandfähigkeit der Pflanzen gegen Trockenstress erhöhen kann.

Das bodennahe Ozon wird mit den bevorstehenden Hitzeperioden steigen, es wird durch Spaltöffnungen aufgenommen und kann zum Absterben der Pflanze führen.

Man muss auch vermehrt mit Wärme liebenden Schädlingen wie dem Maiswurzelbohrer rechnen.

Österreich Kiwiland?

Es wird aber auch Vorteile geben. Obst und Wein können in höheren Regionen angebaut werden. Aber auch gewisse Ackerkulturen wie z.B. der Ölkürbis. Und so manche Frucht wird gar nicht mehr als exotisch gelten.

"Jetzt ist die Steiermark ein Apfelland, aber durch eine Klimaänderung, durch eine Erwärmung könnte die Steiermark zu einem Marillenland zu einem Nektarinenland ja möglicherweise zu eine Kiwianbauland werden", mutmaßte Wolfgang Müller im ORF-Radio.

Vorteile aus der Klimaerwärmung könnte etwa auch das Mühlviertel ziehen, weil hier das Wasserangebot stimmen wird. Im Westen wird es zwar auch mehr regnen, Grünland aber in Ackerbau umzuwandeln wird hier aufgrund der Geländegestaltung kaum möglich sein, und es könnte bei der Heuernte Probleme geben.

Ackerbau auf Golfplätzen

Weltweit sind pro Mensch 2.000 Quadratmeter fruchtbare Agrarfläche vorhanden, und diese ohnehin schon kleine Fläche schrumpft durch Bevölkerungszuwachs und Bodenverluste. In Österreich gehen täglich 15 bis 20 Hektar fruchtbarer Boden der Landwirtschaft verloren. Ernährungssicherheit bietet nur die nationale, bäuerliche Landwirtschaft.

Wolfang Müller: "Wenn wir von Hunger sprechen, dann sollten wir uns an die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern, als die hungernde Stadtbevölkerung auf Sportplätzen und in Parks Erdäpfel und Gemüse angebaut hat, um überleben zu können. Früher wurden Feldraine, Bahndämme und Straßenböschungen landwirtschaftlich genutzt. Man hat dort im kleinen Maßstab Viehwirtschaft betrieben, Ziegen z.B., oder Schafe, doch auch Rinder. Alle diese Flächen sind heute ungenutzt. Es gibt allein in der Steiermark rund 8.000 Hektar nicht mehr benütztes Grünland, dass einfach liegengelassen wird. Das könnte man bei Bedarf reaktivieren."

Wolfgang Müller im Originalton

Im Zuge des Klimawandels wird es nach Ansicht des Landwirts und Landtechnikers zu einer Teilextensivierung kommen, d.h. größere Flächen werden gebraucht, da diese Flächen wieder interessant werden: "Ich geh sogar so weit zu sagen, dass man wahrscheinlich auch wieder Golfplätze der landwirtschaftlichen Nutzung wird zuführen müssen", so Müller.

Gunda Schuller und Rainer Schultheis, ORF Wetter

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