Standort: science.ORF.at / Meldung: "Top-Wissenschaft 2009: Ardi, unsere Urahnin"

Künstlerische Rekonstruktion von "Ardi", Ardipithecus ramidus.

Top-Wissenschaft 2009: Ardi, unsere Urahnin

Wie jedes Jahr im Dezember hat das Fachblatt "Science" die zehn wichtigsten wissenschaftlichen Durchbrüche gekürt. Sieger des Jahres 2009 ist die Erforschung eines 4,4 Millionen alten fossilen Skeletts: Ardipithecus raminus. "Ardi" hat damit "Lucy" als ältester Vorfahrin des Menschen den Rang abgelaufen.

Rangliste 18.12.2009

Unter den weiteren Top-Ten-Arbeiten der Wissenschaft rangieren die sensationelle Entdeckung von Eis auf der Mondoberfläche und die Reparatur des Hubble-Weltraumteleskops. Auch ein "Jungmacher", der das Leben von Mäusen um bis zu 15 Prozent verlängert und neue Gentherapien sind dabei.

Ardi, unser aller Urahnin

Entdeckt wurden die Knochen von Ardi bereits Mitte der 1990er Jahre. Ardi lebte in der Afar-Region in Äthiopien, von wo auch Lucy (Australopithicus afarensis) stammt.

Künstlerische Rekonstruktion von Ardipithecus ramidus.

J. H. Mattemes

Erst heuer erschien die erste umfassende Analyse des Skeletts. Insgesamt elf Studien zu ihrem Körperbau, ihrer mutmaßlichen Bewegungsweise und ihren Lebenbedingungen wurden im Oktober in "Science" veröffentlicht. Die Ergebnisse werfen eine neues Licht auf die frühe menschliche Entwicklung.

Die wesentliche Erkenntnis dabei: Unsere Vorfahren waren den Affen gar nicht so ähnlich. So dürfte Ardi bereits auf zwei Beinen gegangen sein, und das bereits eine Million Jahre vor Lucy. Auch in den Bäumen war sie keineswegs nach Schimpansenmanier unterwegs, sondern auf allen Vieren entlang großer Äste - Schritt für Schritt, nicht hangelnd.

Weltraumteleskop spürte 16 Pulsare auf

Auf der Liste der neun weiteren bahnbrechenden Forschungsleistungen findet sich auch die Entdeckung von 16 Pulsaren durch das NASA-Weltraumobservatorium "Fermi Gamma-Ray Space Telescope". Analysen haben ergeben, dass die Quellen ihrer hochenergetischen Gammastrahlung Neutronensterne in unserer Galaxie sind.

Illustration eines Pulsars

NASA

Darstellung eines Pulsars

Pulsare sind Überbleibsel massereicher Sterne, die "in der Nacht wie Leuchttürme blinken". Sie bestehen fast nur noch aus Neutronen, den elektrisch neutralen Teilchen von Atomkernen. Pulsare können hunderte Male pro Minute rotieren.

Der Jungtrunk von der Osterinsel

Rapamycin, ein Naturstoff von der Osterinsel, könnte eine neue Arznei für ein langes Leben werden.

Die Studie in "Nature": "Rapamycin fed late in life extends lifespan in genetically heterogeneous mice" von David E. Harrison et al.

Der Wirkstoff, der auch unter dem Namen Sirolimus bekannt ist, schiebt den Alterungsprozess von Säugetieren auf: Mäuse, an denen sie in einem amerikanischen Anti-Aging-Programm getestet wurde, lebten im Durchschnitt zehn Prozent länger.

Fortschritt bei Graphen

Das Kohlenstoffmaterial Graphen

J.C. Meyer, U.C. Berkeley

Ein neues Kohlenstoffmaterial aus der Nanoforschung schaffte es ebenfalls unter die Top Ten. Die einatomigen Kohlenstoffschichten, Graphen genannt, könnten die Halbleiter-, Sensor- und Display-Technik revolutionieren.

Monopole existieren doch

Die zwei Studien in "Science":
- "Dirac Strings and Magnetic Monopoles in the Spin Ice Dy2Ti2O7" von D. J. P. Morris et al.
- "Magnetic Coulomb Phase in the Spin Ice Ho2Ti2O7" von T. Fennell et al.

Gleich zwei Forschergruppen stellten im September die Sichtung sogenannter magnetischer Monopole in Spin-Eis vor, einer exotischen magnetischen Materialklasse.

Die Existenz dieser Monopole war bereits 1931 von dem britischen Theoretiker Paul Dirac vermutet worden. Seitdem hatten Forscher sie vergeblich vor allem in Teilchenbeschleunigern nachzuweisen versucht.

Im All

Das Weltraumteleskop Hubble

NASA

Das Weltraumteleskop Hubble

Das NASA-Experiment, bei der "Bombardierung" des Mondes auf Eis zu stoßen, war "Science" ebenfalls einen Listenplatz wert. Außerdem würdigte das Journal die gewagte Reparatur des Weltraumteleskops Hubble, das nun weitere fünf Jahre genutzt werden kann.

Pflanzliches Stresshormon

Dem ebenfalls lange gesuchten Signalempfänger für ein Stresshormon von Pflanzen kam ein deutsches Team - zeitgleich mit Botanikern in Kalifornien - auf die Spur.

Der ABA-Rezeptor signalisiert Pflanzen, winzige Öffnungen in ihren Blättern zu schließen und dadurch ihren Wasserverlust zu verringern, erläuterten Erwin Grill und sein Team von der Technischen Universität München (TUM) im April in "Science". Die Erkenntnis dürfte Landwirten in aller Welt im Zuge des Klimawandels zu Gute kommen.

Das Comeback der Gentherapie

Fortschritte mit Gentherapien halfen in diesem Jahr etwa Blinden. Zwölf Patienten, die an einer speziellen Form erblich bedingter Blindheit litten, konnten sich nach der Behandlung wieder ohne fremde Hilfe zurechtfinden. Am meisten profitierten Jüngere, bei denen die Degeneration der Netzhaut noch nicht so weit fortgeschritten war.

Auch bei der Behandlung einer schwerwiegenden Hirnerkrankung und bei einer ernsthaften Störung des Immunsystems konnte die Therapie heuer Erfolge verzeichnen.

Sorge um die Forschung

Große Sorgen äußert "Science" darüber, dass immer mehr Länder wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise öffentliche Forschungsgelder kürzen.

Italien und Portugal seien von einem Abbau der Mittel um 10 bis 20 Prozent betroffen, Irland stehe ein Minus von 6 bis 10 Prozent bevor. Noch schlimmer sehe es in Kalifornien aus, wo Universitäten nicht nur das Gehalt ihres Lehrpersonals zusammenstrichen, sondern auch noch die Studiengebühren um 32 Prozent auf über 10 000 Dollar pro Jahr anhoben.

science.ORF.at/APA/dpa

Mehr zum Thema: