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Weihnachtsschmuck (Sterne und Kugeln)

Weihnachtsmythen auf der Spur

Mehr Selbstmorde, Streit in der Familie, ein verloren gegangenes Christkind und dicke Bäuche nach den Feiertagen? science.ORF.at hat sich auf die Spur von Klischees rund um Weihnachten begeben: Manche davon sind reine Mythen, andere entsprechen jedoch durchaus der Wahrheit.

Gesellschaft 24.12.2009

1.) Zu Weihnachten begehen mehr Menschen Selbstmord als im übrigen Jahr:

Das genaue Gegenteil ist der Fall: Im Dezember und Jänner begehen die wenigsten Menschen Selbstmord – insbesondere an den Weihnachtsfeiertagen denkt kaum jemand an Suizid. Nestor Kapusta, Arzt in der Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie sowie Mitglied der Wiener Werkstätte für Suizidforschung spricht vom statistischen Durchschnitt der letzten 30 Jahre – und von vielen internationalen Studien die diesen Mythos widerlegen. Die höchsten Suizidraten gibt es in den Sommermonaten Mai, Juni und Juli.

Warum? Kapusta erklärt, dass im Moment an zwei Hypothesen geforscht werde: Die biologische Hypothese besagt, dass Menschen im Sommer durch den stärkeren Sonnenlichteinfall zwar Antrieb entwickeln. Das heißt aber nicht, dass sich ihre Stimmungslage ändert oder ihre Depression verschwindet. Dieser "Antrieb" sei der Grund für häufigere Suizide – und zwar im Sommer. Ganz anders im Winter: In der kalten Jahreszeit habe der Mensch weniger Kraft und könne sich deshalb nicht zum Selbstmord "aufraffen", so Kapusta.

Die zweite, so genannte "Broken Promise"-Hypothese ist eine soziologische, aber nicht minder spannend: "Gerade zu Jahresbeginn nehmen sich viele Menschen gute Vorsätze. Im Mai merken dann manche, dass sie es nicht geschafft haben, ihre Vorsätze einzuhalten." Im schlimmsten Fall führe das zu Depression, und auch zu einer höheren Suizidrate. Aber wieso ist dieser Mythos dann entstanden? Kapusta glaubt, dass viele Menschen Weihnachten mit Druck, Stress und Familienstreit assoziieren und deshalb glauben, dass das manche nicht aushalten. Ein Mythos!

2.) Zu Weihnachten spenden die Österreicher mehr Geld als sonst:

"Es stimmt", erklärt Gerhard Bittner vom Österreichischen Institut für Spendenwesen. "Bei manchen Organisationen machen die Spenden, die zur Weihnachtszeit eingenommen werden, sogar bis zu 40 Prozent des gesamten Jahreseinkommens aus," so der Wissenschaftler. Den Menschen ist es ein Anliegen in dieser Jahreszeit besonders Kindern und bedürftigen Menschen zu helfen.

Grund dafür sei aber nicht nur ein medialer Hype – es gehe auch einfach vom Menschen selbst aus: Weihnachten und etwas Schenken sind untrennbar miteinander verbunden. "Der Mechanismus ist, dass man, wenn man beschenkt wird, auch selbst gerne schenken möchte." Oft aber nicht nur Freunden und Verwandten, sondern vor allem dem Roten Kreuz, der Caritas und dem SOS Kinderdorf – das sind die größten Spendenorganisationen Österreichs.

Die Österreicher selbst lassen sich nicht lumpen: Obwohl die Spendenbereitschaft in den letzten Jahren etwas abgenommen hat, geben immer noch etwa 60 Prozent der Bevölkerung an, mindestens einmal im Jahr Geld gespendet zu haben – und damit liegen sie im internationalen Spitzenfeld.

3.) Zu Weihnachten gibt es Krisen und Streit in der Familie:

Wie groß soll der Christbaum heuer sein? Wer wünscht sich welches Geschenk? Was kochen für die Vegetarier, wenn alle anderen einen Karpfen serviert bekommen wollen? Wochenlange Organisation, hitzige Diskussionen und Stress - und dann hängt am Heiligen Abend der Haussegen erst recht wieder schief. Aber ist das wirklich immer so? "Es gibt für Österreich de facto keine Studien oder Daten, die mehr Krisen und Streit in der Familie um die Weihnachtszeit belegen," erklärt Rudolf Karl Schipfer vom Österreichischen Institut für Familienforschung.

Allerdings, so der Wissenschaftler, gebe es Hinweise von der Polizei, der Telefonseelsorge, Sozialarbeitern oder ähnlichen Institutionen, die bestätigen, dass das Konfliktpotenzial innerhalb der Familie zu dieser Zeit höher ist als sonst. Friede, Freude und eine vereinte, glückliche Familie – das sind die Erwartungen. Andererseits bedeutet dieses Fest auch Stress haben und tausend Dinge erledigen zu müssen.

"Die lange Vorbereitungszeit endet dann oft damit, dass am 24. Dezember Bing Crosby [nachträgliche Korrektur] läuft aber jeder geladen ist, weil irgendetwas nicht funktioniert," erklärt Schipfer. Die Konsequenz: Nicht jeder frisst das in sich hinein, manche werden aggressiv, andere schlagen gleich zu. Der Wissenschaftler glaubt aber, dass dieses Problem kein "weihnachtsspezifisches" ist. Der individuelle Stress zu Geburtstagen, Hochzeiten oder ähnlichen Anlässen sei vermutlich genauso groß. "Trotzdem fragt sich jeder ob es nun zu Weihnachten mehr Streit in der Familie gibt, oder nicht – und jedes Jahr tappen wir im Dunkeln weil es noch niemand richtig erforscht hat."

4.) Der Weihnachtsmann hat das Christkind verdrängt:

"Blödsinn", meint Johannes Ketzer, externer Lehrbeauftragter der katholisch-theologischen Fakultät in Wien. Seiner Meinung nach verschwindet das Christkind nicht – und wird auch nicht vom Weihnachtsmann verdrängt.

Der Verein "Pro-Christkind" sieht das naturgemäß anders: Obmann Christoph Dschaikner glaubt fest daran, dass dieses "Symbol unserer heimischen Kultur" nicht in Vergessenheit geraten darf. Seit elf Jahren versuchen er und seine Kollegen "Bewusstsein für dieses Problem zu schaffen."

Ketzer hingegen attestiert, "dass die Geschichte von Medien und US-Filmen, in denen der Weihnachtsmann präsent ist, einfach hochgespielt wird." Er glaubt nicht, dass es in der Bevölkerung richtigen Widerstand gegen den Weihnachtsmann gibt.

5.) Über Weihnachten nehmen wir zu:

"Es gibt keine Studien, die das belegen," meint dazu Alexa Meyer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ernährungswissenschaften. Feiertage wie Weihnachten werden bei Erhebungen oft sogar ausgelassen, da sie nicht repräsentativ für das generelle Essverhalten sind. Meyer hegt aber Zweifel, dass viele Menschen genau über Weihnachten zunehmen.

Den Winterspeck bestreitet sie aber nicht: "Es ist schon so, dass gerade im Winter die Leute weniger Sport betreiben und auch zunehmen," so die Wissenschaftlerin. Generell unterliege das Essverhalten aber vielen Schwankungen. An manchen Tagen essen viele gar nichts, an anderen dafür mehr – genau das könne aber ein gesunder Körper auch wieder ausgleichen.

Christine Baumgartner, science.ORF.at

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