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Stubacher Sonnblickkees

Tauerngletscher schrumpften heuer weniger

Seit sechs Jahren verfolgt der Salzburger Glaziologe Heinz Slupetzky in einem "Tagebuch" den Zustand der Tauerngletscher. Sein Resümee für heuer: Während kleine hochgelegene Gletscher in den Hohen Tauern positive Massebilanzen hatten, schrumpften die großen und tief hinabreichenden Gletscher. Die Verluste waren aber weit geringer als im Rekordjahr 2003, schreibt Slupetzky in einem Gastbeitrag.

Gletschertagebuch 2009 26.12.2009

2009 geringerer Massenverlust

Von Heinz Slupetzky

Porträtfoto Heinz Slupetzky

Universität Salzburg

Heinz Slupetzkywar jahrelang Professor am Institut für Geografie der Universität Salzburg und ist seit Ende 2004 im Ruhestand. Er setzt seine Gletscherforschung an der Alpinstation Rudolfshütte des Hydrographischen Dienstes des Landes Salzburg fort.

Im ersten Teil des Gletschertagebuches vom Juli wurde die Winterbilanz bei den Gletschern in den Hohen Tauern als günstig beurteilt. Unter der Voraussetzung, dass der Sommer nicht zu heiß werden würde, war von möglichen positiven Bilanzen von Gletscher in höheren und mittleren Lagen die Rede.

Vor allem aber wurde ein extremer Massenverlust der Alpengletscher mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen.

Die Situation vor dem Sommer

Zur Erinnerung: Das im Hochgebirge schneereiche Frühjahr mit häufigen Neuschneefällen im Mai und Juni hatte zu einer günstigen Ausgangssituation geführt. Mitte Juni lag an der Pasterzenzunge die Grenze zwischen dem Zehrgebiet mit Blankeis und dem Nährgebiet mit Altschnee erst am Fuß des Hufeisen-Eisbruches.

Im Juli gab es in Österreich zwar teilweise Temperaturrekorde (ZAMG), aber die Auswirkungen auf die Gletscher wurden gebremst. Der Grund waren die Kaltlufteinbrüche. Im Gebirge schneite es, die Abschmelzung der Gletscher wurde jedes Mal unterbrochen. Am Stubacher Sonnblickkees lagen am Gletscherende am 1. August immerhin noch 90 Zentimeter Altschnee.

Das Obersulzbachkees bei der Kürsingerhütte (Venedigergruppe) am 22. Juli 2009

Heinz Slupetzky

Das Obersulzbachkees bei der Kürsingerhütte (Venedigergruppe) am 22. Juli 2009: Die (Alt-)Schneegrenze liegt noch tief.

Die Abschmelzung im Sommer

Das Nährgebiet des Stubacher Sonnblickkeeses am 1.9. 09.  Der Gletscher ist weniger stark ausgeapert als im Vorjahr.

Heinz Slupetzky

Das Nährgebiet des Stubacher Sonnblickkeeses am 1.9. 09. Der Gletscher ist weniger stark ausgeapert als im Vorjahr.

Waren die Bedingungen zunächst „gletschergünstig“ gewesen, so kehrte sich das Wettergeschehen in Bezug auf die Gletscher im August um. Die Temperaturen lagen bei der Wetterstation Rudolfshütte um 2,5 Grad Celsius und am Rauriser Sonnblick um 2,4 Grad Celsius über dem langjährigen Durchschnitt (ZAMG). Kein einziger Schneefall unterbrach die Ablation.

Nicht so im September. Die Schneefälle in der ersten Monatshälfte waren dafür verantwortlich, dass die Abschmelzung unterbrochen wurde. Das schöne Hochdruckwetter jedoch in der zweiten Monatshälfte führte dazu, dass das Monatsmittel der Temperatur um ein bis zwei Grad Celsius zu hoch war. Daher ging die Abschmelzung an den Gletschern weiter und setzte sich sogar bis in den Oktober hinein fort.

Erst der Wintereinbruch zwischen 11. und 19. Oktober mit über einem Meter Neuschnee auf den Gletschern der Hohen Tauern beendete das Haushaltsjahr.

Nur gering negative Massenbilanz des SSK

Das Stubacher Sonnblickkees hatte schlussendlich eine gering negative Massenbilanz: Es verlor nur 300.000 Kubikmeter an Masse, das sind gut ein Viertel Meter Eis gemittelt über den ganzen Gletscher (1,25 Quadratkilometer). Das Zungenende schmolz minus 15 Meter zurück (Alpenvereinsmessnetz), das ist der höchste jährliche Rückgang der 50-jährigen Messreihe!

Der neue „Unterer Eisboden-See“ wird immer größer

Heinz Slupetzky

Der neue „Unterer Eisboden-See“ wird immer größer

Beim Sonnblickkees setzte sich die Entstehung eines neuen Sees fort. Der Gletscher beginnt in den See zu kalben (Das Abflussgeschehen wird vom Hydrographischen Dienst Salzburg an Messstationen registriert). Die seit Jahren andauernde Unterhöhlung und der Zerfall des Gletschers waren auch heuer wieder zu beobachten.

Eiszerfall, Unterhöhlung und Zusammenbrechen des Gletschers

Heinz Slupetzky

Eiszerfall, Unterhöhlung und Zusammenbrechen des Gletschers

Seit zwölf Jahren gab es beim Sonnblickkees kein Jahr mehr mit einem Massenzuwachs. Das heurige Jahr hat den Massenverlust des Sonnblickkeeses seit 1982 nicht entscheidend gebremst.

Die Schwankungen der jährlichen Bilanzen des Sonnblickkeeses

Grafik: Heinz Slupetzky

Die Schwankungen der jährlichen Bilanzen des Sonnblickkeeses (in Millionen Kubikmeter)

Unterschiedliche Bilanzen der Gletscher

Bei den Längenmessungen am St. Sonnblickkees

Heinz Slupetzky

Bei den Längenmessungen am St. Sonnblickkees

Es gibt verschiedene Faktoren, die Gletscherbilanzen unterschiedlich ausfallen lassen. Die Neuschneefälle in den Hohen Tauern im September waren gegen Westen (Ötztaler Alpen) geringer, sodass die Abschmelzung nicht unterbrochen wurde. Der Hintereisferner verlor über den ganzen Gletscher gerechnet über einen Meter, der Kesselwandferner über einen halben Meter (Institut für Meteorologie und Geophysik, Uni Innsbruck) Eis.

Bei den Kaltlufteinbrüchen von N bis NW erhält die Pasterze durch die Lee-Lage im Bezug auf den Alpenhauptkamm weniger Niederschläge, dazu kommt noch die Größe, d.h. die lange, tief herabreichende Gletscherzunge, die „immer schlechter ernährt wird“. Die Pasterze hatte eine deutlich negative Bilanz ähnlich wie im Vorjahr, wie das aus den Messergebnissen des Instituts für Geographie der Uni Graz (durch G. K. Lieb) hervorgeht. Das mittlere Einsinken der Pasterzenzunge von minus 4,0 Meter war gleich wie 2008.

Die vorsichtige „Prognose“ im ersten Gletschertagebuch war in der Größenordnung richtig. Kleine hochgelegene Gletscher in den Hohen Tauern hatten positive Bilanzen, solche in mittlerer Höhenlage mehr oder weniger ausgeglichene und große Gletscher mit tief hinabreichenden Zungen negative Haushalte; letztere waren weit entfernt von den Rekordverlusten im Jahr 2003.

Der Schlusssatz im ersten Gletschertagebuch 2009 hatte „einschränkend“ festgestellt: „Erst nach der sommerlichen Abschmelzzeit wird der Glaziologe endgültig Bilanz ziehen“.

Mehr zu dem Thema:
Gletschertagebücher 2003 bis 2008 von Heinz Slupetzky