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Eine Frau betrachtet ein Bild, auf dem zwei küssende Frauen zu sehen sind.

Gibt es doch keinen G-Punkt?

Seit seiner "Entdeckung" gilt der G-Punkt in der Anatomie als umstritten. Die Lustzone der weiblichen Vagina ist nur schwer zu lokalisieren. Die bisher größte Studie kommt nun gar zu dem Schluss, dass es ihn gar nicht gibt.

Sexualwissenschaft 04.01.2010

Laut einer Gruppe von Forschern und Forscherinnen um Tim Spector vom King's College in London ist der G-Punkt eher das Produkt einer Einbildung, die durch Sextherapeuten und einschlägige Magazine zustande gekommen ist. Ihre Studie erscheint diese Woche im "Journal of Sexual Medicine"

Laut Zwillingsforschung bloß "subjektive Idee"

Gräfenberg-Punkt
Der G-Punkt wurde nach dem deutschen Gynäkologen Ernst Gräfenberg benannt. 1950 hat er ein Lustzentrum in der vorderen Scheidenwand der Frau beschrieben, dessen Stimulierung zu besonders intensiven Orgasmen führen kann. Jahrzehnte später wurde dieser Bereich zu Ehren Gräfenbergs als "G-Punkt" bezeichnet.

Die Forscher haben die Aussagen von 902 weiblichen Zwillingspaaren im Alter von 23 bis 83 Jahren per Fragebogen ausgewertet. Darunter waren sowohl eineiige als auch zweieiige Zwillinge.

Besonders die Antworten der ersteren, die über die gleichen Gene verfügen, waren für die Forscher interessant: Wenn eine der beiden Frauen nach Eigenaussage über einen G-Punkt verfügt, sollte das auch für die Zwillingsschwester gelten. Einen solchen Zusammenhang konnten die Forscher aber nicht entdecken.

"Wir haben die bisher umfangreichste Studie zu dem Thema gemacht", erklärte Tim Spector in der "Sunday Times". "Sie zeigt schlüssig, dass die Idee des G-Punkts eine subjektive ist."

Frauen das "Unvollständigkeitsgefühl" nehmen

Während etwas mehr als die Hälfte aller Frauen insgesamt angab, über einen G-Punkt zu verfügen, galt dies eher für die Jüngeren und eher für die sexuell Aktiven. Eineiige oder zweieiige Zwillinge unterschieden sich nicht in ihren Aussagen.

Die Studienleiterin Andrea Burri betonte die Wichtigkeit, Frauen das "Unvollständigkeitsgefühl" zu nehmen, die keinen G-Punkt bei sich selbst ausmachen können.

"Es ist ziemlich unverantwortlich, die Existenz von etwas anzunehmen, das in Wirklichkeit niemals bewiesen wurde und sowohl Frauen als auch Männer unter Druck setzt."

Kritik an der Studie

Nicht einverstanden mit den Ergebnissen der Studie ist Beverley Whipple. Die mittlerweile emeritierte Sexualwissenschaftlerin von der Rutgers University in New Jersey hat in den 1980er Jahren mit Büchern und Studien erheblich dazu beigetragen, den G-Punkt zu popularisieren.

Die aktuelle Studie sei mangelhaft, da sie weder die Erfahrungen von bisexuellen und lesbischen Frauen noch verschiedene Sexualpraktiken berücksichtige. Das größte Problem sieht Whipple aber darin, dass Zwillinge in der Regel nicht den gleichen Sexualpartner haben - und der sei für das reale Lusterleben nicht unmaßgeblich.

Mit der Studie ist die Diskussion um Existenz und Sitz des G-Punkts mit Sicherheit noch nicht vorbei. Das "Journal of Sexual Medicine" will in naher Zukunft eine Reihe von Pro-und-Contra-Artikeln bringen. In einer vor zwei Jahren erschienen Studie der gleichen Fachzeitschrift wurde die Existenz des G-Punkts mit Hilfe von Ultraschall-Aufnahmen bereits "bewiesen".

science.ORF.at

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