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Der vom Aussterben bedrohte Baumfrosch Ecnomiohyla rabborum aus Panama.

Die Letzten ihrer Art

Die UNO hat 2010 zum "Jahr der Biodiversität" ausgerufen. Viele Tier- und Pflanzenarten sind bereits für immer von der Erde verschwunden, von anderen existieren nur noch wenige Exemplare. Jede Art hat dabei ihre eigene Geschichte.

Biodiversität 11.01.2010

Per Anhalter zu selten Arten

Der Schriftsteller Douglas Adams ist in erster Linie für seine Romanserie „Per Anhalter durch die Galaxis“ bekannt. In den achtziger Jahren reiste er jedoch mit dem Zoologen und Naturfotografen Mark Carwardine um die Welt, um einige der letzten Individuen gefährdeter Tierarten zu besuchen. Entstanden ist dabei das Buch „Last Chance to See“.

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2010 zum internationalen Jahr der Biodiversität erklärt. Der offizielle Auftakt dazu erfolgt bei einer Festveranstaltung am 11. Jänner 2010 in Berlin.

Radio Österreich 1 und science.ORF.at begleiten das Jahr der Biodiversität mit Schwerpunkten.

Webseite der UN zum internationalen Jahr der Biodiversität

Unter den Hauptdarstellern: Der Komodowaran – laut Adams und Carwadine das Lebewesen mit dem übelsten Mundgeruch – und das Weiße Nashorn, von dem es damals nur noch circa 30 Exemplare gegeben hat.

Die beiden Autoren haben für die Reise selbst einige lebensgefährliche Risiken auf sich genommen. Etwa die wagemutige Fahrt im Land Rover eines Ornithologen auf Mauritius. Der am Steuer sitzende Wissenschaftler habe sich für Gespräche lieber den Gästen auf der Rückbank zugewandt als der Straße vor ihm.

Tod durch Autoreifen

Dass Autofahren tödlich sein kann, weiß man. Und ein Fahrzeug wurde auch einer bis vor nicht allzu langer Zeit am Bodensee heimischen Pflanze zum Verhängnis. Der Bodensee- oder amphibische Steinbrech (PDF) besiedelte dessen Ufer.

Der Wasserstand des Sees schwankt zwischen Sommer und Winter um bis zu eineinhalb Meter. An den jährlich dadurch frei werdenden nährstoffarmen Kiesstränden hatte sich der amphibische Steinbrech breitgemacht. Er war eine sogenannte endemische Art, die nur am Bodensee wuchs.

Als jedoch die Ufer zunehmend verbaut wurden, verlor die Pflanze an Lebensraum. Das letzte Exemplar am österreichischen Bodenseeufer sei in den sechziger Jahren von einem Lastwagen überrollt worden, sagt der Vegetationsökologie Georg Grabherr vom Zentrum für Biodiversität der Universität Wien. Man habe es einfach verabsäumt, die Pflanze zu schützen.

Gerettetes Eiszeitrelikt

Blühendes Bodensee-Vergissmeinnicht zwischen Steinen.

UMG

Bodensee-Vergissmeinnicht

Mehr Glück hatte das Bodensee-Vergissmeinnicht. Auch diese Pflanze lebt ausschließlich am Bodenseeufer. Der Bestand habe sich jedoch durch Schutzmaßnahmen und Gewässerschutz von einigen hundert Exemplaren in den achtziger Jahren auf heute circa 100.000 erholt. „Die Strände sind Ende April wieder blau“, sagt Grabherr.

Früher sei der Lebensraum des Bodensee-Vergissmeinnichts noch größer gewesen, sagt Markus Grabher, der mit seinem Umweltbüro die endemischen Arten des Bodenseeufers beobachtet. Nach der letzten Eiszeit habe die Pflanze noch viele ähnliche Lebensräume wie jene Kiesstrände vorgefunden, die sie heute besiedelt. Die Flächen verschwanden jedoch über die Jahrtausende, heute ist die Pflanze ein Relikt der Eiszeit. Die meisten Alpenseen seien nun zudem reguliert. Dadurch schwankt der Wasserpegel nicht mehr so stark wie am Bodensee, der als letzter Rückzugsraum geblieben ist.

Sterben in der Antike

Der älteste nachgewiesene Fall einer vom Menschen ausgerotteten Pflanze spielte sich jedoch bereits in der Antike ab. Das Silphium, war eine damals sehr beliebte Gewürz- und Heilpflanze. Sie wuchs in Libyen und war ein wichtiges Exportgut. Die Pflanze wurde sogar auf Münzen abgebildet. Doch die starke Nachfrage wurde der Pflanze zum Verhängnis.

Laut Monika Kiehn vom Institut für Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik der Universität Wien hat Plinius der Ältere die Habgier des Menschen für das Aussterben verantwortlich gemacht. Kaiser Nero soll das letzte Exemplar der bedeutenden Pflanze erhalten haben.

Auch heute stehen beliebte Heilpflanzen unter Druck, sagt Michael Kiehn, der Leiter des Departments für Biogeographie am Zentrum für Biodiversität der Uni Wien. Dies betreffe vor allem Arten, die in der fernöstlichen Medizin seit langem verwendet und im Westen gerade neu entdeckt werden. So sei etwa die indische Narde seit der Antike im Handel, ist nun aber gefährdet.

Schätzen und Hochrechnen

Ab wann aber gilt eigentlich eine Art als ausgestorben? Es könnte doch sein, dass sie irgendwo noch existiert? „Für den amphibischen Steinbrech am Bodensee ist das klar. Der ist weg“, sagt Grabherr. Angeblich hätte es im Garten eines schwäbischen Lehrers noch ein Exemplar gegeben, doch das konnte nicht bestätigt werden.

Bedroht sind vor allem Arten, die nur in räumlich begrenzten Lebensräumen vorkommen. Weiter verbreitete Arten sterben oft nur lokal aus. „Die Pflanzen, die auf europäischer Ebene ausgestorben sind, kann man glücklicherweise an einer Hand abzählen“, sagt Grabherr. Ein alarmierendes Zeichen sei aber derzeit dennoch, dass immer mehr natürliche Lebensräume verschwinden. In den roten Listen bedrohter Arten der internationale Naturschutzorganisation IUCN stehen tausende Tiere und Pflanzen. Und der Katalog sei mangels Daten bei weitem nicht vollständig, schreibt die IUCN.

Wie viele Arten weltweit aussterben, kann nur geschätzt werden. Weiß man etwa welche Arten einen Lebensraum – zum Beispiel einen Regenwald oder eine typisch mitteleuropäische Landschaft – bewohnen, kann man hochrechnen, wie viel Biodiversität verloren geht, wenn Regenwälder gerodet werden oder wenn man von bestimmten Arten eines Lebensraumes weiß, dass sie ausgestorben sind, und man daher annimmt, dass auch andere Arten dieses Ökosystems verschwunden sein müssen.

Einst weg, heute wieder da

Immer wieder kommt es auch vor, dass Arten, die man für ausgestorben gehalten hat, wieder gefunden werden. Grabherr hat vor einiger Zeit die Kulturlandschaften Ostösterreichs untersucht. Ein an dem Projekt beteiligter Moosexperte der Uni Wien hat etliche dieser Pflanzen wieder entdeckt, die als verschwunden galten. Vor allem bei kleinen und unscheinbaren Arten werden Spezialisten immer wieder fündig.

Eine andere möglicherweise ausgestorbene Art, die derzeit gesucht wird, ist der Elfenbeinspecht. Er lebt (oder lebte) in den sumpfigen Wäldern um den Golf von Mexiko.

Zeichnung zweier zwischen Bäumen fliegender Elfenbeinspechte.

John A. Ruthven

Elfenbeinspechte

Der Vogel soll immer wieder gehört worden sein, vor einigen Jahren tauchte sogar ein verwackeltes Video auf. Ornithologen versuchen ihn Grabherr zufolge jedoch immer noch zu finden und ein eindeutiges Bild zu erhaschen.

Auch der chinesische Flussdelfin Baiji, der in Douglas Adams Buch vorkommt, galt aus ausgestorben – bis im Jahr 2007 ein Video von dem Tier auftauchte.

“Tot wie ein Dodo“

Zecihnung eines Dodos.

Oxford University Museum of Natural History

Dodo

Als definitiv von der Erde verschwunden gilt hingegen der Dodo, auch Dronte genannt. Er lebte auf Mauritius, jener Insel, auf der Douglas Adams in den achtziger Jahren gefährlich im Land Rover unterwegs war. Der flugunfähige Vogel soll zwar nicht gut geschmeckt haben, wurde aber dennoch von Seefahrern im 16. Jahrhundert gejagt, weil er leicht zu fangen war. Als sich Menschen auf Mauritius niederließen, nahmen sie dem Dodo zudem den Lebensraum. Auf der Insel eingeführte Schweine, Katzen und Affen gaben dem Tier den Rest, indem sie die Vögel und deren Eier aßen. Im Jahr 1681 soll zum letzten Mal ein Dodo gesehen worden sein.

Doch immerhin lebt der Dodo in der englischen Sprache weiter. Die Phrase “tot wie ein Dodo“ bedeutet, zweifelsohne nicht mehr am Leben oder aus der Mode zu sein. Zudem hat Lewis Carroll in seinem Kinderbuch „Alice im Wunderland“ den Vogel knapp 200 Jahre nach dessen Aussterben verewigt.

Tausende Dollar für eine Orchidee

Beim Dodo dauerte es also nur circa hundert Jahre vom Entdecken bis zum Aussterben. Dieses Schicksal teilen mit ihm auch heute noch viele Tier- und Pflanzenarten. Laut dem Botaniker Kiehn sind dafür auch Sammler verantwortlich, die neu entdeckte Arten ihr Eigen nennen wollen.

Für ein Exemplar einer Frauen- oder Venusschuh-Orchidee würden Sammler mehrere tausend Dollar bezahlen. „Hier gibt es spezielle Märkte. Sobald eine neue Art beschrieben wird, besteht schon die Gefahr, dass sie ausgerottet wird“, sagt Kiehn. Eine Kaktee der Gattung Turbinicarpus zum Beispiel sei erst in den neunziger Jahren entdeckt worden. Kurz danach war sie an ihren natürlichen Standorten ausgerottet.

Wenn Soldaten auf Tauben schießen

Foto einer Socorrotaube.

Tiergarten Schönbrunn

Socorrotaube

Viele Arten sind zwar in der Natur ausgestorben, jedoch leben noch einige Exemplare von ihnen in Tiergärten, wo sich Zoologen darum bemühen, die seltenen Tiere zu züchten und zu erhalten. Im Tiergarten Schönbrunn etwa beteiligt man sich an einem internationalen Projekt zur Socorrotaube. Ziel ist es wieder genügend Exemplare zu haben, um diese in ihrem Lebensraum aussetzen zu können.

Die Taube lebte auf der Pazifikinsel Socorro vor Mexiko. Nachdem dort ein Militärstützpunkt errichtet worden war, vertrieben sich die Soldaten die Zeit damit, auf die Tiere zu schießen, sagt Regina Pfistermüller, die Kuratorin für Artenschutz im Tiergarten Schönbrunn. Auf der Insel kommt die Taube daher heute nicht mehr vor.

Doch manchmal besteht für gefährdete Arten noch Hoffnung. So wie Douglas Adams seine Abenteuer auf Mauritius überlebt hat, erging es auch den vor zwanzig Jahren in seinem Buch beschriebenen Weißen Nashörnern und Komodowaranen. Sie stehen zwar nach wie vor auf den Roten Listen der IUCN, doch noch gibt es sie.

Mark Hammer, science.ORF.at

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