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Tauchboot "Trieste".

Der tiefste Tauchgang der Geschichte

Vor genau 50 Jahren haben der Schweizer Jacques Piccard und der US-Amerikaner Donald Welsh an Bord des Tauchbootes "Trieste" den Boden des Marianengrabens erreicht. Mit 10.916 Meter Tauchtiefe stellten die beiden einen neuen Weltrekord auf, der bis heute nicht überboten wurde.

Rekord-Jubiläum 22.01.2010

Die Tauchstelle befindet sich im südwestlichen Teil des Marianengrabens etwa 500 Kilometer südwestlich von Guam und 1.800 Kilometer östlich der Philippinen. Der Marianengraben ist eine Tiefseerinne, die sich durch das Abtauchen der älteren Pazifischen Erdpatte unter die jüngere Philippinische Platte bildete. Die tiefste bisher gemessene Meeresstelle befindet sich mit 11.034 Metern ebenfalls im Marianengraben – die Witjastiefe.

Tauchboote „Kaiko“ und „Nerus“

Erst 1995 erreichte das japanische Tauchboot "Kaiko" wieder eine ähnliche Tiefe im Marianengraben – allerdings unbemannt. Die „Kaiko“ sammelte Sedimentproben, auf aufgenommenen Bildern waren eine Seegurke, ein Ringelwurm sowie eine Garnele zu sehen. Jacques Piccard und Donald Welsh hatten 1960 berichtet, sie hätten bei der Annäherung an den Meeresboden einen Plattfisch ähnlich einer Scholle oder einem Heilbutt gesehen.

Zuletzt tauchte am 31. Mai 2009 die ebenfalls unbemannte "Nereus" zum sog. Challengertief ab und entnahm Bodenproben. Diese enthielten einzellige Lebewesen (Foraminiferen). Die Forscher fanden in den Sedimenten und auf den Videoaufnahmen der "Nereus" allerdings keine Hinweise auf andere Lebewesen. Bei diesem Tauchgang wurde eine Tiefe von 10.902 Metern angezeigt.

Bemannte Tauchfahrt der „Trieste“

Leutnant Don Walsh (U.S. Navy) und Jacques Piccard in der “Trieste”.

U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration (public domain)

Leutnant Don Walsh (U.S. Navy) und Jacques Piccard in der "Trieste".

Die „Trieste“ ist ein spezielles Tiefseetauchboot (Bathyskaph), das der Schweizer Physiker Auguste Piccard entwickelt hatte. Ein Bathyskaph besteht aus einer druckfesten Tauchkugel für die Besatzung und einem petroleum- bzw. benzingefüllten Auftriebskörper. Die Auf- und Abwärtsbewegungen des Bathyskaphen werden mittels Ballast gesteuert. Die „Trieste“ hatte etwa 16 Tonnen Eisenschrott als Ballast an Bord.

Auguste Piccards Tauchboot war in Italien hergestellt worden und 1953 vom Stapel gelaufen. Mit seinem Sohn Jacques tauchte er bereits in diesem Jahr im Tyrrhenischen Meer auf 3.150 Meter ab.

Die „Trieste“ wurde dann 1958 von der US-Marine übernommen. Sie kam bei verschiedenen Suchaktionen nach verschollenen Schiffen und U-Booten zu Einsatz.

Am 23. Jänner 1960 erfolgte schließlich der bemannte Rekordtauchgang auf 10.916 Meter im Marianengraben. Bis heute drang kein Mensch mehr in diese Tiefe vor. Mit an Bord war Jacques Piccard, der Sohn des Konstrukteurs. Die US-Marine wollte ihn ursprünglich nicht dabei haben, sondern zwei US-Amerikaner in die Tiefe schicken.

Schrecksekunde an Bord

In 9.875 Meter Tiefe vernahmen Piccard und Walsh plötzlich einen lauten, dumpfen Knall. Sie entschlossen sich aber weiter abzusteigen. Später stellten sie dann auf der Plexiglasabdeckung vor dem Bullauge viele kleine Risse fest, deren Entstehen offenbar den Knall verursacht hatte.

Um genau 13.06 Uhr schwebten sie schließlich nur mehr etwa vier Meter über dem Meeresgrund in Rekordtiefe. Die ursprünglich geplante Aufenthaltsdauer von 30 Minuten verkürzten sie wegen der Risse in der Plexiglasabdeckung auf 20 Minuten. Dreieinhalb Stunden später tauchten sie wohlbehalten wieder an der Meeresoberfläche auf.

Tauchboot “Trieste”: Ballaststoftank oben, Druckkammer für zwei Mann Besatzung, 1958-59.

U.S. Naval Historical Center (public domain)

"Trieste": Ballaststoftank oben, Druckkammer für zwei Mann Besatzung unten.

In 10.916 Metern Tiefe lastete auf der Trieste ein Druck von 1.170 bar. Dies entspricht dem 1.155-fachen des mittleren Luftdrucks auf Meereshöhe. Das Gewicht der Wassersäule über dem Boot betrug in etwa 40 Millionen Tonnen. Auf einen Quadratzentimeter der Außenhülle lastete eine Tonne Gewicht. Die Temperatur in der Druckkapsel war von 30 Grad Celsius am Anfang auf 1,8 Grad gesunken.

Auf- und Abstieg mussten problemlos verlaufen. Es gab kein Notprogramm für Problemfälle. Der Sauerstoff an Bord hätte für zwei Tage gereicht. Als Verpflegung hatten Piccard und Walsh 15 Tafeln Schokolade an Bord. Notverpflegung gab es keine, da dies nach Piccard keinen Sinn gehabt hätte.

Die Trieste befindet sich heute im Navy Memorial Museum in Washington D.C.

Lebensraum Tiefsee

Nahaufnahme der Druckkammer der „Trieste" für zwei Mann Besatzung.

U.S. Naval Historical Center (public domain)

Nahaufnahme der Druckkammer der "Trieste" für zwei Mann Besatzung.

Die Pioniertauchfahrt von Piccard und Walsh blieb bisher einzigartig. Die „Trieste“ fand noch einige Male Verwendung, um Wracks der US-Navy zu suchen. Es gab auch eine Nachfolgekonstruktion, die "Trieste II". Doch weitere bemannte Tauchfahrten in ähnliche Tiefe blieben bis heute aus. Der Wissensgewinn erschien im Vergleich zu den Kosten zu gering. Ross Saxon, der Pilot des Nachfolgerschiffes "Trieste II", meinte dazu: "Was wir daraus gelernt haben? Nicht viel, außer, dass wir es können. Es ist wie die Landung auf dem Mond. Wir haben es gemacht, warum sollten wir es noch einmal tun?".

Bis heute waren zwölf Menschen auf dem Mond, mehr als 4.000 Menschen auf dem Everest. Piccard und Walsh indes sind bis heute die einzigen Menschen, die 10.916 Meter in die Tiefsee getaucht sind.

Dabei ist die Tiefsee, der größte Lebensraum der Erde, erst zu etwa ein Prozent erforscht. Das Interesse an der Erforschung der Tiefsee verstärkt sich aber in den letzten Jahren wieder. Einflüsse der Tiefenströmungen auf das globale Klima sowie vermutete Gas- und Rohstoffvorkommen haben das Interesse wieder geweckt. Nach dem unbemannten Tauchgang der US-amerikanischen "Nereus" zum sog. Challengertief im Mai 2009 plant Russland für 2012 eine bemannte Expedition in die Tiefe.

Manfred W.K. Fischer, freier Journalist

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