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Coverbild des Buchs "Unheimliche Nachbarschaften": Graf Georg von Rosen - Adolf Erik Nordenskjöld, 1886

Es war einmal: Der kalte Blick der Avantgarde

Während es heute eher die Klimaerwärmung ist, die die Fantasien zur Zukunft der Erde beflügelt, war es vor 100 Jahren eine vermeintlich bevorstehende neue Eiszeit. Vertreter der Avantgarde wie Bert Brecht und Ernst Jünger sangen Loblieder auf Eis und Schnee. Statt menschlicher Wärme priesen sie die Vorzüge von kaltem Blick und kühlem Kopf.

Kulturwissenschaft 22.01.2010

Dem Kälte-Kult der Intellektuellen im frühen 20. Jahrhundert widmen sich zwei Aufsätze, die vor kurzem in einem Buch des Kulturwissenschaftlers Helmut Lethen erschienen sind. Der Kult fand mit den Nazis ein jähes Ende. Sie zeigten, was wahre Kälte bedeutet, wie Lethen in einem science.ORF.at-Interview ausführt.

science.ORF.at: Sehen Sie Parallelen zwischen der schaurig-faszinierenden Vorstellung einer bevorstehenden Eiszeit vor 100 Jahren und den heutigen Warnungen vor der Erderwärmung?

Porträtfoto des Kulturwissenschaftlers Helmut Lethen

Marcus Werres

Helmut Lethen ist Professor em. für Neuere deutsche Literatur und Direktor des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften in Wien. Davor war er Professor an der Universität Rostock.

Helmut Lethen: Eine schwierige Frage. Im Laufe der Kulturgeschichte haben sich Erzählungen des Untergangs der Welt in Zuständen extremer Kälte oder explosiver Wärme immer wieder abgelöst. Für mich ist v.a. interessant, inwiefern sich die wissenschaftlichen Prognosen nicht von den Mythen des Untergangs lösen.

Das war auch im 19. Jahrhundert der Fall, als man Existenz und Zeiträume der Zwischeneiszeiten bereits kannte und wusste, dass eine Senkung der Temperatur um fünf Grad zur Eiszeit führen konnte. Dennoch gab es um 1900 die Vorstellung einer arktischen Kälte, die quasi über Nacht eintreten sollte. Die Eiszeit war die beliebteste Untergangsvision in Literatur und Wissenschaft um 1900, man hat das kombiniert mit dem Eintreffen des Kometen Haley, den man 1912 erwartete. Die Klimaprognosen blieben eingebettet in Imaginationsräume und Mythen. Das ist bei der Eiszeit der Fall gewesen, und das ist auch bei der Klimaerwärmung so.

Schauen Sie sich z.B. die großen Performances von Al Gore an. Er versteht es außerordentlich geschickt, Mythen ins Spiel zu bringen, um die Klimakatastrophe vorstellbar zu machen. Vermutlich sind wir immer gezwungen, auf Mythen zurückzugreifen, um Untergangsvisionen plastisch zu beschreiben. Das sagt noch gar nichts aus über die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens.

Warum haben sich die Intellektuellen vor hundert Jahren der Kältemetapher so gerne bedient, was hat sie an der Kälte so fasziniert?

Der Kälte-Topos ist außerordentlich strapazierfähig. In ihm kreuzen sich mindestens vier wichtige Geschichten, die sehr alt sind und im 19. Jahrhundert zusammenkommen. Die erste ist die Erzählung von der "transzendentalen Obdachlosigkeit": die plötzliche Erfahrung, dass der Himmel mit seinen Göttern keine Schutzschicht mehr bildet, die uns von der Kälte des Weltalls abtrennt.

Radio-Hinweis

Dem Thema widmet sich auch ein Beitrag in den Ö1 Dimensionen am Freitag, 22.1.10, 19.05 Uhr in Radio Österreich 1.

Die zweite Geschichte ist die der "sozialen Entfremdung": Man hat sich Gemeinschaften immer als symbiotische Einheiten vorgestellt, im Kern als Verhältnis von Mutter und Kind. Die Trennung aus dieser Gemeinschaft wurde als Kälteschock erfahren. Die dritte ist die vom "Eindringen des Rationalismus": Die Arbeit des Verstandes, dessen Leistung es ist, Mythen zu entzaubern, wird als Eintritt größerer Kälte beschrieben.

Diese drei Geschichten trafen auf die Eiszeitforschung, die mit der Gletscherlehre von Horace-Benedict de Saussure im 18. Jahrhundert in der Schweiz begonnen hat, und verschmelzen mit ihr. Und dann kommt noch ein "Beweismittel" hinzu: Der zweite Satz der Wärmelehre wird sofort so missverstanden: Die ganze Welt sollte in arktische Kälte sinken, die Menschheit in einen Zustand vereister Klumpen taumeln.

Cover des Buchs "Unheimliche Nachbarschaften" von Helmut Lethen

IFK, Rombach Verlag

Das Buch "Unheimliche Nachbarschaften. Essays zum Kälte-Kult und der Schlaflosigkeit der Philosophischen Anthropologie im 20. Jahrhundert" von Helmut Lethen ist im Verlag Rombach in der edition parabasen des IFK erschienen.

Eine Vorstellung, die auch Spötter auf den Plan rief?

Es gibt einen wunderbaren Briefwechsel von Karl Marx und Friedrich Engels, worin sie die Popularität des 2. Satzes der Wärmelehre kommentieren. Beide sind damals in England und schreiben: Auf dem Kontinent haben sie jetzt eine neue Mythologie entdeckt, endlich wissen sie, wo die Geschichte hinführt, nämlich in die endgültige Eiszeit. Marx und Engels spotten darüber : Jetzt haben die Bürger wieder einen eigenen Mythos und können vergessen, dass es ihre eigene Ökonomie ist, die, wie es im kommunistischen Manifest heißt, die Welt mit dem „eiskalten Wasser der Berechnung“ überspült und keine einzige ökologische Nische verschonen wird.

Neben dem Schauer beschreiben Sie in Ihrem Buch auch die Faszination, die die Kälte von der Romantik bis zum Fin de Siecle ausgeübt hat. Dabei verweisen Sie immer wieder auf Friedrich Nietzsche: Ist er der Ahnherr dieser Faszination?

Ja und nein. Ich habe v.a. die Funktion des Kältekults bei den Avantgardisten zwischen 1910 und 1930 untersucht. Für sie ist Nietzsche eine Wahrnehmungsschule. Es stimmt auch, dass Nietzsche den Habitus der Kälte preist: Wir müssen uns aus den „Sciroccowinden der bürgerlichen Tugenden“ heraus bewegen. Das Klima des „Freigeistes“ ist die Kälte. Aber das ist nur der halbe Nietzsche. Wir finden bei ihm genauso gut Lobgesänge auf die Möglichkeit, den Rationalismus der Kälte fahren zu lassen, sich stattdessen warm zu tanzen. Die Avantgardisten lasen Nietzsche, um Entscheidungsmotive zu bekommen: Wer sich entscheiden will, muss die Dinge unterkomplex sehen. Deshalb haben sie Nietzsche nur zur Hälfte wahrgenommen, nur als Kältefreak.

Einer davon war Bert Brecht ...

Brecht war einer der intensivsten Nietzsche-Leser. Er übernimmt von ihm viele Kältemomente, so seinen Wahlspruch: Wenn wir lernen wollen, müssen wir eine Wegstrecke durch die Kälte zurücklegen. Den Frierenden ist die Kälte noch einmal zu demonstrieren, damit sie die Freiheit in der Kälte ihrer Entscheidungen finden können.

Was bedeutet das konkret politisch, was Brecht ja wichtig war?

Auf der einen Seite gibt es bei ihm pathetische Freiheitsgesänge auf die Kälte, die an Nietzsches Zarathustra erinnern. Er hat die Kältemetapher aber auch ins Politökonomische übersetzt: Der Klassenkampf findet bei ihm auf dem Niveau des Gletschers statt. Man muss ihm zufolge auf diesen Gletscher gehen, wenn man überhaupt auf die Dauer in wärmere Zonen gelangen will. Wobei ihn die Wärmezonen nicht besonders interessieren, Utopien waren nichts für ihn. Aber - und das ist das Thema der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe": Du musst den Mut haben, die Schneefälle der Klassenkämpfe zu betreten, und darfst dich nicht ablenken von den kleinen Lagerfeuerchen des Humanismus, sondern da musst du durch.

Für "menschliche Wärme" ist da kein Platz?

Brecht glaubte, dass sich in den Kollektiven des Proletariats eine neue Qualität des Menschseins herausbilden würde. Humanität und Kälte waren für ihn dabei keine Gegensätze. Im Gegenteil: Der Mensch muss sich als Freier im Medium der Kälte erst beweisen. Denn wer in der Wärme der Symbiosen von Gemeinschaft bleibt, bleibt für ihn ewig dumm. Der Mensch ist für Brecht von Natur aus auf das Klima der Kälte eingerichtet, und diese Herausforderung muss er akzeptieren, alles andere ist Eskapismus, Regression.

Darin ist Brecht dem politisch ganz anders gepolten Ernst Jünger ziemlich ähnlich.

Ja, beide haben auch gemeinsame Quellen. Ernst Jünger schreibt in "An der Zeitmauer": "Das Eis war einer unserer großen Lehrmeister …Es hat unseren ökonomischen, technischen, moralischen Stil bestimmt.“ Aber Jünger ist weniger konsequent als Brecht. Er braucht die tellurischen Feuer, um seine Kriegsbilder anzuheizen. Er kommt nicht ohne eine Ästhetik der Hitze aus, die man bei Brecht nicht findet.

Wenn man an die Kälte des Nationalsozialismus denkt: Hat sich die Avantgarde nicht ziemlich die Hände verbrannt mit ihrem Faible für die Kälte?

In dem Augenblick, als es mit den Nazis ein Regime gibt, das an Kälte nicht zu übertreffen ist - bei gleichzeitiger Wärmetheorien der völkischen Gemeinschaft -, erlischt die Faszination für die Kälteszenarien in der Avantgarde. Das merkt man auch bei Brecht und Jünger. Nach 1933 tritt eine Art humanistische Wende ein, die Avantgardisten beginnen ihre Kältefantasien als Kinderspielereien zu begreifen, und sich vor der realen Kälte zu erschrecken.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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