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Alltag als politischer Kampfplatz

Die kleinen Dinge des Alltags führten in Wissenschaft und Philosophie lange ein Schattendasein. Erst im 20. Jahrhundert wurden sie als Teil der Theorie anerkannt - das hat zu einer Politisierung des Alltäglichen geführt, wie die Wiener Politikwissenschaftlerin Brigitte Bargetz in einem Gastbeitrag ausführt.

Gesellschaft 23.01.2010

Banalität des Alltäglichen

Von Brigitte Bargetz

Der Alltag gilt oftmals als das Banale, Unbedeutende und Bekannte. Alltäglich ist das, was nicht außergewöhnlich, sondern herkömmlich, nicht besonders, sondern mittelmäßig, nicht aufregend, sondern langweilig ist. Dies macht nicht zuletzt die Werbung immer wieder deutlich, wenn sie zur „Flucht aus dem Alltag“ aufruft und mit Bildern einsamer Sandstrände oder erklommener Berggipfel ein Entkommen aus dem Trott des Alltags verheißt.

Kein Teil der Politik

Brigitte Bargetz

IFK

Brigitte Bargetz ist Politikwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte in Wien und Graz. Sie schreibt an ihrer Dissertation am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und ist derzeit IFK_Junior Fellow.

Am Montag, den 25.1.10 hält sie am IFK Wien den Vortrag "Alltag - modischer Begriff oder politischer Kampfplatz?"

Neben dieser Rede vom Öden und Trostlosen findet der Alltag in manchen Diskursen auch anders Gehör. Die Forderung, das Alltagsleben und damit die alltäglichen Ängste und Sorgen der Menschen ernst zu nehmen, zeichnet vor allem politische Debatten aus. Darin wird Politikerinnen und Politikern vorgehalten, in ihren Programmen und Agitationsformen den Bezug zum alltäglichen Leben aus den Augen zu verlieren und Politik jenseits der konkreten Bedürfnisse der Menschen zu machen. Alltag ist dann – so die Kritik – kein Teil von Politik.

Schauplatz in der Wissenschaft?

Und wie steht es um den Alltag in den Wissenschaften? Ein erster Blick auf die Wissenschaftsgeschichte lässt analog zur Trennung von Alltag und Politik eine Trennung von Alltag und Wissenschaft vermuten. Alltag galt auch hier lange Zeit als gewöhnlich und unbedeutend. Henri Lefebvre, Verfasser der dreibändigen Kritik des Alltagslebens (1947, 1961, 1981) merkt an, dass die Philosophie seit Platon in einem negativen Verhältnis zum Alltagsleben stand. Denn die Philosophie galt als eine besondere, der Muße zuzurechnende Tätigkeit, die sich gerade vom Alltagsleben abhob. Auch die Geschichtswissenschaft befasste sich nur selten mit den Dingen und Ereignissen des täglichen Lebens. Archiviert, katalogisiert und zur Erzählung ausformuliert wurden bis ins 20. Jahrhundert vor allem die „großen Ereignisse“, die Kriege und Eroberungszüge, mit ihren Herrschern, Feldherren und Staatsmännern.

Wider die "Eliten"

Seit dem 20. Jahrhundert hat der wissenschaftliche Blick zunehmend auch den Alltag ins Visier genommen. Bereits Georg Simmel wies 1900 in seiner Philosophie des Geldes darauf hin, dass die Transformationen der Moderne umfassende Veränderungen in jedem Partikel des täglichen Lebens bewirken, die es zu untersuchen gilt. Ebenso zeichnen sich die Anfänge der (britischen) Cultural Studies in den 1950er Jahren durch eine Hinwendung zum Alltag aus. So sollte Wissenschaft nicht nur Hochkultur, sondern vielmehr auch Alltagskultur in den Blick nehmen. Raymond Williams prägte hierfür den Ausdruck von Kultur als „a whole way of life“. Und auch in der sich in den 1970er Jahren etablierenden Alltagsgeschichte wurde moniert, dass Geschichte nicht nur „von oben“, sondern auch in den alltäglichen Tätigkeiten „gemacht“ werde. Damit insistierte die Alltagsgeschichte darauf, die tätigen Menschen als Teil ihrer eigenen Geschichte in die Historiografie mit ein zuschließen.

"The Personal is Political"

Der Slogan „Das Persönliche ist politisch“ eröffnete in den 1960er und 1970er Jahren die feministische Auseinandersetzung mit dem Alltag. Damit wurde erstens die Trennung von Alltag und Wissenschaft kritisiert, da dadurch die alltäglichen Erfahrungen und Lebenswelten von Frauen in wissenschaftlichen Forschungen großteils ausgeblendet wurden. Zweitens wurde auch die Trennung von Alltag und Politik kritisiert. Mit dem Verweis auf Ehegesetze oder Abtreibungsregelungen wurde deutlich gemacht, dass das Alltagsleben nicht jenseits von Politik und Staat steht, sondern dadurch auch bestimmt wird. Alltag erwies sich damit als weder banal und unbedeutend noch als eine Sphäre jenseits von Politik.

Politisierung des Alltags

Wenn der Slogan, dass das Persönliche politisch ist, nicht als vermodertes Relikt aus der Mottenkiste der 1970er Jahre beiseite geschoben, sondern ernst genommen und Alltag entsprechend als politischer Kampfplatz verstanden wird, ergeben sich folgende Fragen:

Was sind die aktuellen politischen und ökonomischen Bedingungen, die das alltägliche Leben, die alltäglichen Denkmuster und Handlungsweisen prägen? Wie etwa wirken sich die Erosion sozialstaatlicher Einrichtungen oder Veränderungen der Arbeitswelt durch Prekarisierung aus? Und wie verändert sich das alltägliche Leben angesichts allgegenwärtiger Aufforderungen wie jener zur Selbstverantwortung oder zum „lebenslangen Lernen“? Was also sind die konkreten Formen der Macht, die hier wirken? Und welche Formen von Ungleichheit und Diskriminierung sind darin eingeschrieben? Wo und wie ergeben sich Möglichkeiten, diesen Mechanismen im Alltag etwas entgegen zu setzen und wie lässt sich dadurch auch in die gesellschaftlichen Verhältnisse intervenieren?

Eine kritische Wissenschaft, die in ihrem Selbstverständnis eine eingreifende Wissenschaft ist, muss sich daher, will sie den Bezug zum Alltag nicht aus den Augen verlieren, auch mit diesen Fragen beschäftigen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Alltag, so schrieb Henri Lefebvre vor rund 20 Jahren, sollte das Alltagsleben nicht nur so akzeptieren, wie es ist, sondern vielmehr auch darauf abzielen, es zu verändern. Einen möglichen Weg in diese Richtung haben nicht zuletzt die Universitätsproteste gezeigt.

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