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Künstlerische Darstellung des HI-Virus.

Tödliche Leugnungen

Mehr als 300.000 Tote könnte die Politik des südafrikanischen Präsidenten Tabo Mbeki verursacht haben, weil Aids-Kranken Medikamente verweigert wurden. In den USA läuft derzeit ein Film, in dem das HI-Virus als Ursache von Aids geleugnet wird. Zwei Mediziner verlangen nun Konsequenzen für Aids-Leugner.

AIDS 29.01.2010

Harmlos oder gefährlich

Laut dem aktuellen Welt-Aids-Bericht der Vereinten Nationen tragen über 33 Millionen Menschen weltweit das HI-Virus im Blut. Kein Problem, sagt eine Gruppe von Wissenschaftlern, alles nicht so schlimm. Gemeint sind die von ihren Kritikern so genannten Aids-Leugner.

Sie bezweifeln entweder, dass es das HI-Virus überhaupt gibt, oder dass es – falls doch existent – die Immunschwächekrankheit auslöst. Darüber hinaus halten sie antiretrovirale Medikamente für unwirksam oder sogar schädlich und bezweifeln, dass Millionen Menschen jährlich an Aids sterben.

Die Studie „AIDS-Denialism and Public Health Practice“ ist in der Fachzeitschrift „AIDS and Behaviour“ erschienen (online, PDF).

Die Mediziner Pride Chigwedere und Max Essex aus Harvard bezeichnen diese Ansichten als gefährlich und haben in einer aktuellen Publikation Gegenargumente geliefert.

Zurückgezogener Beitrag in „Science“

So wie für die Leugner des Klimawandels gibt es auch für jene von Aids einen Film. Er heißt “House of Numbers“, ist im Jahr 2009 erschienen und hat mehrere Preise bei Filmfestivals eingeheimst. Bisher war der Film nur in den USA zu sehen; ab Juni 2010 soll er auch auf DVD erhältlich sein. In dem Film taucht sogar Luc Montagnier auf, der das HI-Virus entdeckt und dafür den Nobelpreis erhalten hat.

Kritische Kommentare zum Film findet man unter anderem auf ScienceBlogs und im Blog „Bad Science“ des Guardian-Kolumnisten, Mediziners und Wissenschaftspublizisten Ben Goldacre.

Ein ähnlicher Film erschien auch bereits im Jahr 2004 („The Other Side of AIDS“). Mehr zum Thema Aids-Leugnung auf EsoWatch, einem Wiki über irrationale Überzeugungssysteme.

Einer der prominentesten Aids-Leugner ist Biologe Peter Duesberg. Er hat 1988 sogar in der renommierten Fachzeitschrift „Science“ Zweifel daran geäußert, dass das HI-Virus Aids verursacht. Viele Wissenschaftler hätten dies laut Chigwedere und Essex zunächst als Beitrag zu einer ernsthaften wissenschaftlichen Debatte gewertet. Duesbergs Artikel sei aber später zurückgezogen worden. Die Veröffentlichung sei nur möglich gewesen, weil der Text von Wissenschaftlern begutachtet worden sei, die von dem Thema zu wenig Ahnung gehabt hätten.

Doch Duesberg habe auch danach an seinen Argumenten festgehalten und neue Forschungsergebnisse ignoriert. Daher sei er nicht als andersdenkender Wissenschaftler sondern als Aids-Leugner einzustufen, schreiben die beiden Mediziner aus Harvard.

330.000 Aids-Tote in fünf Jahren

Wenn sich die Argumente der Aids-Leugner im Gesundheitswesen niederschlagen, sind die Konsequenzen tragisch, schreiben die Studienautoren. Geschehen ist dies in Südafrika unter Präsident Thabo Mbeki. Unter seiner Politik habe man Kliniken, die antiretrovirale Medikamente verordneten, die Unterstützung unterzogen und die Gratisverteilung dieser Medikamente eingeschränkt. Mütter hätten keine Medikamente bekommen, um zu verhindern, dass das Virus auf die Kinder übertragen wird. Darüber hinaus habe die Regierung blockiert, Mittel des Global Fund zur Aids-Bekämpfung einzuwerben, und das Programm zum Einsatz antiretroviraler Medikamente generell aufgehalten.

Chigwedere und Essex haben vor zwei Jahren geschätzt, welche Folgen das für Südafrikas Menschen hatte: Mehr als 330.000 Menschen seien dadurch frühzeitig gestorben und 35.000 Babies hätten sich infiziert (Studie online). Eine zweite Studie von anderen Wissenschaftlern kam zu ähnlichen Ergebnissen (Abstract).

Die vermeintlich wissenschaftliche Grundlage für Mbekis Politik lieferten Duesberg und andere Aids-Leugner. Duesberg schrieb mit einigen Kollegen eine – ebenfalls später vom Verlag zurückgezogene – Replik auf diese Studien. Der nun veröffentlichte Text von Chigwedere und Essex ist die Antwort darauf.

Nazivergleiche und Ruf nach Gerichten

So dramatisch die Zahlen um die Toten ausfallen, so drastisch gerät auch die Kritik an den Aids-Leugnern. Sie werden von manchen mit Holocaust-Leugnern und Nazis verglichen, Parallelen zur Apartheid wurden gezogen. Menschen Aids-Medikamente vorzuenthalten sei so, wie wenn man in einem Bürgerkrieg keine Hilfstruppen zu den Betroffenen lässt. Ein Verbrechen gegen die Menschheit sei es und Genozid.

Dementsprechend hart fallen auch die von Kritikern geforderten Strafen für Aids-Leugner aus. Von Haft und Wahrheitskommissionen ist die Rede, von Strafen für öffentliche Gefährdung und der Internationale Gerichtshof solle sich um die Sache kümmern. Chigwedere und Essex lassen offen, welche Maßnahmen sie sich wünschen, schreiben aber, dass es irgendeine Form der Haftung für die Aids-Leugner brauche.

Die Ansichten verbreiten sich jedoch im Internet rasch. Manchmal sind sie gepaart mit Verschwörungstheorien. In fast jedem Land der Welt gebe es Webseiten, die die wissenschaftlichen Zusammenhänge um Aids leugnen, sagt der Gesundheitspsychologe Seth C. Kalichman in einem Online-Video zum Thema. Die Informationen der Aids-Leugner seien damit leichter zugängig als die wissenschaftlichen.

Mark Hammer, science.ORF.at

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