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Wissenschaftler des Jahres 2009 Rudolf Grimm im Labor

Ex-"Milchbubi" ist Wissenschaftler des Jahres

Der Experimentalphysiker Rudolf Grimm ist Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2009. Der in Mannheim geborene Forscher kam 2000 an die Uni Innsbruck und hat seither mit seinen Arbeiten zu ultrakalten Gasen internationalen Ruf erlangt. Wie seine Mitgliedschaft in der New-Wave-Band Bärchen und die Milchbubis mit der Wissenschaft zusammenhängt, verrät Grimm im science.ORF.at-Interview.

Auszeichnung 02.02.2010

Der Titel Wissenschaftler des Jahres wurde Grimm am Dienstagvormittag vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Wien verliehen. Mit dem Preis würdigt der Club das Bemühen von Forschern und Forscherinnen, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen.

Porträtfoto von Rudolf Grimm, Wissenschaftler des Jahres 2009

APA - Barbara Gindl

Rudolf Grimm ist Experimentalphysiker an der Uni Innsbruck und Forschungsdirektor am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Grimm und Kollegen gelang es 2002, erstmals ein Bose-Einstein-Kondensat (BEC) aus Cäsiumatomen herzustellen. Das erste BEC aus Molekülen sowie ein Fermi-Kondensat folgten.

science.ORF.at: In den vergangenen Jahren, war bei den Preisträgern nicht immer klar, ob sie die Auszeichnung für ihre wissenschaftliche Arbeit oder ihre Kommunikationsleistung bekommen haben. Warum, glauben Sie, sind Sie Wissenschaftler des Jahres geworden?

Grimm: Ich denke, dass die wissenschaftliche Leistung eine Notwendigkeit für den Preis ist, die Kommunikation aber im Vordergrund steht. Deshalb freue ich mich auch sehr über die Auszeichnung, da es ein wichtiger Aspekt für die heutige Wissenschaft ist, sie auch vermitteln zu können.

Wie vermitteln Sie konkret?

Grimm: Wir versuchen, sehr gezielt über unsere zwei bis drei Topstudien, die wir jedes Jahr herausbringen, zu berichten. Die entsprechenden Presseaussendungen sind bereits auf einem Niveau verfasst, das für allgemein wissenschaftlich Interessierte verständlich ist. Wobei das auf unserem Gebiet nicht gerade leicht ist, Quantenphysik ist oft sehr abstrakt. Die Kunst liegt darin zu vereinfachen, ohne falsch zu werden, und zugleich Interesse zu wecken.

Gibt es da einen besonderen Trick?

Grimm: Vielleicht keinen Trick, aber es gibt gute Aufhänger: Es war für uns manchmal gut, dass wir in einer scharfen internationalen Konkurrenzsituation stehen und dabei mitunter die Nase vorne gehabt haben. Das ist wie im Sport: Der Wettbewerb, der Ehrgeiz, bei aufregenden Dingen mit vorne dabei zu sein, das lässt sich gut vermitteln. Es gibt aber auch andere geeignete Aufhänger: Wissenschaft ist ja nicht nur abstrakte Erkenntnis, die am Schreibtisch oder im Labor geboren wird, sondern es stecken auch Menschen dahinter: Wissenschaftler, die jahrelang gearbeitet haben, zum Teil Bewegendes hinter sich haben.

Auszeichnung seit 1994

Der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten vergibt seit 1994 jährlich den Titel des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin des Jahres. Er zeichnet damit nicht die wissenschaftliche Qualität der Preisträger aus, sondern ihre Fähigkeit, ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich vermitteln zu können.

Ein Beispiel?

Grimm: Witali Jefimow, ein russischer Physiker, hat vor 40 Jahren die sogenannten Jefimow-Zustände vorhergesagt, die Beziehung von drei Objekten in der Quantenwelt. Anfangs wurde das als Spinnerei abgetan, später theoretisch bestätigt, und dann dauerte es 35 Jahre, bis unsere Gruppe einen experimentellen Nachweis dazu erbracht hat. Ich kenne Herrn Jefimow persönlich, er hat uns in Innsbruck besucht: Auch um derartige menschliche Geschichten kann es gehen, wenn man Wissenschaft vermitteln will.

Physiker scheinen besonders teamorientiert zu sein. Verstehen Sie den Preis auch als eine Auszeichnung für das Kollektiv?

Grimm: Absolut, ohne Teamwork geht überhaupt nichts. Und zwar nicht nur für das wissenschaftliche Ergebnis, sondern auch für die Kommunikation: Wenn wir überlegen, wie wir etwas aufbereiten sollen, macht das nicht nur eine Person, sondern das Team. Es gefällt allen, Wissenschaft so zu verpacken, dass sie einen möglichst breiten Kreis von Interessenten erreicht.

Zur Wissenschaft: Woran arbeiten Sie gerade?

Aktuelle Studie veröffentlicht:

Geradezu passend zu seiner Auszeichnung hat eine Arbeitsgruppe Grimms soeben eine Studie in den "Physical Review Letters" veröffentlicht: Dabei beobachteten die Forscher erstmals direkt eine chemische Austauschreaktion in einem ultrakalten Gas aus Cäsiumatomen und Cäsiummolekülen.

Weitere Studien:

Grimm: An Fermi-Kondensaten, die immer komplexer werden. Wir versuchen z. B., mehrere fermionische Gassorten zu mischen, die Fermionen miteinander zu verbinden und so komplexe Materiezustände herzustellen. Mit diesen kalten Atomensembles haben wir im Labor eine Art Modellbaukasten für komplexe quantenmechanische Systeme, die man sonst gar nicht so genau beschreiben kann. Wir bilden damit ein Modell nach, das unter sehr reinen Bedingungen erzeugt werden kann, und simulieren so diese Phänomene. Daraus gewinnt man grundlegende Erkenntnisse zum Aufbau der Materie und dem Zusammenwirken von Teilchen unter den sehr komplexen Bedingungen der Quantenwelt, wie man sie sonst in der Reinform nirgendwo findet.

Wo geht die Reise Ihrer Forschung hin, gibt es ein konkretes Ziel?

Grimm: Es gibt immer Zwischenziele und eine ungefähre Vision, in welche Richtung das Ganze gehen kann. Das nächste Zwischenziel ist z. B., in solchen Fermionen-Gemischen einen superfluiden Zustand zu erreichen, also Teilchenströme, die ohne Reibungsverluste stattfinden. Das ist wichtig, um Hochtemperatursupraleiter besser zu verstehen, was der nächste größere Schritt wäre. Es hat sich auf unserem Arbeitsgebiet in den letzten zehn bis 15 Jahren aber auch gezeigt, dass man plötzlich auf Dinge stößt, an die man zuvor gar nicht gedacht hat. Insofern ist der genaue Weg unserer Forschung, die ja Grundlagenforschung ist, nicht vorgezeichnet.

Bärchen und die Milchbubis: 'Tiefseefisch'

Als Bandmitglied spielte Rudolf Grimm 1982 die Gitarre.

Sie haben in den 1980er Jahren in der Band Bärchen und die Milchbubis gespielt, der Tiefseefisch aus dem gleichnamigen Lied ist "zu kalt und glitschig": Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Kälte des Punk und von New Wave und den kalten Quantengasen, mit denen Sie sich heute beschäftigen?

Grimm (lacht): Vermutlich ist der damals angesprochene Tiefseefisch noch viel zu warm für die Temperaturen, mit denen ich heute arbeite. Es gibt aber tatsächlich einen Zusammenhang: Wenn Sie sich die Entwicklung der damaligen Zeit anschauen - erst Punk, dann New Wave und Neue Deutsche Welle etc. -, das war eine ungemein kreative Zeit, man konnte plötzlich unglaublich kreative Dinge machen, neue Abenteuer erleben. Das ist ein Element, das wir in der Wissenschaft auch kennen: versuchen, unorthodoxe Wege zu gehen, kreative Elemente einzubringen und dadurch tatsächlich Neues zu schaffen.

Spielen Sie selbst noch Gitarre?

Grimm: Nein, ich habe sie nach Auflösung der Band 1983 in die Ecke gestellt und nicht mehr angerührt. Die Zeit war einfach vorbei.

Und sie kommt auch nicht wieder?

Grimm: Man soll ja niemals nie sagen, aber: nein.

Interview: Lukas Wieselberg, science.ORF.at

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