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John Wayne asl Westernheld, sein Pferd und Berge

Warum Revolverhelden immer siegen

Im klassischen Western gewinnt der Held fast jeden Schusswechsel, obwohl der Angriff des Bösewichts in der Regel völlig überraschend kommt. Eine experimentelle Studie konnte nun zeigen, dass offenbar auch im echten Leben immer der, der reagiert, schneller ist als jener, der eine geplante Aktion setzt.

Reaktionsgeschwindigkeit 03.02.2010

Laut den britischen Forschern handelt es sich dabei um eine durchaus sinnvolle Überlebensstrategie.

Bohrs Westernleidenschaft

Eine der weniger bekannten Tatsachen über den dänischen Physiker Niels Bohr ist seine Leidenschaft für amerikanische Western. Es heißt, dass er und seine Arbeitsgruppe nach einem langen Arbeitstag häufig ins Kino gingen; genau analysierten sie anschließend den Aufbau der Genrefilme. Eine seiner Beobachtungen war, dass der Held jeden Schusswechsel gewinnt, obwohl der Schurke meist seinen Revolver als Erster zieht.

Der weltberühmte Wissenschaftler entwickelte eine eigene Theorie zu diesem Phänomen: Nachdem der Held in der Regel nie als Erster schießt, sei es stets der Bösewicht, der entscheiden müsse, wann er schießt. Und genau diese absichtsvolle Handlung hemme seine Bewegung. Der Held hingegen handle aus reinem Reflex, automatisch zieht er seinen Colt, ohne dass ihm sein Bewusstsein auch nur in die Quere kommt.

"Revolverheld-Hypothese"

Die Studie "The quick and the dead: when reaction beats intention" von Andrew E. Welchman et al. (sobald online) ist in den "Proceedings of the Royal Society B" erschienen.

Laut dem Team rund um Andrew Welchman von der Universität Birmingham gibt es mittlerweile auch zahlreiche neurologische Belege dafür, dass bewusste, absichtsvolle Handlungen eine andere Grundlage haben als reine Reaktionen. "Manche Bewegungen im täglichen Leben machen wir, weil wir uns bewusst dafür entscheiden, andere sind bloß eine Reaktion auf unsere Umwelt", so Welchman.

Die Frage bleibt, ob Reflexe tatsächlich flinker sind als ihre Auslöser, wie Bohrs "Revolverheld-Hypothese" nahelegt. Das auf der Verhaltensebene zu überprüfen stand daher im Mittelpunkt der aktuellen Studie.

Wer drückt zuerst?

Zwei Teilnehmer des Duells im Labor vor den Knöpfen auf die sie blitzschnell drucken sollen

Biotechnology and Biological Sciences Research Council

Zwei Teilnehmer des Duells im Labor

Dafür stellten die Forscher in mehreren Versuchsreihen die Duellsituation im Labor nach. Bei diesem harmlosen Wettkampf mussten die Teilnehmer einfach schneller als ihr Gegenüber eine Reihe von Knöpfen drücken.

Es gab allerdings kein offizielles Startsignal für das Duell, da dieses ja auch wiederum nur zu einer Reaktion geführt hätte, so die Forscher. Alles, was die Probanden tun mussten, war, entweder irgendwann aus eigenem Antrieb auf die Knöpfe zu drücken oder als Reaktion auf den jeweiligen Gegner, der manchmal auch nur ein Computer war.

Dabei zeigte sich, dass die Reaktionen tatsächlich schneller waren als die Initialbewegungen, nämlich durchschnittlich um 21 Millisekunden.

Lebensrettende Sekundenbruchteile

Laut Welchman ist es im alltäglichen Leben in vielen Situationen durchaus nützlich, blitzschnell zu reagieren. "21 Millisekunden sind nicht sehr viel, und bei einem Duell im Wilden Westen würden sie einem wohl kaum das Leben retten", so der Studienleiter. Denn insgesamt brauche das Gehirn etwa 200 Millisekunden, um auf einen Gegner zu reagieren. "Im echten Leben können diese Sekundenbruchteile aber mitunter über Leben und Tod entscheiden, wenn man etwa einem herannahenden Auto ausweichen muss."

Angeblich hat auch Bohr seine Vermutung gemeinsam mit seinem Kollegen George Gamow selbst überprüft, und zwar mit Hilfe von Spielzeugpistolen. Dabei sei er als "Held" immer siegreich aus den Duellen mit seinen Studenten hervorgegangen. Seine "Revolverheld-Hypothese" hat er damit zwar gewissermaßen bestätigt. Laut Welchman hatte seine Unbesiegbarkeit aber wahrscheinlich andere Gründe: "Vermutlich war Bohr nicht nur ein brillanter Physiker, sondern auch ein sehr guter Schütze."

Eva Obermüller, science.ORF.at

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