Standort: science.ORF.at / Meldung: "Verständnis für das Unsichtbare"

Schimpansenmutter mit Schimpansenkind

Verständnis für das Unsichtbare

Ist abstraktes Denken ohne menschliche Sprache möglich? Cornelia Schrauf von der Uni Wien hat Versuche durchgeführt, die zeigen: Auch Menschenaffen kennen abstrakte Kategorien - das Gewicht von Dingen etwa.

Tierisches Denken 01.03.2010

Die kognitiven Fähigkeiten von Menschenaffen werden nach wie vor unterschätzt, betonen Schrauf und ihr Fachkollege Ludwig Huber in einem Interview mit science.ORF.at.

science.ORF.at: Wie war Ihre Studie aufgebaut und was waren die Ergebnisse?

Cornelia Schrauf

Uni Wien/Cornelia Schrauf

Cornelia Schrauf forscht an der Abteilung für Kognitionsbiologie der Universität Wien und ist Teilnehmerin des Mentoring-Programms für Nachwuchswissenschaftlerinnen. Ihre Dissertation erforscht das "Verständnis von Gewicht unter den Aspekten des kausalen Schließens" durch Vergleiche zwischen Menschenaffen und Kindern.

Cornelia Schrauf: Die prinzipielle Frage war, ob Menschenaffen ein Verständnis von Gewicht haben. In einem weitern Schritt wollte ich auch schauen, ob sie die Information von Gewicht verwenden können, um Rückschlüsse zu treffen. Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass man für das Gewichtsverständnis Sprache benötigt, weil Gewicht etwas Abstraktes ist. In Leipzig (am MPI für Evolutionäre Anthropologie, Anm.) hatte ich die Gelegenheit alle vier Menschenaffenarten – Gorillas, Schimpansen, Orang-Utans und Bonobos – zu untersuchen. Dabei war es mir von Anfang wichtig, dass der Versuch verständlich für die Tiere aufgebaut war. Wenn man einen sehr komplexen Apparat verwendet, kann das Ergebnis nämlich auch dadurch verfälscht sein, dass das Tier schon allein den Apparat nicht versteht.

Im ersten Experiment sollten die Menschenaffen Zylinder anhand von Gewichtsunterschieden und Farbunterschieden erkennen. Für das richtige Objekt erhielten Sie eine Belohnung in Form von Weintrauben. Sie sollten also eine bestimmte Farbe oder immer das schwere bzw. das leichte Objekt wählen. Es zeigte sich, dass die Affen bei der Unterscheidung von Farben etwas schneller waren, aber sie haben den Gewichtunterschied auch gelernt.

Versuch mit Schimpansen

Uni Wien

Experiment mit Schimpansen

Ludwig Huber: Das ist wirklich etwas ganz Neues. Hier hat sich herausgestellt, es gibt ein Untersuchungsdesign das passt, und es ist den Affen möglich, nach dem Gewicht zu unterscheiden.

Geht es dabei nun wirklich um Verständnis oder ist das nicht vielmehr ein erfolgreiches Konditionierungsexperiment?

Ludwig Huber, Biologe an der Universität Wien

Ludwig Huber

Ludwig Huber ist Leiter der Abteilung für Kognitionsbiologie an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsgebieten gehören u.a. visuelle Wahrnehmung, technisch-physikalisches und soziales Verständnis bei Tieren.

Schrauf: Ja, es war sicher so, dass die Tiere konditioniert waren. Sie haben die Methode schon gekannt, und trotzdem hat es über 300 Versuche gebraucht, damit die Affen verstehen, dass sie immer das schwerere oder das leichtere Objekt wählen müssen. Darauf basierend haben wir uns überlegt, ob es vielleicht einfacher für die Tiere zu verstehen ist, wenn man das Experiment in einen Kontext bringt, in dem für die Affen logisch ist, warum sie ein bestimmtes Objekt wählen müssen.

In einem zweiten Versuch gaben wir zwei leere Becher vor. Die Affen haben dann gesehen, dass in einen der Becher Bananen kommen, sie wussten aber nicht welchen. Die Tiere mussten also von allein herausfinden, dass sie das Gewicht vergleichen mussten um die Bananen zu entdecken. Die Affen waren viel schneller als im Zylinderexperiment, weil der Zusammenhang für sie logischer war, obwohl sie die Methode nicht kannten.

Huber: Es ist schon so, dass es ein Konditionierungsexperiment ist, da das Tier über den Erfolg – Futter oder nicht Futter – eine Rückmeldung bekommt. Was das Tier aber selbst herausfinden muss ist, nach welchem Merkmal es die Unterscheidung treffen muss. Gewicht ist kein offensichtliches Merkmal, denn man sieht es einem Objekt nicht an. Man muss erst eine Aktion setzen, um Gewicht überhaupt zu erfahren. Dadurch entsteht eine Relation zwischen Objekt und Subjekt.

Wie haben Sie dazu die Kleinkinder verglichen?

Schrauf: Wir haben drei- bis vierjährigen Kindern zwei gleich aussehende Objekte, die aber unterschiedlich schwer waren, gegeben, die sie auf eine Balkenwaage legen sollten, um an eine Spielzeugmaus zu gelangen.

Versuch mit Kleinkindern

Uni Wien

Versuch mit Kleinkind

Es gab zwei Bedingungen, eine physikalisch Korrekte, bei der sich die Waage beim schweren Gewicht neigte und eine physikalisch nicht korrekte. Das heißt, nur beim leichteren Objekt neigte sich die Waage. Den physikalischen Zusammenhang haben nur die vierjährigen Kinder verstanden und waren überrascht.

Was sich aus diesen Beobachtungen ergibt, ist die Rolle der Sprache in menschlicher Erkenntnis. Wo genau liegen dann letztendlich die Unterschiede zwischen Mensch und Tier?

Huber: Es gibt die berühmte Sapir-Whorf-Hypothese, wonach die Sprache das menschliche Denken bestimmt. Wir teilen die Welt in Kategorien und Klassen ein, und die sind sprachlich bestimmt. Schon in den 60er Jahren entdeckte der Psychologe Richard Herrnstein, dass zum Beispiel auch Tauben Fotographien danach unterscheiden konnten, ob ein Mensch abgebildet war oder nicht. Sie konnten also das Konzept „Mensch“ erkennen.

Diese Art von Kategorisierung ist auf jeden Fall eine Fähigkeit, die man auch zu einem gewissen Maß ohne Sprache schafft. Je abstrakter die Konzepte werden, desto vorteilhafter ist eine Sprache. Sprache ist dann ein Werkzeug für die Begriffsbildung, mit dem man viel mehr leisten kann als Tiere. Aber auch im numerischen Bereich wissen wir, dass die Menschen mit Hilfe der Sprache sehr viel mehr können als etwa Menschenaffen.

Schrauf: Die größten Unterschiede bestehen in der sozialen Domäne, also wenn es um Kommunikation und soziale Gefüge geht. In diesem Bereich spielt Sprache ja auch eine größere Rolle. Das bezieht sich etwa auf das Teilen von Absichten und gemeinsamen Zielen.

Menschenaffen verstehen zum Beispiel das Deuten mit dem Finger auf ein Objekt nicht als Form der Kommunikation, als Hinweis, während Kinder das sehr gut können.

Huber: Es ist schon richtig, dass es im sozialen und im technischen Bereich Unterschiede in der Fähigkeit gibt, Konzepte und Begriffe zu bilden. Die Frage bei den Affen ist auch, auf welchem Verständnis das Nützen von Technik basiert, etwa mit einem Stein eine Nuss aufzuschlagen. Viele Tiere verwenden Werkzeuge, aber es ist fraglich, was sie von dem Vorteil, den das Werkzeug bietet, verstehen.

Gibt es so etwas wie Einsicht in Ursache-Wirkungszusammenhänge und darunterliegende Gründe wie beispielsweise Schwerkraft? Nach meiner Auffassung ist dieses Verständnis für die unsichtbare Kraft bei Tieren nicht gegeben.

Könnten Menschenaffen dann eigentlich mehr als wir bisher annehmen, wenn man sie in eine andere Umwelt bringt?

Schrauf: Menschen kommunizieren um Informationen auszutauschen, zu kooperieren, zu lehren und an gemeinsamen Zielen zu arbeiten. Mit den Schimpansen verhält es sich nicht so. Der Mensch besitzt ein Mitteilungsbedürfnis, er will Informationen mit anderen teilen. Das ist eigentlich der große Unterschied. Schimpansen würden auch niemals mit fremden Schimpansen kooperieren oder ein Problem lösen.

Meine Studie zeigt, dass die Menschenaffen Fähigkeiten haben, die ihnen bisher abgesprochen wurden. Es kommt jedoch sehr stark auf den Versuchsaufbau an. Wenn er mit der Lebensumwelt der Tiere zu tun hat, zeigen sich sehr wohl Fähigkeiten, aber nicht wenn es um für die Tiere völlig abstrakte Dinge geht.

Huber: Ich würde allgemein sagen, dass Tiere, die in der reichhaltigen, fordernden Umwelt des Menschen aufwachsen, natürlich den Tieren im Freiland einige kognitive Schritte voraus sind. Der Erfahrungszuwachs führt zu Einsichten die dann auch auf neue Beispiele angewendet werden können. Dieser Unterschied zwischen Labortieren und freilebenden Tieren sollte in Studien von vornherein viel stärker berücksichtigt werden.

Daher haben Forscher in Niederösterreich nun begonnen, Wölfe per Hand aufzuziehen, wie man auch Hunde aufzieht, und sie permanent mit kognitiven Aufgaben zu betrauen. Man sieht, dass die großen Unterschiede zwischen dem Verhalten von Wölfen und Hunden stark minimiert werden.

Wobei dann beispielsweise Schimpansen diese gelernten Informationen nicht an andere Schimpansen weitergeben würden.

Schrauf: Das nicht. Die Fähigkeiten, die Laborschimpansen entwickeln, sind sicher bei allen Schimpansen vorhanden, aber es hängt eben von der Lernerfahrung ab.

Huber: Auf der anderen Seite sind freilebende Affen in bestimmten Bereichen geschickter als Laboraffen. Zum Beispiel wenn es um die Futtersuche oder das Einschätzen von Wetter geht. Insgesamt würde ich aber sagen, dass Tiere unter Versuchsbedingungen schon kognitiv etwas voraus haben durch das enorme Training, das mit der Zeit eine bessere Lösungskompetenz ergibt.

Interview: Tobias J. Körtner

Mehr zu diesem Thema: