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Das Auge des Hurrikans - Satellitenaufnahme.

Die "Weltformel" der Hurrikanforschung

Sollten die Ozeane wärmer werden, könnte es bald Hunderte Wirbelstürme pro Jahr geben, behauptet ein US-Physiker. Fachkollegen kritisieren: Sein Modell berücksichtige zu wenige Faktoren - und sei daher unrealistisch.

Meteorologie 24.02.2010

Winde, vielschichtig

Könnten Klimaforscher Laborversuche mit Miniaturausgaben der Erde machen, wäre vieles einfacher. Da die Laborerde noch nicht erfunden wurde, müssen sie eben mit Atmosphäre, Ozeanen und Kontinenten im Original vorlieb nehmen. Und die sind nicht gerade unkomplex, wie Studien nahelegen. Etwa in Bezug auf Hurrikane: Da wurde in den letzten Jahren berichtet, die Zahl der tropischen Wirbelstürme werde steigen.

Andere Studien besagen, die Zahl der Hurrikane werde aufgrund hemmender Scherwinde sogar abnehmen. Ähnliche Unsicherheit besteht auch bei anderen Größen. Ob etwa die Zerstörungskraft von Hurrikanen in den letzten Jahren zugenommen hat - ausgedrückt durch die von ihnen verursachten Kosten, ist unklar. "Wenn die Kosten zugenommen haben, könnte man das genauso gut dadurch erklären, dass es nun mehr zerstörbare Güter gibt als in der Vergangenheit", sagt Gerhard Hohenwarter von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik.

Zwei Faktoren entscheiden

Die entsprechende Studie erscheint im Fachblatt "Advances in Meteorology". Preprint der Arbeit auf dem Preprintserver "arXiv": A Universal Hurricane Frequency Function

Der US-Physiker Robert Ehrlich hingegen behauptet nun: Es ist alles ganz simpel. Er hat ein Modell entwickelt, das die Wahrscheinlichkeit eines tropischen Sturms anhand von lediglich zwei Größen - der Ozeantemperatur und dem Breitengrad - voraussagt. Dass die beiden wichtig für die Hurrikanentstehung sind, ist unbestritten.

Die Hurrikan-Statistiken von Pazifik und Atlantik legen aber nahe, dass es noch andere Faktoren geben muss, die das Geschehen maßgeblich beeinflussen. In beiden Gebieten ist zwar die Wassertemperatur angestiegen, aber nur im Atlantik gab es mehr Hurrikane, im Pazifik (wo die Wirbelstürme als "Taifune" bezeichnet werden) indes nicht. Ehrlich kontert das mit dem Hinweis, dass es zwischen den Ozeanen eben zwei wichtige Unterschiede gebe: Im Atlantik starte nämlich die Bildung von Hurrikanen bei geringfügig niedrigeren Temperaturen und bei etwas höheren Breitengraden.

"100 bis 200 Wirbelstürme pro Saison"

Er hat sein Modell mit diesen Differenzen gefüttert und tatsächlich solche Entstehungsraten erhalten, wie sie eben im Atlantik und Pazifik vorkommen. Also ein brauchbares Werkzeug zur Vorhersage zukünftiger Wirbelstürme? "Ich bin sehr skeptisch", sagt Gerhard Hohenwarter. "Denn um ein nur halbwegs vollständiges Bild von der Hurrikanentstehung zu zeichnen, muss man auch andere atmosphärische Zustände berücksichtigen - die Temperaturverteilung und die Windscherung etwa."

Ehrlich gibt in seiner Arbeit auch zu: Das Modell sei nicht viel mehr als eine "Basisübung im Datenfitting", ein Spielzeugmodell - wenngleich ein aus seiner Sicht durchaus brauchbares. Überprüfbar ist die Formel jedenfalls, bei einer Zunahme der Wassertemperatur um zwei Grad prognostiziert sie eine Zunahme der Wirbelstürme um den Faktor elf. Hohenwarter: "Das wäre ein gewaltiger Wert. Das würde bedeuten, dass man 100 bis 200 Wirbelstürme pro Saison hätte. Nachdem die Hurrikan-Saison nur von März bis Mitte November dauert, müsste täglich ein Wirbelsturm entstehen."

Robert Czepel, science.ORF.at

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