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Franz Kafka, undatiertes Bild

Die Ruinen in Kafkas Kopf

Franz Kafkas Schreiben und sein Scheitern im Leben sind eng miteinander verwoben. Der deutsche Literaturwissenschaftler Gerhard Neumann erkennt im Labyrinth- und Ruinenhaften ein verbindenes Element. Er postuliert: Architektur ist das große Leitprinzip in Kafkas Erzählwelt.

Literatur 26.02.2010

Leben erzählen

Von Gerhard Neumann

Zwei Jahre vor seinem Tod zeichnet sich Franz Kafka eine erschütternde Bilanz seines Lebens auf. Er schreibt:

„Ein Augenblick Denken – Gib Dich zufrieden, lerne (lerne 40jähriger) im Augenblick zu ruhn […] Ja im Augenblick, dem schrecklichen. Er ist nicht schrecklich, nur die Furcht vor der Zukunft macht ihn schrecklich. Und der Rückblick freilich auch. Was hast Du mit dem Geschenk des Geschlechtes getan? Es ist mißlungen, wird man schließlich sagen, das wird alles sein. Aber es hätte leicht gelingen können. Freilich eine Kleinigkeit und nicht einmal erkennbar, so klein ist sie, hat es entschieden. Was findest Du daran? Bei den größten Schlachten der Weltgeschichte ist es so gewesen. Die Kleinigkeiten entscheiden über die Kleinigkeiten.“

Dieses Zitat macht deutlich: Kafka bekräftigt seinen Anspruch, in seinem Werk ‚Leben zu erzählen’, und er sieht zugleich sein Werk als das eines Scheiternden. Doch dieses Scheitern am Minimalen erscheint zugleich als eine ästhetische Chance. Scheitern wird hier einerseits resignativ als Existential, also als ein wesentliches Lebenselement, aufgefasst und andererseits doch zugleich hoffnungsvoll als ästhetische Kategorie.

Scheitern am Bildungsroman

Gerhard Neumann, Literaturwissenschaftler

IFK/G. Neumann

Gerhard Neumann war Ordinarius für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität München. 2002 wurde er emeritiert, seit 2005 ist er Honorarprofessor an der FU Berlin.
Publikationen (u. a.): gem. mit David Wellbery (Hg.), Die Gabe des Gedichts. Goethes Lyrik im Wechsel der Töne, Freiburg/Br. 2008; gem. mit Caroline Pross und Gerald Wildgruber, Szenographien. Theatralität als Kategorie der Literaturwissenschaft, Freiburg/Br. 2000; (Hg.), Poststrukturalismus. Herausforderung an die Literaturwissenschaft. DFG-Symposion 1995, Stuttgart, Weimar 1997

Erkennbar wird dieses ambivalente Scheitern in Kafkas Bemühungen, einen Bildungsroman zu schreiben, also Leben von seinem organischen Beginn bis zu seinem sozial konstruierten Ende zu erzählen. Er setzt dreimal an – mit dem Roman „Der Verschollene“ zuerst, dem „Prozeß“-Roman sodann und dem „Schloß“ zuletzt – und er scheitert dreimal: Die Anfänge versanden und die Enden zerbröckeln ins Offene. Die Romane bleiben Ruinen.

Was Goethe in seinem „Wilhelm Meister“ so leicht gelungen war, nämlich aus einer erotischen Anfangsszene eine Lebenskarriere organisch sich entwickeln und sozial konstruieren zu lassen, wird für Kafka zum Problem. Die Frage nach der Lebensarbeit mit der Gabe des Geschlechtes wird zur poetologischen Frage nach den noch möglichen Formen des Erzählens von Leben. Und das gilt für Kafkas eigenes Leben wie für das seiner Romanfiguren.

Evolution und Konstruktion

Das Prinzip, nach dem Bildungsromane geschrieben werden, hat für Kafka seine Kraft verloren. Dieses Prinzip besteht ja bekanntlich im Zusammenwirken zweier Dynamiken: dem Wachstum des natürlichen Körpers, der in die Welt eintritt, in sie hineingeboren wird, einerseits; und der Konstruktion seiner Lebensarchitektur, der sozialen Bildung zum kulturellen Subjekt, andererseits.

Diese beiden Kräfte, das Organische und das Konstruktive, sind in Kafkas Welt nicht mehr aufeinander abstimmbar: das Subjekt wird zwischen ihnen zerrieben und verschwindet. Der Romantitel „Der Verschollene“ drückt genau dies aus. Kafka hat das Wirken dieser beiden Kräfte sorgfältig beobachtet und als Ursache des Scheiterns seines Bildungsromans erkannt. Und er hat poetologische Konsequenzen daraus gezogen.

Wendung zur Kurzprosa

Er hat sich nämlich von den „Niederungen des Romanschreibens“, wie er sagt, ab- und stattdessen einer neuen Form experimenteller Kurzprosa zugewandt; und zwar der in seinem Sinne veränderten Parabel als einem kulturdiagnostischen Krisen-Szenario.

Kafka macht sich zum Ethnologen der eigenen Kultur, indem er die beiden Kräfte, die bei der traditionellen Bildungskarriere zusammenwirken, nämlich organisches Wachstum und konstruktive Lebensarchitektur, aus dem Prozeß seiner Romane herausnimmt und in zwei Parabeln zur Diskussion stellt: die Krise des organischen Wachstums in der (darwinistischen) Geschichte eines Affen, der zum Menschen wird, in dem Text „Ein Bericht für eine Akademie“; die Krise der architekturalen Konstruktion von Individualität in dem Text „Der Bau“, in welchem ein Tier unter der Erde seinen Lebensraum zu einem komplexen Gebilde ausbaut.

Kafkas Architekturen

Veranstaltungshinweis:

Gerhard Neumann wird zu diesem Thema am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaft einen Vortrag halten.

Titel: "Bildungsroman oder Parabel? Franz Kafkas Projekt des Leben-Erzählens"

Zeit & Ort: 1. März 2010, 18:00 Uhr, Reichsratsstraße 17, 1010 Wien

Dieser Frage nach der Architektur als dem Steuermechanismus des Handelns der Kafkaschen Figuren gilt die besondere Aufmerksamkeit meines Projekts „Kafkas Architekturen“. Es geht von der Beobachtung aus, daß Franz Kafkas ganzes Werk von Vorstellungen und Argumenten der Architektur durchzogen ist.

Das Leben, dem Kafka in seinen Texten auf der Spur ist, spielt sich in Zimmern, Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden, Ruinen, Hotels, Schlössern, Domen und Synagogen, Theatern, Dörfern und Städten ab - kaum je in der freien Natur. Architektur scheint für Kafka das leitende strategische Prinzip zu sein, um das ungeordnete Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft zu strukturieren; also den organischen Körper institutionell und politisch zu modellieren.

Architektur ist, so gesehen, Materialisierung und soziale Umsetzung von Ordnungswissen. Kafkas Architekturen sind weder fiktive, noch reale Bauten, sie dienen auch nicht als Allegorien des literarischen Verfahrens; sie erweisen sich vielmehr als handlungsleitende Konstrukte, als Steuermechanismen von Erzählprozessen.

Skizzen der Orientierungslosigkeit

Der (traditionelle) Bildungsroman scheint Kafka zwar ein Modell für solches Erzählen abzugeben. Aber dieses Modell trägt nicht mehr. Also experimentiert Kafka damit und unterläuft es zuletzt. Schon im frühen Tagebuch erprobt er diese Form mit Skepsis, und zwar in den Skizzen zu einem autobiographischen Roman mit dem bezeichnenden Titel „Ein kleiner Ruinenbewohner“.

Kafkas Konzepte von Lebenskarrieren werden an Architekturen geknüpft und unterlaufen zugleich deren konventionelle Funktionalität: Sie zeigen sich als Ruinen und Labyrinthe. Kafkas Versuche, Leben zu erzählen, gehen von ruinösen Architekturen aus, deren Impulse, für den Einzelnen wie für die Masse, in Orientierungslosigkeit münden. Diese findet ihren Ausdruck in ‚blinden’ Parabeln. Sie treten im Schaffen Kafkas an die Stelle des Romans.

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