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Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht (undatiertes Archivfoto).

Bertolt Brecht und die Physik

Natur versus Literatur: C.P. Snow zufolge ist zwischen den "zwei Kulturen" keine Verständigung möglich. Untersuchungen zeigen das Gegenteil: Die beiden Sphären stehen in engem Kontakt und befruchten einander.

Literatur 14.03.2010

Der österreichische Kulturwissenschaftler Lukas Mairhofer weist das etwa am Beispiel Bertolt Brecht nach. Brecht hat die Entwicklung der Quantenphysik aufmerksam mitverfolgt und sich von ihr zu einer Theorie des Individuums inspirieren lassen.

Brecht und Physik scheinen auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun zu haben. Wie sind sie auf dieses Thema gestoßen?

Ich hatte gerade an der Uni meine Quantenmechanik-Prüfung abgelegt, da bat mich eine Freundin, ihre Diplomarbeit über Brecht Korrektur zu lesen. Darin stieß ich auf Textstellen, bei denen ich mir dachte: Das klingt so, als würde Brecht über Quantenmechanik schreiben.

Dann bin ich dem Thema nachgegangen und habe herausgefunden, dass sich Brecht intensiv mit den Ergebnissen der modernen Physik beschäftigt hat.

Die Begegnung Brechts mit dem deutschen Physiker Hans Reichenbach dürfte dabei eine Schlüsselrolle gespielt haben.

Lukas Mairhofer

Lukas Mairhofer

Lukas Mairhofer hat an der Universität Wien Physik und Philosophie studiert und arbeitet zur Zeit als IFK Junior Fellow an seiner Dissertation.

Am 15.3.10 hält Mairhofer einen Vortrag mit dem Titel "A-tom und In-dividuum. Als Bertolt Brecht in Heisenbergs Mikroskop blickte."

Ort: IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften
Reichsratsstraße 17, 1010 Wien
Zeit: 18 Uhr c.t.

Reichenbach war einer jener fünf Studenten, die Einsteins erste Vorlesung über die allgemeine Relativitätstheorie gehört haben. Er war nicht nur Physiker, sondern auch Philosoph und galt als einer der führenden Köpfe des Logischen Empirismus. 1933 wurde er von den Nazis in die Emigration gezwungen, ging zunächst in die Türkei und dann in die USA nach Los Angeles.

Wohin auch Brecht Anfang der 40er Jahre emigriert ist.

Er ist in Reichenbachs unmittelbare Nachbarschaft gezogen. Möglicherweise haben sich die beiden schon aus Deutschland gekannt, jedenfalls haben sie einander in den USA sehr gut verstanden, oft getroffen und über Gott und die Welt diskutiert – und eben auch über die Quantenmechanik.

Inwieweit hat das Brechts Schaffen beeinflusst?

Es ist erstaunlich, wie viele Hinweise man in Brechts Stücken und vor allem in seinen theoretischen Schriften auf die Quantentheorie findet. Meine These ist: Das Atomkonzept der Quantenmechanik und Brechts Vorstellung des Individuums sind einander äußerst ähnlich. "Atom" und "Individuum" sind ja beide "das Unteilbare", das eine Mal im Griechischen, das andere im Lateinischen.

Heute gilt das Atom nicht mehr als unteilbar; und auch seine Bestandteile verlieren in der Quantenmechanik ihre Stabilität und Abgrenzung. Salopp gesagt: Sie "verschmieren" über den Raum, wenn sie nicht in Wechselwirkung mit ihrer Umwelt treten.

Brecht denkt sich das Individuum in der Gesellschaft ähnlich: Es konstituiert sich seiner Ansicht nach erst durch Wechselwirkung mit anderen Menschen.

In welchen Texten finden sich diese Betrachtungen?

Mehr über Brecht in oe1.ORF.at, anlässlich seines 50. Todestags im Jahr 2006:
- Alles, was Brecht ist
- Der Brecht-Boykott

Das beginnt mit einem theatertheoretischen Text: "Über eine nichtaristotelische Dramatik" aus den 30er-Jahren. Ebenfalls deutliche Hinweise finden sich im "Kleinen Organon für das Theater", das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.

Brecht hat allerdings bereits vor der Begegnung mit Reichenbach von der Quantenphysik gewusst.

Ja, der erste intensive Kontakt fand im Exil in Kopenhagen statt, das damals das Zentrum der Quantenmechanik war: Hier war das Institut von Niels Bohr, hier wurde auch das erste Mal Uran gespalten, was Brecht veranlasst hat, das Stück "Leben des Galilei" zu schreiben. Bei der Verfassung des Texts hat er sich von Bohrs Assistenten in physikalischen Sachfragen beraten lassen.

Physikalische Spuren lassen sich auch im Werk anderer Literaten entdecken, bei Robert Musil etwa.

Bei Musil spielt vor allem die kinetische Gastheorie, also die Thermodynamik eine große Rolle. Er vergleicht z.B. Menschenmassen mit einem Gas. Es gibt etliche Autoren mit Bezügen zur Physik: Friedrich Dürrenmatt, Gottfried Benn, Carl Einstein haben sich auf die Quantentheorie bezogen, andere wurden von der Relativitätstheorie beeinflusst.

Es findet ein ständiges Wechselspiel zwischen Naturwissenschaften, soziologischen und geisteswissenschaftlichen Fächern sowie Literatur statt - von der Brecht-Forschung wurde das bisher weitgehend ignoriert.

Zum Beispiel?

Die moderne statistische Methode stammt ursprünglich aus der Astronomie. Gauß hatte das Problem, dass er bei der Positionsmessung von Sternen immer wieder unterschiedliche Werte erhielt. So hat er sich dem richtigen Wert durch Fehlerrechnung angenähert.

Diese Methode hat der Belgier Adolphe Quetelet auf soziologische Probleme angewandt, Maxwell hat die Methode wiederum aus einem Buch von Quetelet übernommen und in die Physik zurückgeholt, und zwar für thermodynamische Berechnungen.

Ein anderes Beispiel: Kurt Lewin hat den Begriff des Feldes aus der Physik importiert und für die Soziologie fruchtbar gemacht.

Wie ist das Verhältnis von Literatur und Physik beschaffen - ist es einseitig oder symmetrisch?

Es gibt ohne Zweifel einen Einfluss von der Naturwissenschaft auf die Literatur. Autoren und Autorinnen sitzen ja nicht isoliert von der Welt in ihren Schreibstübchen. So finden vor allem populärwissenschaftliche Ideen Eingang in die Literatur. Und Physiker lesen natürlich Romane und wollen ihre Position als Individuen in der Gesellschaft und der Welt bestimmen.

Dahinter passiert auch etwas Grundlegenderes: Wissenschaftler und Schriftsteller leben in der gleichen Zeit und nehmen an einem gemeinsamen Diskurs teil, der die Grenzen die Disziplinen überschreitet – schon deshalb, weil er sich oft auf alltägliches bezieht.

Die Erfahrungen des Einzelnen in der Soldatenmasse im Ersten Weltkrieg waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts sicher sehr prägend für Wissenschaft und Literatur. Lewins erste Schrift über den Feldbegriff bezieht sich beispielsweise auf die Kriegslandschaft, auf Feindesland und Frontlinien.

Anders gefragt: Handelt es sich in den Gemeinsamkeiten von Physik und Literatur wirklich um Ideentransfers? Könnten der moderne Atombegriff und Brechts Individualkonzept nicht auch Ausdruck einer Moderne sein - also Parallelbildungen?

Ich glaube, die beiden Sichtweisen schließen einander nicht aus. Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass die Physik die Masterdisziplin ist, aus der Erkenntnisse in andere Disziplinen fließen. Das ist ein ständiges Wechselspiel.

Erwin Schrödinger hat 1932 einen Aufsatz mit dem Titel "Ist die Naturwissenschaft milieubedingt?" veröffentlicht. Ist sie es?

Physikalische Experimente beziehen sich immer auf Vorgänge, die außerhalb der Gesellschaft liegen. In diesem Sinn kann sie nicht milieubedingt sein. Aber die Gesellschaft hat sicher darauf Einfluss, wofür sich die Physik interessiert.

Und was die Bildung von Theorien betrifft: Der zeitgenössische Diskurs legt zwar nicht fest, was gedacht wird, aber er legt fest, was denkmöglich ist. Brecht hat sich da von der Physik beeinflussen lassen. Er hat betont: Es ist möglich, sich andere Beziehungen zwischen Menschen vorzustellen. So wie es ist, bleibt es nicht.

Interview: Robert Czepel

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